Wie Ibrahimovic mein Herz 'zlataniert' hat

Artikel veröffentlicht am 19. November 2012
Artikel veröffentlicht am 19. November 2012
Fußball hat mich nie gestört: In die Reihen des Fan-Clubs von Paris Saint-Germain bin ich problemlos aufgenommen worden. Einmal bin ich sogar schwach geworden und ins Stadion gegangen. Seit kurzem wühlt aber ein Mann in Shorts mein Herz auf. Eine Französin versucht sich am Porträt des größten Fußballcracks des Jahres. Mit Nagellack.

15. November 2012: Aufstehen ist eine Qual. Aber das ist nicht ungewöhnlich. Denn am Abend vorher hat Frankreich in Parma das Freundschaftsspiel gegen Italien gewonnen. Und dennoch: Kein einziger französischer Spieler wird diesen Erfolg kommentieren. Im Radio, im Fernsehen, im Internet - die Mannschaft von Nationaltrainer Didier Deschamps ließ sich die Show von einem Mann stehlen, der im Alleingang ein ganzes Land lahmlegte: England! Mit vier Toren schoss er seine Mannschaft zum Sieg. Sein letztes Tor treibt die Klicks auf der Videoplattform Youtube täglich mehr in die Höhe. Wer Internet hat, kam an diesem neuen Stern am Fußballhimmel nur schwer vorbei: Zlatan Ibrahimovic.

Ibracadabra

Aber wer ist der Spieler, der sich 35 Meter vor dem Tor des Gegners einen Fallrückzieher erlauben kann - und das mit einer unglaublichen Spontaneität und Leichtigkeit? Als ob es das Natürlichste auf der Welt wäre. Als ob er in seinem Leben nie etwas anderes gemacht hätte. Die Antwort findet sich in seiner Biografie.

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Der Chuck Norris des Fußballsports (der Spieler hat seit seinem 17. Lebensjahr den schwarzen Gürtel im Taekwondo) ist ein Europäer durch und durch. Und das nicht nur, um mir zu gefallen. "Ibra" ist in Wirklichkeit Schwede, am 3. Oktober 1981 in Malmö (im tiefsten Süden von Schweden) geboren. Seine Eltern stammen aus Bosnien und Kroatien. Im Klub seiner Geburtsstadt beginnt 1999 seine fußballerische Laufbahn. In der Folge spielte er für mehrere der namhaftesten europäischen Klubs (2001: Ajax Amsterdam; 2004: Juventus Turin; 2006: Inter Mailand; 2009: FC Barcelona; 2010: AC Mailand), bevor er im Juli 2012 in Paris Saint-Germain unterschrieb. Es war eines der meist kommentierten Ereignisse des Sommers.

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Warum? Weil dieser Typ eine Maschine ist, ein Dribbelkünstler, ein Fußballgenie. "Il genio" - lautet sein Spitzname in Italien und seine Verdienste sind ebenso groß wie er dreist ist: 33 Tore in 82 Länderspielen für die schwedische Nationalauswahl, 2009 und 2012 war er "Capocannoniere", Torschützenkönig der italienischen Meisterschaft. Zlatan war bester Spieler der italienischen Serie A (Saison 2007/08, 2008/09 und 2010/11), bester ausländischer Spieler des Jahres in der italienischen Seria A 2004/05, 2007/07, 2008/09 und 2010/11. Den Guldbollen (für den besten schwedischen Spieler des Jahres) bekam er in den Jahren 2005, 2007-2012. In den Jahren 2007 und 2010 war er der jahresbeste schwedische Athlet - das mag vorerst genügen, weiter im Programm!

Zlatan hätte die italienische Meisterschaftjedes Jahr seit 2004 gewonnen, würde man den bei Juventus Turin aberkannten Titel 2005/05 mitrechnen. Seit Beginn seiner Fußballkarriere kommt er auf einen Durchschnitt von 0,5 Toren pro Spiel, wenn nicht mehr. Kurz und gut, Ibrahimovic ist nicht nur eine Anekdote. Es ist also unnötig Erklärungen dafür zu suchen, warum sich der 31-Jährige - von den katarischen Emiren eingekauft - unter den Leitwölfen des Pariser PSG wiederfindet. Hier wird er hoch geschätzt - die Kataris haben sein Talent bei 9 Millionen Euro, netto und jährlich, eingestuft.

Alles für das schöne "Ich"

Seine Steuererklärung mal ausgelassen, möchte ich "Zlatan" ein großes Dankeschön sagen. Nicht nur weil er mich mit seinem freien Oberkörper in wohlige Stimmung versetzt (das bringen andere auch fertig!), sondern vor allem deshalb, weil ich dank seiner Kunst begonnen habe, Fußball anders zu mögen. Durch seine Bewegungen habe ich Lust bekommen, mich für die Technik zu interessieren, die Spiele des PSG (oder auch jene der Schweden) anzuschauen. Dabei laure ich stets auf das Wunder, die fantastischen Geschichten, die total übernatürlichen Aktionen und - vor allem - auf die wohligen Schauer! Für mich, die Novizin, ist das alles ein bisschen wie ein Mix aus Léo Messi, Cristiano Ronaldo und Fernando Torres, die einen simplen Sport wie Fußball in eine wahrhafte Kunst verwandeln können.

Dennoch ist Zlatan nicht nur ein Fußballer. Er ist ein gesellschaftliches Phänomen. Seine Marionette in der französischen Satire-Sendung Les Guignols de l'info ist omnipräsent. Was Zlatan tut und lässt wird auf diversen Internetseiten ausführlichst kommentiert. Zlatan soll von sich in der dritten Person sprechen, so genannte « Zlatan facts » - eine Hommage an Chuck Norris - machen rasant die Runde. Die Eskapaden des Zlatan Ibrahimovic haben sogar ein neues Verb - "zlatanieren" - hervorgebracht, das sich in jeder Lebenslage einwerfen lässt. Vielleicht gewinnt a genau dieser Stelle meine Weiblichkeit wieder die Oberhand. Denn wenn es darum geht, seine jüngsten Äußerungen zu kommentieren - "Was soll ich meiner Freundin zu Weihnachten kaufen? Nichts, sie hat ja schon Zlatan" - zappe ich weg: Den Fußballer, ja! Den Menschen, nicht unbedingt!

Illustrationen: ©Facebook-Seite Zlatan Ibrahimovic. Video (cc)SclicTv/YouTube