Weiter im Absturz-Feuilleton von Smolensk: Polen sieht rot

Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 18. Januar 2011
Skandal, Verhöhnung, Beleidigung - so nannten Millionen Polen den offiziellen Bericht, den die russischen Ermittler am 12. Januar zum Absturz der polnischen Präsidentenmaschine veröffentlicht haben. Eine unerfahrene Crew, schlampige Organisation, externer Druck ... Für die Russen trägt einzig Polen die Verantwortung für den Absturz.
Warschau leugnet nichts, kritisiert aber die Untersuchung als unvollständig.

"Wir müssen uns transparent und objektiv zeigen und die gesamte Wahrheit über die Katastrophe veröffentlichen, so schwierig es auch sein mag, diese einzugestehen," erklärte Tatiana Anodina, Vorsitzende der mit der Untersuchung beauftragten „Zwischenstaatlichen Luftfahrtkommission“ (MAK), im Rahmen einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts. Eine noch verstörendere Wahrheit ist auch kaum denkbar: eine schlecht zusammengestellte Crew, mangelnde Russischkenntnisse, unzureichende Vertrautheit mit der Maschine und psychologischer Druck auf die Piloten, ausgeübt durch den Kommandeur der polnischen Luftstreitkräfte, dessen Blut einen Alkoholgehalt von 0,6 Promille aufwies. Das Belastungsmaterial ist erdrückend.

Die polnischen Experten erkennen viele Schlüsse der russischen Ermittler als unbestreitbar an. Was sie jedoch empört, ist das völlige Schweigen zu den möglichen Einflüssen, die die Fluglotsen und der Zustand des Smolensker Flughafens auf den Absturz hatten. Ein fehlender Puzzlestein, auf dem die Entgegnung der polnischen Behörden fußt.

Eine flinke Untersuchung

Seit Oktober letzten Jahres erstellte die MAK unter dem Vorsitz von Tatiana Anodina einen Berichtsentwurf, zu dem die polnischen Experten am 18. Dezember 2010 Einwände auf 150 Seiten übermittelt hatten. "In diesem Zustand ist der MAK-Bericht unannehmbar", erklärte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk. Zur allgemeinen Überraschung genügten den Russen drei Wochen, um die Einwände zu untersuchen und die Endfassung des Texts vorzulegen. Ungeachtet dieser erstaunlichen Arbeitsleistung sind die Ergebnisse des Berichts nach Auffassung der Russen insgesamt definitiv. Nach Aussagen der MAK-Vorsitzenden sei es undenkbar, daran auch nur ein Jota zu verändern!

Kommunikation mit Schockwirkung

Sind schon die Ergebnisse des Berichts umstritten, so gilt dies umso mehr für die Art ihrer Präsentation durch die MAK. Bar aller Vorwarnungen sahen sich die bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten einer animierten Rekonstruktion des letzten Flugs der Präsidenten-Tupolev ausgesetzt. Aus dem Off erklangen währenddessen die Pilotenstimmen aus der Endphase des Flugs, als die Worte zu Schreien wurden.

Die Reaktion der Polen ließ nicht auf sich warten: Für nächste Woche kündigte der polnische Innenminister die Veröffentlichung der Gespräche zwischen den Piloten und der Smolensker Flugaufsicht an, die über (legale) Nebenkanäle beschafft worden seien. Der Ton zwischen Warschau und Moskau könnte um eine Oktave in die Höhe schnellen.

Ansehensverlust für die liberale Regierung

"Dieser Bericht stellt insgesamt eine Verhöhnung Polens dar und ist eine direkte Folge der Haltung, die die Regierung von Donald Tusk während der gesamten Dauer der Untersuchung an den Tag legte." So kommentiert Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten und Oppositionschef, den Bericht. Der Misserfolg der Regierung Tusk bei der Durchführung der Untersuchung wird zweifellos die wichtigste Waffe der Rechtskonservativen gegen die Partei des Premierministers und des polnischen Präsidenten sein. Einzig die von der polnischen Staatsanwaltschaft durchgeführte Untersuchung kann neues Licht auf die Angelegenheit werfen - bloß kennt man weder den Sachstand, noch ist ein Abschlussdatum benannt. Einzige Gewissheit: Keine Enthüllungen, so lautet jedenfalls die Vorwarnung der polnischen Experten.

Fotos: (cc)asleeponasunbeam/flickr ; Video: ©Euronews/youtube