“Wenn es uns gelingt dort präsent zu sein, wo Entscheidungen gefällt werden, werden wir eine bessere Zukunft haben”

Artikel veröffentlicht am 18. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 18. April 2005

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Café babel im Gespräch mit Juan de Dios Ramírez Heredia, einem Zigeuner, dessen starke Verbundenheit mit seinem Volk ihn seit 25 Jahren zum spanischen Abgeordneten und Europaparlamentarier gemacht hat.

Es überrascht, Juan de Dios Ramírez Heredia zum ersten Mal sprechen zu hören. Seine rhetorischen Fähigkeiten und sein bestechender Scharfsinn, die er wahrscheinlich seinen Erfahrungen als Anwalt, Journalist und Lehrer zu verdanken hat, haben ihn zu einem Mythos werden lassen. Wenn er spricht, hört er nie auf, sich an sein Volk zu wenden, der Zigeuner, der wie er sehr wohl weiß von öffentlichen Vertretern gebraucht wird, die ihn dazu ermutigen, die Sphären von Macht und Freiheit in der Gesellschaft, in der er sich bewegt zu teilen. Er war der spanische Vertreter in der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. 1986 gründete er die Unión Romaní, einen Zusammenschluss spanischer Zigeunervereinigungen, dem er auch vorsitzt.

Welche kulturellen und identitätsstiftenden Eigenschaften halten Sie in den Gemeinschaften der Roma für wesentlich?

Zigeuner zu sein bedeutet, sich als Zigeuner zu fühlen. Es bedeutet Teil eines Wertesystems zu sein, das den gesamten Körper durchtränkt und die gesamte äußere Wahrnehmung vor dem Hintergrund seiner tausendjährigen Kulturgeschichte bestimmt.

Gibt es Minderheiten innerhalb dieser Minderheit?

Ich würde sagen nein, obwohl mir bewusst ist, dass sich das Leben der Zigeuner, die man als westlich bezeichnen könnte, stark verändert hat. Die Aufnahme der zehn zentraleuropäischen Länder in Europa hat die Welt der Zigeuner des alten Europas radikal verändert. Heute liegt das stärkste Einflusspotential der Zigeunergemeinschaft in diesen erst kürzlich aufgenommenen Staaten.

Müssen Zigeuner in Europa immer noch mit Ratten zusammenleben, wie Sie das seinerzeit in Ihrer berühmten ersten Rede im spanischen Parlament im Jahre 1978 angeprangert haben?

Leider ja. Die Armutsanzeichen unseres Volkes sind auch weiterhin alarmierend. In Rankings, die den kollektiven Wohlstand messen, belegen wir überall den letzten Platz. Der Analphabetismus ist eine quälende Geißel, mit der fast alle europäischen Zigeuner zu kämpfen haben. Das Ende des Systems unter dem die in Osteuropa lebenden Zigeuner gelitten haben, hat für sie keine wirtschaftlichen Vorteile und die Gleichstellung mit ihren Mitbürgern gebracht. Die Präsenz so vieler bettelnder oder Autoscheibenputzender osteuropäischer Zigeuner auf unseren Straßen ist ein Symptom dieser schrecklichen Armut.

Die Bildungssysteme spielen bei der sozialen Integration eine wichtige Rolle. Glauben Sie, dass die europäischen Bildungssysteme die Besonderheiten der Roma ignorieren?

Es ist schwierig, darauf eine generalisierende Antwort zu geben. Ich weiß, dass in einigen Ländern die Grundschulausbildung der Zigeunerkinder zweisprachig stattfindet. Aber das Problem hat zwei Seiten. Einerseits geht es darum, den Zigeunerkindern- und jugendlichen die gleiche Ausbildung wie dem Rest der Bürger zu garantieren, die aber die kulturelle Besonderheit unseres Volkes mit einbeziehen sollte. Gleichzeitig jedoch muss diese interkulturelle Erziehung an die gadyè gerichtet werden, d.h. an die Nicht-Zigeuner. Es ist notwendig, dass ihre Kinder von klein auf lernen, dass es auch andere Kinder gibt, die eine eigene Kultur haben, die es zu respektieren und zu verteidigen gilt.

