Wien, Alter! Auf den Spuren einer multiplen Jugosphäre

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2012
Mit Technobeat unterlegte Volksmusik dröhnt aus den Clubs, die sich dicht an dicht in der Ottakringer Straße drängen, der Balkanmeile im 16. Bezirk Wiens. Hier strömen aus dicken Boxen bosnische, kroatische, serbische oder montenegrinische Schnulzen. Hier werden Goldkettchen und kurze Röcke getragen.
Das also sind „die Jugos“, Wiens zahlenmäßig größte Zuwanderergruppe mit 10 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung. „Die Jugos“ - ein Klischee, eine Fremdzuschreibung? Auf Spurensuche durch ein Wien multipler Identitäten.

Ljubomir Bratić, Philosoph und Soziologe, kräuselt beim Begriff ‘Identität‘ die Stirn. Lieber spricht der politische Aktivist und Mitarbeiter des Integrationshauses von Selbstverständnis und Fremdzuschreibung an diesem Nachmittag in einem Kaffeehaus am Karlsplatz. Ljubomirs Eltern kamen als Gastarbeiter der ersten Generation, für die es in der sozialistischen Republik Jugoslawien keinen Platz gab. In Wien hingegen gab es Putzjobs und Baustellen – Arbeiten, für die Gastarbeiter angeworben wurden. Vor allem Menschen aus strukturell schwachen Gebieten wie der serbischen Walachei, aus der auch Ljubomirs Eltern stammen.

Einmal angekommen in Wien, waren sie „die Jugos“, Arbeiter mit vorübergehendem Aufenthalt im Ausland, die letztendlich - auch fünfzig Jahre später - in Wien blieben. „Bereits mit dem Moment der Auswanderung aus Jugoslawien waren die Menschen mit Erwartungen konfrontiert – sowohl in Wien als auch in Jugoslawien“, so Ljubomir Bratic. Arbeiten bis zum Umfallen in Wien – für ein Haus, das in der „jugoslawischen Heimat“ gebaut wurde, für ein Auto aus dem Westen, das im jährlichen Sommerurlaub den Daheimgebliebenen präsentiert wurde. Ein bisschen Stolz aus dem spricht: Seht her, ihr wolltet uns nicht haben. Jetzt sind wir im Westen und haben es geschafft.

Klischee-Prolls von der Balkanmeile: „Ein bestimmtes Feeling“

Und ihr Nachfolger Amar RajkovićDiese Praxis wird heute von den meisten abgelehnt. Ivana Cucujkić, 28 Jahre alt, hat 5 Jahre für das Multikulti-Magazin dasBiber geschrieben. Im Starbucks in der Shoppingmall Millenium City, Treffpunkt der ex-jugoslawischen „Community“, echauffiert sich Ivana über die gängigen Klischees. Welche Rolle die Identität „Jugo“ für sie spiele? „Hier werden wir von den Österreichern als Gruppe wahrgenommen und unten von den Daheimgebliebenen.“ Laut Ivana seien es die Diaspora-Leute, die im Sommer nach unten fahren und dort in den Clubs gerne unter sich blieben. Für die jugoslawischen WienerInnen ist der Sommerurlaub in den Ländern des Westlichen Balkans ein Paradies – alles ist günstiger.

Ivana kritisiert die unsensible Haltung ihrer Altersgenossen: “Es gibt Leute, die können es kaum erwarten, aus dem Auto zu steigen und mit irgendetwas zu protzen, oder über das Thema Gehalt zu sprechen. Ich weiß, für die Personen unten ist das unvorstellbar – aber für mich ist mein Gehalt angesichts der Lebenshaltungskosten in Wien nicht viel.“ Ivana distanziert sich bewusst von der als prollig wahrgenommenen Jugosphäre. Nur manchmal, da zieht es sie doch in die Ottakringer Straße. „Es geht um ein bestimmtes Feeling, das zu mir gehört, das ich mir hole, einmal im Monat. Aber wenn ich das permanent hätte, würde ich verrückt werden.“

Darf's ein bisschen Klischee sein?

