Wenn Wörter das Mittelmeer bewandern

Artikel veröffentlicht am 6. August 2015
Artikel veröffentlicht am 6. August 2015

Wörter wandern genau wie Menschen. Über Jahrhunderte haben sie von den Küsten Nordafrikas ausgehend das Mittelmeer überquert, um sich in Sizilien festzusetzen. Das Buch Parole migranti tra Oriente e Occidente von Ruffino und Sottile erklärt den Mittelmeerraum anhand der faszinierenden Geschichte der Wörterwanderungen“.

Wie wichtig ist heutzutage das Fremde? Und inwieweit stellt es eine Bedrohung dar? Während die Politik versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden und sich dabei in verschiedene, verfeindete Lager aufteilt, erforschen andere die Stammbäume von Wörtern, um ihre möglichen gemeinsamen Wurzeln aufzudecken. Diese existieren und machen aus Wörtern ein Symbol der Integration und Multikulturalität, des gemeinsamen Wissens, der überall gleichen Ideen, die sich an die Kulturen anpassen, bei denen sie landen. Es handelt sich um „Wanderwörter“, die mit und gleich den Menschen das Mittelmeer überquert haben. Viele haben überlebt, indem sie sich mit dem sizilianischen oder ligurischen Dialekt, mit französischen und spanischen Wörtern vermischt haben. Das ist das Ergebnis der Forschung von Giovanni Ruffino und Roberto Sottile, Linguisten der Universität von Palermo, die vor kurzem Parole migranti tra Oriente e Occidente veröffentlicht haben.

Das Buch bedient sich des Spezialjargongs seiner Disziplin nicht zu viel, um sogar für Kinder verständlich zu sein. Denn zu einer Zeit, in der die Immigration, oder besser die Emigration der Menschen von den Küsten Nordafrikas an die von Sizilien oder Apulien noch als zu lösendes Problem angesehen wird, müssen wir den zukünftigen Generationen beibringen, das Fremde zu akzeptieren. Das ist, in Kürze, die Botschaft der zwei Autoren. Es reicht also nicht, sich zu erinnern, dass auch die Italiener als Migranten den Weg für Missionen der Solidarität gegenüber Nigerianern, Tamilen, Libyern oder Ägyptern bahnten. Wir müssen auch unseren Wortschatz wieder neu betrachten, als ewigen Beweis dafür, dass das Wissen mit dem Menschen wandert und ihn bereichert.

„Über diese Wanderungen nachzudenken kann uns helfen, die kulturelle Vielfalt zu erfassen, die aus ihnen hervorgegangen ist und noch hervorgehen könnte, hätten sich nicht inzwischen Attitüden von besorgniserregender Abschließung und verheerender Aggressivität aufgebaut, schreiben die Professoren. Sie geben auch ein konkretes Beispiel: „Im Mittelalter sind über Spanien und Sizilien Techniken, Wissenschaften und Philosophie in Europa angekommen, die die Araber von den Griechen, Indern, Persern, Ägyptern und Juden geerbt hatten. Diese Einbringungen ermöglichten eine außerordentliche Entwicklung Westeuropas. All das konnte geschehen, weil diese komplexen, uralten Prozesse mehr von progressiven Ergänzungen als von Ersetzungen gekennzeichnet waren, eher von notwendigen Synkretismen als von Löschungen.“

Wörter also, die wandern, die aufeinander fußen und neue Vokabeln hervorbringen, die auch heute noch verwendet werden. Und Beispiele gibt es in dem Buch zuhauf. Eines davon ist das Wort „tabbutu“ („Sarg“), welches „die außerordentliche Tragweite der arabisch-maghrebinischen Bedeutung für die linguistische Ordnung des Mittelmeerraumes“ repräsentiert. „Der Arabismus tabbutu, vom arabischen tabut gleicher Bedeutung, breitet sich von Sizilien (wo er Ende des Jahres 200 in einem lateinischen Schriftstück über Ethik dokumentiert ist) in ganz Süditalien mit einer flächendeckenden Streuung, die für alle anderen Arabismen sizilianischen Ursprungs unbekannt ist, aus.“ Und dieses Wort ist weiter gereist, hat auch die Iberische Halbinsel erreicht und ist von hier aus nach Frankreich gezogen, um später auf die Halbinsel zurückzukehren. Sein Gebrauch in der italienischen Sprache ist darüber hinaus in einem Dokument des Jahres 500 auffindbar. Und die Beispiele gehen weiter. Das Wort „Weste“, „cileccu“, vom türkischen „yelek“ verbreitet sich in fast allen Küstengebieten des abendländischen Mittelmeers, nachdem es zwischen 500 und 700 vom Maghreb ankommt. In Italien hat es im Süden und in Genua Verbreitung gefunden und sich mit einigen ligurischen Dialekten vermischt. Sein Gebrauch in der italienischen Sprache ist dagegen etwa um das Jahr 600 dokumentiert.

Aber die Wanderung dieses Wortes erschöpft sich nicht hier. „Dasselbe Wort erreicht die Adriaküste schon um 400 n. Chr. über das Dalmatische, wahrscheinlich über die Stationen griechisch – arumonisch – rumänisch. Etwa im Jahre 700 in Frankreich angekommen, ist es in der Form von „gilet“ endlich nach Italien (zurück)getragen worden.

Alle Wege von wandernden Wörtern, die von Ruffino und Sottile gefunden und studiert wurden, sind auf kleinen Karten reproduziert, von denen die Seiten des Buches voll sind. Rote Pfeile bewegen sich zwischen verschiedenen Teilen des Mittelmeeres, von einer Küste zur anderen, teilweise auch auf zirkulären Wegen. Von Süden nach Norden, aber auch in der entgegengesetzten Richtung. Denn auch die normannischen Völker haben im Mittelalter ihre wichtige Rolle auf der großen Karte der Wanderung von Wissen und Wörtern gespielt. Denn die Migration von Menschen, Kenntnissen und Wörtern hat nie aufgehört. Und auch heute bleibt sie in ihren Ursachen unverändert.