Wided Bouchamaoui: "Nobelpreis für Europa - warum nicht?"

Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2016

Wided Bouchamaoui ist eine der einflussreichsten Frauen im arabischen Kulturkreis. Die Präsidentin des tunesischen Arbeitgeberverbands UTICA erhielt 2015 den Friedensnobelpreis für ihr Engagement im Rahmen des Tunesischen Quartetts für den nationalen Dialog, das im Zuge der Arabischen Revolution immer wieder für demokratische Werte einstand.

cafébabel: Die moderne Welt ist ziemlich komplex. Wie würden Sie einem Kind erklären, was Sie beruflich machen?

Wided Bouchamaoui: Ich würde ihm sagen, dass der nationale Dialog [Das Tunesische Quartett für den nationalen Dialog setzte sich während des Arabischen Frühlings für die Demokratie im Land ein. "Die Initiative begründete einen alternativen, friedlichen politischen Prozess in einer Zeit, in der das Land am Rande des Bürgerkriegs stand", hieß es in der Begründung der Nobel-Jury; A.d.R.] der einzig mögliche Ausweg für unser Land war. Dass wir keine Wahl hatten.

cafébabel: We can all be heroes, just for one day. Von welcher Sache haben Sie schon immer heimlich geträumt, sie aber am Ende doch nicht gemacht?

Wided Bouchamaoui: Ich habe immer davon geträumt, meinem Land etwas zurückzugeben. 

cafébabel: Sie haben einmal gesagt, in Tunesien seien die Leute gerade dabei, Demokratie lernen. Wie stellen Sie sich ihr Land in 10 Jahren vor? 

Wided Bouchamaoui: Wir lernen und wir lernen sehr schnell, denn die Dinge haben sich geändert. Mit den neuen Technologien können wir uns Jahrhunderte an Fortbildung sparen. Macht euch also keine Sorgen, wir werden die Verspätung schnell aufholen.

cafébabel: Was regt Sie in der Welt aktuell am meisten auf?

Wided Bouchamaoui: Das Unverständnis über unsere Religion. Die Menschen verstehen die muslimische Religion nicht richtig und verwechseln den Islam, eine Religion der Toleranz, mit Extremismus. Das verletzt uns sehr.

cafébabelUnsere Gesellschaft verlangt nach Perfektion. Über welchen Makel können Sie trotzdem gut hinwegsehen?

Wided Bouchamaoui: Vielleicht die Dickköpfigkeit (lacht). Weil die Menschen sich nicht verändern wollen. Und um an dem Punkt zu sein, an dem wir heute in Tunesien sind, muss es ziemlich viele Dickköpfe gegeben haben.

cafébabel: Glückwunsch! Sie wurden soeben zur Jugend-Repräsentantin der Welt gewählt. Wie lautet Ihr Slogan?

Wided Bouchamaoui: Hoffnung. Man darf nie aufgeben und muss viel Selbstvertrauen haben, die Jugend ist immer Hoffnung.  

cafébabel: Es scheint, das Internet weiß so ziemlich alles. Was weiß google noch nicht über Sie?

Wided Bouchamaoui: Oh, diese Frage müssen Sie meinem Sohn stellen. Der kennt sich da besser aus als ich. Da muss ich passen.

cafébabel: Wenn Sie eine Sache erfinden könnten, die es noch nicht gibt, welche wäre das?

Wided Bouchamaoui: Ich würde die Toleranz wieder neu erfinden. Denn aktuell scheint sie ja fast verschwunden zu sein. 

cafébabel: Was ist das erste, was Sie am Morgen tun?

Wided Bouchamaoui: Ich versuche mein Tagesprogramm durchzugehen und es dann auch Punkt für Punkt durchzuziehen. Und dabei trinke ich viel Wasser. 

cafébabel: Mal unter uns, hat Europa den Nobelpreis verdient?

Wided Bouchamaoui: Warum nicht. Es kommt darauf an, aus welchem Grund. Europa hat etwas Außergewöhnliches geschafft, also warum nicht? Aber um auf diese Frage zu antworten, müsst ihr Europäer euch selbst fragen, was Europa für euch getan hat. Sicher ist, dass wir mehr Hilfe von Europa benötigen. Es wäre bereichernd, wenn Europa sich Tunesien weiter annähern würde. Ich werfe niemandem etwas vor, aber ich hoffe, dass unsere Beziehungen zu Europa stärker werden. 

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In Europas Teich schwimmen viele große Fische. Die cafébabel-Interviewserie Big Fish taucht tiefer in den Alltag der großen Namen des Kontinents ein.