Wien, Alter. Wien, Alter!

Um ein bestimmtes Feeling geht es auch am Abend zuvor, beim CD-Release von KidPex im Wiener Ostklub. In einer guten Stunde wird der Rapper gemeinsam mit seinem Kollegen BloodyMC die Bühne betreten. Noch sitzen die beiden jungen Männer entspannt im Backstage-Bereich, umgeben von ein paar Leuten aus der Tschuschenrap-Crew und Azra Halilovic, eine bosnische Sängerin, die das Publikum für den Auftritt von KidPex in Stimmung bringen soll. Von Aufregung keine Spur. Auf den T-Shirts der Rapper steht Wien Oida. Beč Oida [Wien Alter, Wien Alter!]. Damit ist alles gesagt: “Wien ist auf alle Fälle unser Zuhause“, meint BloodyMC, der seit fünf Jahren als Gastarbeiter in Wien lebt.

KidPex, der mit seinen Eltern im Alter von neun Jahren von Zagreb nach Wien gekommen ist und einen Bachelor in Publizistik hat, nickt zustimmend: „Zuhause ist da, wo sich die Vergangenheit und die Gegenwart abspielen. Ich verbinde mit Wien viel Vergangenheit, viele Freunde.“

Und wie sehen die anderen „WienerInnen” das? Klar kämen Zuschreibungen vor, Jugos würden sie genannt - manchmal. „Wenn es ironisch gemeint ist, ist es ok. Aber wenn es einen diskriminierenden Unterton gibt, dann ist das natürlich nicht akzeptabel“, meint KidPex. In erster Linie sehen sich die beiden nicht als Angehörige einer Migrantengruppe sondern als HipHopper, die mit offenen Augen durch ihre Stadt gehen und mit dem Finger auf blinde Flecken zeigen. „Ich mache in meinen Songs vor allem gesellschaftskritische Sachen“, sagt KidPex, während er seine neue CD Perestroika über den Tisch schiebt.

Von Eurojunkies und Jugos

Gerappt wird auf naš jezik, wie die beiden ihre Muttersprache bezeichnen. Weil die Ausdrücke messerscharf kommen müssen, weil Stimmung nur in der Muttersprache transportiert werden kann. Er rappt von der verlorenen Jugend oder von der verratenen europäischen Idee zugunsten eines ausufernden Kapitalismus: “Du bist ein Eurojunkie, dir scheint die Sonne nur, wenn die Kohle auf der Bank liegt. Du, in diesen Papierkram verliebt, wirst niemals Frieden finden.” Die Masse tobt.

Um vieles leiser geht es bei Djurica Nikolić zu. „Eine Stimme muss nicht schreien, mit Flüstern kommt man manchmal viel weiter“, sagt er. Gemeinsam mit seiner Kollegin Elisabeth Ettmann unterstützt er im Verein Im.Ausland Menschen mit Migrationshintergrund bei allen möglichen Herausforderungen des Alltags. Djurica selbst ist serbischer Roma, eine Identität, zu der er gerne mit mehr Mut stehen würde, wenn das negative Image nicht so präsent wäre. „Ich bin Europäer, meine Kinder sind Europäer.“ Menschen mit ganz unterschiedlichen sozialen und familiären Hintergründen treffen die beiden im 15. Bezirk. Multiple Identitäten. Und Djurica will ihnen eine Stimme geben: Er selbst sei „die Stimme der Zugewanderten.“ Eine Stimme, die Klischees brechen kann. Und die die Fremdzuschreibung „Jugo“ auf ein paar Clubs mit tagsüber herunter gelassenen Rollläden in der Ottakringer Straße verweist.

Illustrationen: Teaserbild (cc)Reisbüro Ottakringer Straße; Ivana Cucujkić ©dasBiber.at; Balkan-Beats (cc)nomada_20/flickr; Video (cc)KidPexTV/YouTube