Wie es ist, der jungen ungarischen und Fußball-begeisterten Minderheit in der Slowakei anzugehören

Artikel veröffentlicht am 22. November 2008
Artikel veröffentlicht am 22. November 2008
Ich hatte mit einem Dutzend Jugendlicher telefonisch und per E-Mail Kontakt aufgenommen, um sie zu den angespannten nationalistischen Beziehungen zwischen Ungarn und der Slowakei zu befragen. Nur einer war bereit, mit mir über seine persönlichen Erfahrungen zu sprechen

Am 15. November scheiterte der Versuch der beiden slowakischen und ungarischen Premierminister Robert Fico und Ferenc Gyurcsány, Spannungen abzubauen, als sie sich in der Grenzstadt Komorn (slowakisch: Komárno; ungarisch: Komárom) trafen. "Die beiderseitige Entschuldigung der ungarischen und der slowakischen politischen Führung könnte aber ein erster Schritt zur friedlichen Koexistenz der zwei Nationen in der Slowakei sein", sagt Szabolcs. Wir haben uns an einem Sonntagnachmittag auf einen Drink in einem kleinen Café in Budapest verabredet, wo er die Universität besucht. Magyaren, die 9.7 Prozent der Bevölkerung der Slowakei ausmachen, leben größtenteils im südlichen Grenzbereich.

Der slowakische Vizepremierminister Dušan Čaplovič beschuldigte "ungarische Hooligans, die slowakisch-ungarischen Beziehungen beschädigt" zu haben.

Szabolcs fühlt sich seiner Heimatstadt Dunajská Streda (Dunaszerdahely) sehr verbunden. Sie liegt in einer von zwei südlichen slowakischen Bezirken, in denen viele Ungarn leben. Am 3. November wurden die Schlagzeilen von Nachrichten über 50 verletzte ungarisch-slowakische Fans beherrscht, die ein Fußballspiel im örtlichen Stadion besucht hatten. Der slowakische Vizepremierminister Dušan Čaplovič beschuldigte "ungarische Hooligans, die slowakisch-ungarischen Beziehungen beschädigt" zu haben.

Eine Jugend in der Slowakei

Szabolcs ist slowakischer Staatsbürger und spricht Ungarisch. Er besuchte einen ungarischen ©Hellyana/flickrKindergarten und betrachtet sich als Ungar. Er kennt die Beleidigung "dämlicher Ungar" aus Alltagssituationen wie der, wenn es beim Aussteigen aus dem Bus zu Drängeleien kommt. Da die ungarische Minderheit aber fast 80 Prozent der Stadtbevölkerung ausmacht, sind solche Bemerkungen nicht sehr häufig zu hören. Szabolcs' Freunde gehören alle zur ungarischen Gemeinschaft, und sie haben selber kaum irgendwelche slowakischen Freunde. Ein Jugendfreund, der einen slowakischen Kindergarten besucht hat, aber auf derselben ungarisch-sprachigen Höheren Schule wie er war, hat einige der ungarischen Traditionen aufgegeben, die für Szabolcs große Bedeutung haben“, besonders dann, wenn man aktives Mitglied der Minderheit sein möchte.

Szabolcs gönnt seinem Freund die vielen slowakischen Freundschaften, aber er findet, dass er seine ungarischen Ursprünge zu gering einschätzt. Das Aufrechterhalten lebendiger Verbindungen mit dem Heimatland und die ungarische Sprache erschweren die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den zwei Gemeinschaften. Die Nachforschung nach den kulturellen und historischen Wurzeln beider Länder wird helfen, ihre gemeinsame Vergangenheit zu verstehen. Sie werden auch akzeptieren, dass verwundete Nationalgefühle und historische Straftaten durch den Versuch ersetzt werden müssen, einander kennen zu lernen und zu versuchen, Seite an Seite so zusammenzuleben, wie es früher möglich war. "Leider ist das im Augenblick eine entfernte und idealisierte Vorstellung", sagt Szabolcs und macht sich auf den Weg zu einem Fußballspiel, bei dem er der ungarischen Mannschaft die Daumen drücken wird.