Wenn Gott der bessere Sozialist ist als Cäsar

Artikel veröffentlicht am 8. Januar 2009
Artikel veröffentlicht am 8. Januar 2009
Mit den Christdemokraten als starker Minderheit im Parlament und der schwachen Präsenz der Mitte-Links-Parteien bleibt nichts anderes übrig: In Italien muss der Vatikan die Oppositionsrolle gegen die Regierung übernehmen. Und es gibt bereits Stimmen, die der Kirche vorwerfen, sie sei von Kommunisten unterwandert.

©Kaleedoscope/flickrIn Italien prädigt die Opposition vom Balkon der Peterskirche herab, kontrolliert von der Zeitschrift Famiglia Cristiana. Dieser Eindruck entsteht, wenn man die jüngste Enthüllung über den Gründer der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci, betrachtet, der nämlich vor seinem Tod zum Katholizismus konvertiert haben soll. Der Eindruck verstärkt sich außerdem durch zahlreiche andere kritische Wortmeldungen, zum Beispiel gegen die Behandlung von Immigranten und Roma, oder gegen die ungerechte Verteilung des Reichtums in Italien.

Ehrlich gesagt war es einigermaßen vorauszusehen, dass zwischen Kirche und Staat eine neue Eiszeit ausbrechen würde. Allerdings liegen die Fronten heute, in der sechzehnten Legislaturperiode Italiens, anders. Die Trennung der Kompetenzen zwischen Gott und Cäsar ist keine Streitfrage mehr: In der heutigen totalen Krise der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Werte geriet die antike Institution der Geistlichkeit in die ‚Opposition‘. Und sie gibt politische Antworten auf die unpolitische Haltung der Regierung. Nachdem die Christdemokratische Partei, UDC (der Zusammenschluss der Union der Christdemokraten und der Partei der Demokratischen Mitte, A.d.R.) bei den jüngsten Wahlen zu einer verschwindenden Minderheit im Parlament wurde (nur 34 Sitze), da sie die Dreiprozent-Hürde nur knapp geschafft hatte, ging die Vertretung der italienischen Katholiken auch in politischer Hinsicht sozusagen automatisch auf den Vatikan über.

Wenn der Papst seine Meinung sagt

©Ammar Abd Rabbo/flickrVon der vorher erwähnten schwachen politischen Gruppe fällt es nicht allen leicht, die Haltung der Kirche mitzutragen. «Ich rufe die Regierung auf, den Banken Geld zu geben, damit sie nicht zusammenbrechen und ich fordere die Banken auf, den Armen der Gesellschaft zu helfen ». Das ist keine konventionelle Predigt, die man von Benedikt dem XVI. erwarten könnte. Oder an anderer Stelle: «Die Reform der Universitäten muss die Freiheit von Forschung und Lehre sowie deren Unabhängigkeit von Einflüssen aus Wirtschaft und Politik garantieren ». Sein Kommentar bezog sich wohl auf die Folgen der vielen Gewalttaten, die uns in jüngster Zeit begegnen: «Die Gewalt ist eine Auswirkung der Ungleichheit aufgrund der ungerechten Verteilung des Reichtums in der Gesellschaft und des mangelnden Pflichtbewusstseins der Parteien und der Regierung ». Hinzu kommen die Streitschriften gegen die Behandlung illegaler Einwanderer und der Roma gegen die vielen « Sicherheitskräfte » des italienischen Militärs in den Städten und gegen die tödlichen Arbeitsunfälle.

Die kommunistische Zeitschrift ‚Christliche Familie‘

©Alessio85/flickrNeben dem Vatikan wurde auch die katholische Zeitschrift Famiglia Cristiana (christliche Familie) des Protokommunismus beschuldigt: «Nicht als Proto-, sondern als Kryptokommunisten wurden wir zu verschiedenen Anlässen bezeichnet! Wir als Zeitungsmacher beobachten die Politik und analysieren ihre Entscheidungen sowie die politischen Fakten. Diese Regierung hilft den Familien nicht, das stellen wir immer wieder fest », erklärt Chefredakteur Alberto Bobbio. «Ist es denn zu viel verlangt von der Regierung, den Verdacht auszuräumen, dass wenn die Rechten an der Macht sind, die soziale Schere nicht weiter auseinanderklafft? » Diese Frage irritierte Berlusconi so sehr, dass er die Zeitschrift Famiglia Cristiana (christliche Familie) als kryptokommunistisch bezeichnete. «Wenn eine Zeitschrift enthüllt, dass die Politik ihre Aufgabe nicht erfüllt », führt Bobbio aus, «hält sie die Mächtigen in Atem: so sollte es doch sein oder nicht? »

Ersatz für die fehlenden Linken

Die Parteien und Zeitungen der Linken erfüllen diese Aufgabe nicht. Sie sind gelähmt durch das zweite « Tangentopoli ». Zahlreiche Führungskräfte und Mitglieder der Mitte Linkspartei Partito Democratico wurden wegen Korruption verhaftet oder angeklagt, niemand stellte ihre Wählbarkeit oder Kompetenz in Frage. Das Erstaunliche dabei ist es gar nicht, dass die Kirche und kirchennahe Medien eine solche Haltung annehmen. Das Monatsmagazin « Wege der Kommunion und Befreiung » (Tracce di Comunione e Liberazione) brachte im vergangenen November auf der Titelseite den Satz « Holen wir uns die Arbeit zurück ».

Vielmehr erstaunt die Tatsache, dass sie die einzigen sind, die opponieren und von der Möglichkeit einer konstruktiven Kritik Gebrauch machen beziehungsweise sich um die Angelegenheiten der Gemeinschaft kümmern. Sie machen demnach genau das, was die Kommunisten der ersten Republik schon vor ihnen gemacht hatten. Vielleicht war diese späte Annäherung für den Vatikan der Anlass, von der Bekehrung des Gründers der kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci, kurz vor seinem Tode zum Katholizismus Notiz zu nehmen. Hammer, Sichel und Kruzifix.