Wiener Kaffeehäuser werden Weltkulturerbe

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2011
Die Wiener Kaffeehäuser gehören seit dem 10. November 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO und werden als Orte beschrieben, an denen "Zeit und Raum konsumiert werden, während man nur für den Kaffee bezahlen muss". Nehmen wir dies zum Anlass, die Wiener Kaffeehäuser genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Türken brachten den Kaffee nach Österreich, als sie 1683 versuchten die Hauptstadt zu besetzen. Der Legende nach erhielt Georg Franz Kolschitzky, ein Soldat und Händler polnischen Ursprungs, nach der Niederlage der Türken einige Säcke Kaffee als Anerkennung für sein Engagement während des osmanischen Angriffs. Kolschitzky mischte dem Kaffee Zucker und Milch bei und schuf anschließend die Wiener Kaffeehäuser. Er eröffnete das erste Kaffeehaus Mitteleuropas: Zur Blauen Flasche. Den Vorbehalten der Kunden gegenüber dem neuen, würzigen Geschmack begegnete er mit einer Reihe von Traditionen, die er selbst schuf und die noch heute Gültigkeit besitzen: klassische Musik, eine große Auswahl an Tageszeitungen und das obligatorische Glas Wasser zum Kaffee.

Im Zuge der industriellen Revolution entsteht die Wiener Gewohnheit des stundenlangen Verweilens mit einer einzigen Tasse Kaffee. Tatsächlich hat die Wohnungsnot dazu geführt, dass sich die Arbeiter in den Kaffeehäusern trafen, um hier zu diskutieren, Karten zu spielen oder auch nur, um sich aufzuwärmen und ihren winzig kleinen Wohnungen zu entfliehen. Heute gibt es mehr als 1000 Kaffeehäuser in der österreichischen Hauptstadt. Sie sind Inseln der Herzenswärme im harten Wiener Winter und erinnern an die Österreich-Ungarische Monarchie.

Touristenmassen schieben sich den ganzen Winter über durch die renommierten Einrichtungen wie das Café Sacher (Erfinder der berühmten Sachertorte), das Café Sperl, das Café Central oder auch das Café Prückel und werden von den Stammkunden, die sich hinter ihren Zeitungen verstecken und ihren Kleinen Braunen in der Hand halten, nur eines müden Blickes gewürdigt.

Während sie ihren Kaffee genießen stellen sie sich Freud, Schnitzler, Kafka oder auch Wagner vor, wie diese auf denselben Samtstühlen saßen, ihren Kaffee schlürften und an ihren Meisterwerken arbeiteten. Die Gespräche sind zackig, die Bedienung ist ruppig und das Trinkgeld bereits abgezählt. Den einzigen Schatten werfen die Rauchschwaden auf das Bild, die oftmals den Kaffeeduft übertünchen. Das Anti-Tabak-Gesetz scheint in Österreich noch nicht angekommen.

Einstmals wurde hier im wahrsten Sinne des Wortes österreichische Literaturgeschichte geschrieben, was die Wiener noch heute stundenlang an diesen Orten verweilen lässt. Hier kann man der Zeitlosigkeit frönen und voller Genuss vorbei eilende Passanten vor den Fenstern beobachten, den Unterhaltungen der Gäste am Nachbartisch lauschen und das hastige Kommen und Gehen der Kellner beobachten. Wenn es soweit ist, ruft man ihnen in schroffem Ton entgegen « Zahlen, bitte! », um sich dann von ihnen zur Tür begleiten zu lassen, wo sie einen zurück in die Kälte und den Alltag werfen. Der Wiener Journalist und Schriftsteller Alfred Polgar, ein Stammgast des Café Central, schrieb einmal: "Seit 10 Jahren saßen die zwei jeden Tag stundenlang im Kaffeehaus. Das ist eine gute Ehe! Nein, ein gutes Kaffeehaus."

Eine Stadt mit einer solchen Kaffeetradition braucht natürlich ihre eigene Sprache. Nur ein Unwissender bestellt in Wien einen Espresso, hier ein kurzer Auszug:

Melange – Espresso mit Milch und Milchschaum

Verlängerter – Espresso mit heißem Wasser

Kapuziner – Kleiner Mokka mit Sahne

Franziskaner – Melange mit Sahne

Schwarzer – Espresso

Kleiner Brauner – Espresso mit Milchschaum

Kaffee Verkehrt – Milchkaffee

Fotos: Homepage (cc)benjam/flickr; Im Text ©Laure Magnier