Wie die jungen europäer die krise wahrnehmen

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2014

Die Europawahlen nähern sich mit großen Schritten. Die Kandidaten für die Kommissionspräsidentschaft stellen ihre Lösungen zur Krisenbewältigung vor, aber wird dies ausreichen, um die Jugend zu überzeugen? Von Nürnberg über Koper bis Krakau erklären sieben junge Europäer, wie sie die Krise im Alltag erleben.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Europäische Union seit den Jahren 2008-2009 getroffen. Sie hatte unter anderem negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Firmen entließen tausende Arbeiter, um auf die schleppende Nachfrage zu reagieren. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit betrifft vor allem die Jugend. Von 2008 bis 2013 hat sich die Arbeitslosenquote der unter 25-jährigen in der Europäischen Union um 7,6 % erhöht. Sie ist somit von 15,8 auf 23,4 % angestiegen. 

Die Arbeitslosen, der "29. Mitgliedsstaat"

Jetzt, wo die Wahlen in Kürze stattfinden werden, arbeiten die Spitzenkandidaten für die europäische Kommission mit den Ellenbogen, um ihre Wählerschaft zu überzeugen. Sie setzen alles auf den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.

Mar­tin Schulz, Kandidat der Sozialdemokraten, beendete seine Zwischenrede während einer in Florenz ausgestrahlten Wahldebatte mit den Worten: "Ich werde den Schwerpunkt auf den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in Europa sowie die Steuerflucht setzen."

Von Seiten der Konservativen erklärte Jean-Clau­de Jun­cker: "Das Wachstum ist da, die Arbeitslosigkeit beginnt zu sinken... Aber solange es den 29. Mitgliedsstaat, welcher die Arbeitslosen sind, gibt, ist die Krise nicht beendet..."

Für Guy Ve­rhof­stadt, Kandidat der Liberalen, gibt es drei Prioritäten in diesem Wahlkampf: "Die Arbeit, die Arbeit, die Arbeit".

"Der Krise entkommen, der Sparpolitik ein Ende setzen und in grüne Arbeitsstellen investieren" sind die wichtigen Themen in den Augen von Ska Kel­ler und José Bové, Kandidaten der Grünen.   

Al­exis Tsi­pras, Spitzenkandidat der Linken für Europa, kündigte seinerseits vor der Kamera von Fran­ce 24 an: "Es gibt keine andere Möglichkeit, um ihr zu entkommen, als Investititonen für Arbeit und Wachstum zu finanzieren." Nach ihm "muss die Sparpolitik, welche Südeuropa zerstört hat, ein Ende finden."

"entweder du lachst oder du weinst"

Nach Viki, einer 25-jährigen Österreicherin, ist es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ einfach, in Österreich einen Job zu finden. Die nationale  Arbeitslosenquote ist eine der niedrigsten in der EU, sie betrug knapp 4,9 % Anfang 2014.

"Natürlich bemerke ich die Krise. Ich bin seit fast einem Jahr arbeitslos. Ich habe auch lange gebraucht, bis ich meinen vorherigen Job gefunden habe", klagt Rok, ein 30-jähriger Slowene.

Dora, eine 26-jährige Ungarin, erkärt für ihren Teil, dass sie zahlreiche Personen hört, die sich über die Auswirkungen der Krise beschweren. "Persönlich spüre ich die Krise nicht, ich habe mehrere Jobs. Aber ich repräsentiere nicht wirklich den ungarischen Durchschnitt. Ich habe gerade fünf Jahre im Ausland verbracht und spreche mehrere Fremdsprachen", sagt sie.

In Kroatien "bekommt ein Arbeitsloser 50 Euro pro Monat! Es ist ein wenig wie bei Monthy Python. Entweder du lachst oder du weinst", erzählt Jelena, eine Kroatin von 25 Jahren.

Das Umfeld entscheidet

Einige der befragten jungen Erwachsenen bekennen, dass ihre familiale Situation ihnen erlaubt hat, einen anderen Weg einzuschlagen, als die meisten anderen jungen Menschen ihres Landes.

"Dank meiner Auslandsaufenthalte konnte ich Fähigkeiten entwickeln, die andere nicht haben. Ich hatte die Möglichkeit, an anerkannten Schulen zu lernen und an die Universität zu gehen. Alles hängt vom Niveau der Ausbildung und seinen Beziehungen ab", erklärt Dora.

Viki denkt, dass alles vom Fachgebiet abhängt, einige Berufsfelder sind überlaufener als andere. "Das soziale Umfeld, die Sprachkenntnisse und das Ausbildungsniveau spielen ebenfalls eine Rolle", fügt sie hinzu.

Phi­lipp, ein 28-jähriger Deutscher, spürt die Krise nicht : "Nein, meine Situation ist zufriedenstellend. [...] Ja, es ist schwierig einen gutbezahlten Job zu finden, aber im Ganzen geht es."

geschmälerter Mindestlohn

Rok wohnt in Koper, einer slowenischen Küstenstadt, deren Ökonomie stark vom Hafen abhängig ist. Er bezieht momentant eine Arbeitslosenhilfe von 250 Euro pro Monat. Er hat gerade eine Arbeit als Projektleiter im Rahmen eines europäischen Projekts, welches vier Monate dauern wird, gefunden. Er wird den Mindestlohn verdienen, etwa 600 Euro pro Monat.

"Ich habe das Gefühl, das die Situation sich langsam verbessert, nicht dank der politischen Führung sondern vielleicht wegen der Wirtschaft", bestätigt er. In Kroation ist die Situation noch prekärer. "Ein junger diplomierter erhält einen Lohn von 250 Euro pro Monat, aber er hat die Garantie für ein Jahr zu arbeiten. Mit solch einem Lohn kann man unmöglich leben, es sei denn, du wohnst noch bei deinen Eltern", berichtet Jelena.  Wie die Karte von Eurostat bezeugt, sitzen nicht alle Mitgliedsstaaten im selben Boot. Das Niveau des Mindestlohns variiert stark zwisch den europäischen Staaten. Von 158 Euro pro Monat brutto in Bulgarien bis 1874 Euro in Luxem­burg, also zwölfmal mehr. Sechs Länder haben noch keinen Mindestlohn eingeführt: Deutschland, Österreich, Zypern, Finnland, Italien und Schweden.

Die Aussagen dieses Artikels stammen aus Interviews mit sieben jungen Europäern zwischen 25 und 30 Jahren, geführt vom 21. März bis 5. April. Sie kommen aus sechs Mitgliedsstaaten der EU, Deutschland, Östereich, Kroatien, Ungarn, der Tschechischen Republik und Slowenien.