"Wenn ich zwischen Sex und einer Live Performance mit The Whitest Boy Alive wählen müsste…"

Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2009
Erst waren da nur Computer. Am nächsten Tag brachte Gott Instrumente. Und innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich der polyphone Elektrosound der Berliner Band für WBA-Fans in ganz Europa in reine deprogrammierte Freude umgewandelt. Wir haben die Jungs aus Bergen, Berlin und Toruń auf einen Plausch in Rennes getroffen.

Pressekonferenzen sind immer etwas ätzend. Bei dieser sind The Whitest Boy Alive ein bisschen aggressiv, gelangweilt, provozierend. Vielleicht liegt es daran, dass wir auf den Transmusicales in Rennes sind, dem jährlich stattfindenden Festival, das völlig selbstlos von sich behauptet, Bands zum Durchbruch zu verhelfen - The Prodigy, Garbage, We Have Band, Micachu und the Shapes haben hier gespielt als sie noch unbekannt waren - und, räusper, warum sind sie heute dann der Eröffnungsgig?

“Es ist schon seltsam, für nur 5.000 Leute hier zu sein”, stimmt der norwegische Frontsänger Erlend Øye zu. Die Jungs stellen den Journalisten demonstrativ Gegenfragen. Das scheint durchaus interessanter. “Und, was denkst Du, warum wir The Whitest Boy Alive heißen? Wie hast Du uns entdeckt?“ - “Äh ja, wir sind eine sehr gute Myspace Band” - nickt Øye. „Und kennen wir ihre Musik?“, spöttelt er weiter. Verhaltene Stille. „Ist jemand aus Südfrankreich hier?“ Es gibt eine Kluft zwischen den Vieren auf dem Sofa und uns 'Franzosen', die wir dicht gepackt gegen die Wand stehen. Ein Gainsbourg-ähnlicher Teenager dreht den Spieß um und flüstert eine untypische Frage. “Wenn ich die Wahl hätte zwischen gutem Sex oder einer WBA-Live Performance?” kichert ein nun etwas gelösterer Øye, während er seine rotgefärbten, lockigen Haare streicht. “Ich müsste auf der Bühne stehen.”

Synthesizer

The Whitest Boy Alive sind ein sichtlich gut eingespieltes Team. Sie kontrollieren die Situation. Das Projekt begann im Jahr 2003, in einer Zeit als Øye und der polnische Bassist Marcin ‘Öz’ ihrer computerbasierten Dance Musik müde wurden. Sie folgten den Tönen, die aus dem Studio im Erdgeschoss ihres Gebäudes kamen, und entdeckten dort ihre zukünftigen Bandmitglieder, die damals Zweidrittel der deutschen post-neunziger Jahre Dance Musikgruppe Extra Produktionen waren. “Diese zwei Jungs geisterten um das Gebäude herum. Wir wollten ein neues Schloss für die Tür, damit sie die Instrumente nicht stehlen“, lacht Öz, während er in Richtung des Keyboarders ‘Mr. Synth’, Daniel Nentwig, und Drummer Sebastian Maschat gestikuliert. ”Ich dachte, dass Marcin sehr tough aussah als ich ihn das erste Mal traf”, sagt Erlend Øye, 34 Jahre alt, über den früheren Resident ‚DJ Highfish‘ des Berliner WMF Clubs.

©Nabeelah Shabbir

“Wir sind überhaupt nicht unkonventionell”, entgegnet Nentwig, der sich über eine Frage sichtlich aufregt. “Wir verwenden Trommeln, Bass und auch die Gitarre! Unsere Musik hat ihre Wurzeln in den 1970er Jahren als wir geboren wurden. Schaut euch die ganzen Dance, Soul und Disco Bands an; es hat alles mit James Brown und Thriller angefangen.” Erlend unterbricht ihn - “Wir verwenden nur ein unkonventionelles Instrument” - “der Synthesizer, auf dem ich spiele stammt aus dem Jahr 1978”, fügt Nentwig hinzu und relaxt ein wenig. “Ich spiele gerne auf ihm, es hat so viele Bedienungselemente. Und die 1980er brachten mehr Sound für Synthesizer. Wie auch immer, ich höre nur alte Musik.” “Mir gefällt der Sound von Kim Ki O”, wirft Erlend ein.