Glauben Sie, dass die Integration der Zigeuner in Spanien in den letzten 25 Jahren vorangeschritten ist?

Die Situation hat sich beträchtlich gewandelt. Trotzdem gibt es weiterhin einige Herausforderungen, denen wir uns jeden Tag zu stellen haben: die Einschulung von Zigeunerkindern; die individuelle und die kollektive Förderung von Zigeunerfrauen, eine komplette Vernetzung von Zigeunervereinigungen; ein Zusammenschluss von Personen zu einer Gruppe, die einen Bezugspunkt für alle Zigeuner darstellen soll; die Abschaffung der Baracken und Elendsviertel sowie die Erhaltung und Verbreitung unserer Bräuche, Traditionen und Sprache. Gleichzeitig müsste man Strategien einführen, um die Armut, den Analphabetismus und Marginalisierung erfolgreich zu bekämpfen. Weiterhin dürfen Vertreter der Staatsgewalt nicht länger außer Acht lassen, dass wir Zigeuner eine einzigartige Kultur haben, die die gesamte spanische Kultur bereichert hat. Im Ausland verkörpern wir Zigeuner schon seit langem und bis in die heutige Zeit das fröhliche und lustvolle Bild Spaniens. Leider hat man es nicht nur verfehlt, dies anzuerkennen, man hat uns nicht einmal Entschädigungen gezahlt für die Manipulation, der wir zum Opfer gefallen sind.

Glauben Sie, dass Gleiches in den neuen Mitgliedsstaaten der EU möglich ist?

Ich hoffe ja und ich habe vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten und Arbeit der Zigeunerführer dieser Länder. Jedenfalls gibt es nichts umsonst. Wir dürfen nicht erwarten, dass die Regierungen uns aus eigener Initiative die Beachtung schenken, die wir verdienen. Die Freiheit, ebenso wie die Errungenschaft von Rechten, ist nichts, dass man ohne einen gewissen Preis zu zahlen erreicht.

Sehen wir Europäer vielleicht eher den Splitter in des anderen Auge und weniger den Balken in unserem eigenen, wenn wir den Rassismus in den USA, der Elfenbeinküste oder Zimbabwe denunzieren?

Ja, sicher. Die Heuchelei, die mir am meisten weh tut, ist die, die zutage tritt, wenn man uns das Beste verspricht und wenn anschließend alles beim Alten bleibt. Wir wehren uns gegen die Parteien, die uns in Zeiten des Wahlkampfes soviel Aufmerksamkeit schenken und uns anschließend genauso schnell wieder vergessen.

Welche Zukunft sehen Sie für die Roma-Gemeinschaften in Europa?

Wenn wir dazu bestimmt sind, zu überleben und wenn es uns gelingt dort präsent zu sein, wo politische Entscheidungen gefällt werden, wird unsere Zukunft besser sein. Es ist nicht nachvollziehbar, dass es –obwohl wir so viele sind- nicht wenigstens ein halbes Dutzend Roma-Männer oder Frauen als Parlamentarier im Europaparlament gibt. Ebensowenig ist verständlich, dass in einigen Staaten wie in dem meinen, wo 600.000 Zigeuner leben, es nicht einen einzigen Roma-Abgeordneten oder Senator gibt. Ohne jeden Zweifel wird die Zukunft unseres Volkes zum großen Teil davon abhängen, wie stark wir uns dort positionieren können, wo politische Entscheidungen getroffen werden. Andernfalls wird uns, wie in der Vergangenheit nur das Mittel des Widerstandes bleiben, um nicht einfach zu verschwinden. Denn das sage ich Ihnen mit aller Entschlossenheit: politische Figuren gehen vorüber. Regierungen werden vorübergehen. Wir aber werden heute und immer Zigeuner bleiben.