Wie man Deutscher wird - erklärt von einem Engländer

Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2017
Artikel veröffentlicht am 25. Januar 2017

Wir von cafébabel lieben es, unsere Kulturen zu teilen, aber wir wissen, dass Assimilierung oft schwierig sein kann. Gut, dass der in Berlin lebende britische Autor Adam Fletcher das Buch "Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten" geschrieben hat. Unsere englischen und deutschen Redakteure haben ihre Favoriten ausgewählt. 

1. Die Kartoffel verstehen

Man sagt ja häufig, dass Eskimos viele hundert Wörter für Schnee haben. Und ebenso verhält es sich mit den Deutschen, die dutzende Arten haben, eine einfache Kartoffel zuzubereiten. Von Salzkartoffeln (einfach gekochte Kartoffeln mit einer Priese Salz), über Röstis (frittierte Reibekartoffeln) bis hin zu Rosmarinkartoffeln (Ofenkartoffeln mit Rosmarin überzogen). Ok, es mögen nicht besonders aufregende Variationen des gleichen Themas sein, aber es ist wichtiges Vokabular, das man lernen muss, wenn man sich am sonntäglichen Mittagstisch nicht blamieren möchte.

2. Fenster auf Kipp - egal wie kalt es ist

Im Vereinigten Königreich kennen wir zwei Jahreszeiten: Winter und Juli. Nur verarmte Studenten und die Menschen im Norden würden so töricht sein, ein Fenster über Nacht geöffnet zu lassen und sich somit den Elementen auszusetzen. Nicht so in Deutschland: Viele Fenster 'made in Germany' werden angekippt, damit die Luft zirkulieren kann. Wenn du also an einem Wintermorgen aufwachst und deinen Atem in der Schlafzimmerluft siehst: Glückwunsch - du bist Deutscher!

3. Nenne die Sache beim Namen

„Im Englischen geht es nicht darum, was man sagt, sondern wie man es sagt“, schreibt Fletcher. In Deutschland (und vielerorts in Europa) ist das Gegenteil der Fall. Wenn du in Großbritannien schnell an dein Ziel kommen willst, musst du dich mindestens fünf mal entschuldigen, während du fragst. Am besten geißelst du dich dabei selbst, weil du die andere Person belästigst. In Deutschland fragst du einfach nur. Alles klar?

4. Hasse Berlin

Deutsche haben eine Hassliebe zu ihrer Haupstadt. Die Leute, die dort wohnen, werden dir erzählen, es sei eine wundervolle Utopie, voller Kultur und Multi-Kulti. Leute von außerhalb werden dir sagen, dass es dort viel zu viele Hipster und Ausländer gibt. Eigentlich genau das, was die Briten über London denken.

5. Let's talk about sex

Blumen und Bienen sind in den meisten Kulturen ein Thema. Bei den Briten spricht man aber lieber selten vom faulen Nachtvogel Dodo und Bienen, die an einer Bienenstockkollaps-Fehlfunktion leiden. Die meisten britischen Männer würden sich ihren Jürgen eher abschneiden, als öffentlich zuzugeben, dass sie einen haben. Aber in Deutschland ist Sex wirklich kein Thema der Aufregung. Blumen tun es, Bienen tun es, sogar gebildete Flöhe tun es. Und eben auch deine Mutter und dein Vater.

6. In der Kürze liegt die Würze

Während andere rumschwadronieren, kommen wir Deutschen gerne zum Punkt. Lustig, dass Adam Fletcher darin eine gewisse Schönheit sieht. Wir verschwenden nur wertvolle Worte, wenn sie mit Bedeutung angereichert sind. Wir ziehen das "Schweigen" dem Smalltalk vor. Wir haben sogar ein Wort für jene, die einfach zu viel reden - Laberbacke! Seht wie viel Bedeutung wir in ein einziges Wort quetschen können:

7. Das Dritte-Reich-Fieber

Vor einigen Tagen veröffentlichte der in Berlin lebende jüdische Comedian Shahak Shapira eine Aufklärungswebseite mit dem Titel YOLOCAUST. Man kann sich vorstellen welche Aufregung es in Deutschland gab. Mein Kampf ist zurück auf den Beststellerlisten, nachdem letztes Jahr eine kommentierte Version herausgegeben wurde. Er ist wieder da, eine Satire, in der Hitler aufersteht und viral geht, verkaufte sich mehr als eine Million mal in Deutschland und wurde sogar verfilmt. Adams Freund fasst es gut zusammen: „Ich weiß mehr über Hitler als über meine Großmutter.“ 

8. Plagiarisiere deine Doktorarbeit

Wir Deutsche lieben Titel: sogar wenn du auf einer deutschen Reisewebsite einen Flug buchst, musst du angeben, ob du einen Doktortitel hast. Er ist eine Grundvoraussetzung für all jene, die es zu etwas in der Politik bringen wollen. Aber wenn du es vermasselst, bedeutet das das Ende deiner Karriere. Etwas, das schon einigen Politikern in Deutschland widerfahren ist.  Anstatt also Strg+C und Strg+V zu betätigen, solltest du eher einen guten Ghoswriter engagieren.

9. The Hoff

Adam Fletcher fragt sich, woher der Hoff-Mythos kommt und schlussfolgert, dass Hasselhoff ihn wohl selbst erfunden haben muss. Britische Freunde fragen ständig, ob wir David Hasselhoff in den 1980ern nun wirklich so verehrten. Und hier kommt der Knüller: es ist wahr (zumindest im ehemaligen Osten). Wir liebten "The Hoff" - wie könnten wir auch nicht, nachdem er sein One-Hit-Wonder "Looking for freedom" sang, als die Mauer fiel und Millionen von Menschen mit Dauerwelle und verwaschenen Jeansjacken die andere Seite entdeckten? Das heißt aber auch nicht, dass wir uns nicht manchmal heimlich schämen.

10. Opinion-Senf

Wir starten mit Kartoffeln und enden mit Senf. Wir haben bereits gelernt, dass Meinungen kurz sein können, aber seine kritische Meinung mitzuteilen - ob die Leute es nun wollen oder nicht - ist in Deutschland ein Muss. Genauso nötig, wie der Senf auf der Wurst. „Damit gewinnst du die Herzen, Köpfe und Mägen deiner neuen Freunde“, sagt Fletcher. 

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Adam Fletcher ist ein britischer Comedian und Autor in Berlin. Seine Bücher "Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten" und "Wie man Deutscher wird in 50 neuen Schritten" sind ab jetzt erhältlich auf Deutsch und Englisch, aufgelegt von C.H. Beck.