Berliner Regeln

Öz und Øye haben zwischenzeitlich einen freundlichen Streit über die deutsche Hauptstadt vom Zaun gebrochen, wo ihre Musik ursprünglich herkommt. “Ja, und warum leben wir dann nicht mehr dort?” ruft Øye. “Die Musikszene in Berlin ist nicht wirklich gut. Es gibt einen großen Hype, aber es ist nicht der beste Ort für gute Inhalte. Bergen (Erlends Heimatstadt - A.d.R.) ist gut für Bands.” “In Berlin gibt es viele Produzenten und Musiker. Obendrein ist es günstig”, kontert Marcin. “Man muss sich nicht so viele Sorgen um die Miete machen wie in London oder Paris. Berlin ist aber irgendwie voll, es ist schwer, dort Platz zu finden. Aber wenn man eine Stadt für die Leute interessant gestaltet, dann kommen die auch.”

Auch Maschat stimmt der Berliner Besonderheit zu: ihrem musikalischen Exodus. “Leute ziehen nach Berlin, um Musik zu machen; sie leben dort und das ist, was die Musikszene ausmacht, sie kommt aus der ganzen Welt in diese Stadt. Das kann man nicht verallgemeinern. Berliner Hip Hop zum Beispiel - das ist gar nicht gut.”

©whitestboyalive.com/“Ich denke nicht, dass es eine gute Berlinszene gibt - zumindest was Bands anbetrifft”, wiederholt Øye. “Wir stehen in Berlin ziemlich allein da.” Die Vier streiten ab, dass beide Alben in Mexiko aufzunehmen ein Kompromiss war. “Wir versuchen eine gute Zeit zu haben damit zu verbinden, gute Musik zu machen”, sagt Øye. “Wir sind sehr diszipliniert”, fügt Öz hinzu. Das ist aber nicht der Grund, warum ihr aktuelles, im März 2009 bei ihrem deutschen Label bubbles veröffentlichtes Album Rules heißt. “Es kursieren Sachen im Internet über den Albumnamen, die völlig falsch sind”, sagt Øye. “Mit den DJs ist das ähnlich. Als mir klar wurde, dass die tatsächlich Regeln haben, habe ich mir eines Abends einen DJ angehört, der eine tolle Platte gemacht hatte, und wartete die ganze Nacht auf den einen Titel. Und am Ende fragte ich ihn, wann er ihn spielen würde, und er sagt nur aaah, Regeln. Aaaah, Regeln - na ja, wir wollten sie eben brechen.”

©Renata Burns

Auf der Bühne ist es eine Herausforderung, sich an die verschiedenen Regeln zu gewöhnen; The Whitest Boy Alive um 20.30 Uhr in einer riesigen Halle zu sehen, während Fans an einem Dezemberabend draußen weiterhin im Regen warten. Es ist aber umso seltsamer, dass nach dem WBA-Gig der Brite VV Brown folgt - ein Missverständnis im Programm, versichert uns der deutsche Tourmanager. Der Whitest Boy Alive Auftritt fühlt sich an wie eine riesige Teeparty, was die angeheiterte Menge nicht davon abhält, zum ersten Track des zweiten Albums, Island, loszuschreien.

©Renata BurnsNentwig macht es sich hinter dem Synthesizer, die Schuhe ausgezogen, gemütlich und Maschat kontrolliert seine Trommelstöcke mit der Präzision eines Arztes. Öz folgt ihm kollegial und stößt Bassmelodien aus, während er an die Decke starrt und sich oft Rücken an Rücken an Øye schmiegt, welcher der echte Showman der Vier ist: Er hebt seine Arme und nickt oft, um die arrogante Illusion dann mit seiner ruhigen Stimme aufzulösen. Zu einem Zeitpunkt lässt er seine Gitarre fallen, um ohne viel Aufhebens einen post-anständigen Hinternboogie am Rande der Bühne zu vollführen, feiert seine magere Gestalt auf der ganzen Bühne und ruft in die Menge, die ihm zufrieden zurückruft. “Sind wir im Norden Frankreichs oder was?!” zieht er sie zwischen den Songs auf. “Wir sind doch alle glücklich oder nicht? Es gibt keinen Krieg in der Welt, ihr habt Abendessen auf dem Tisch und ihr habt es geschafft, Tickets für die Show heute Abend zu kaufen.”