Was'n dit!?: High noon

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2008
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Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2008
In dieser Serie auf Babel Berlin fragen sich Deutsche und andere Europäer in Berlin in bestem Berliner Dialekt gegenseitig: "Was'n dit!?" Dabei spüren sie die kleinen und großen Merkwürdigkeiten der Stadt auf und versuchen herauszufinden, was es eigentlich damit auf sich hat. von Sergio Marx (Übersetzung von Christiane Lötsch) Seit es die Rubrik „Was’n dit!?
“ im Berlin Babel Blog gibt, ist die Spannung in der Berliner Redaktion unerträglich geworden. Die Luft ist so dick, dass man sie mit einem Messer zerschneiden könnte. Warum? Die Meinungen von Berliner Ureinwohnern und frisch Zugezogenen werden in dieser Rubrik regelmäßig gegenüber gestellt. Die verbalen Auseinandersetzungen würden die männlichsten Helden der mythischen Italo-Western vor Angst erbleichen lassen...

Verabredung zur Zeit der Siesta auf der leeren Hauptstraße, Colt am Gürtel, Cowboystiefel an den Füßen, Kautabak im Mund und Schweiß auf der Stirn unter der glühenden Sonne. Das letzte Mal war es Karsten Eastwood, der schnellste Bandolero westlich der Spree, der mich herausfordern wollte. Das Blut erstarrte in meinen Adern, ich musste einen kühlen Kopf bewahren; seiner war in mehr als acht Bundesstaaten schon $100.000 Wert.

Karsten ignorierte die übliche Beleidigungsreihe an meine Erzeugerin, um sofort einen aufgesetzten Schuss mit einer 8mm Kugel abzugeben, und zwar dorthin, wo es besonders weh tat: “Die neuen Berliner wechseln ihre Meinung wie ihr Hemd. Sie beweihräuchern die Ordnung und Effizienz der Deutschen, allerdings ziehen sie am liebsten in den Berliner Osten, wo alles ein bisschen dreckiger, unordentlicher und abenteuerlicher als im Westen ist. Danach wagen sie sich, uns langweilig und unspontan zu nennen, obwohl die besten Partys, die geilsten Kneipen, die verrücktesten Künstler und Hausprojekte am Ostufer der Spree liegen. Dann sag mir was du eigentlich willst, du Grünschnabel! Über deine Arroganz kann ich einfach nur lachen…“

Harte Zeiten in Berlin City.

Fühlen wie ein Pionier in Berlin-City

Der Desperado konnte sich ausdrücken. Um eine kritische Situation zu vermeiden, musste ich mich schnell wieder fassen. Aber was tun? Ich blickte in die Ferne, wo der Fernsehturm steht und glücklicherweise kam mir eine Erleuchtung: „Es stimmt schon, Eastwood. Wenn man Berlin-City nach der langen Überquerung des Flachlandes endlich erreicht hat, fühlt sich jeder wie ein Pionier und glaubt, das Eldorado gefunden zu haben. Wir vermuten, dass unser Leben hier einfacher als früher wird, dass alltägliche Probleme verschwinden werden, dass Korn in Hülle und Fülle wächst und wir ruhig auf die Ernte warten können. Und während wir warten, suchen wir wie im Goldrausch des Klondikes hektisch alles, was uns Freude und Überraschung bringt! Denn die Lichter der Großstadt blenden uns, Eastwood. Aber der Rausch der ersten Momente wandelt sich manchmal zu einer bitteren Enttäuschung. Im Grunde ist dieses Eldorado, das wir uns als Träger eines besonderen Geistes und Vermittler einer anderen Realität vorstellen, von Menschen bevölkert, die genau wie wir Stärken und Schwächen, positive und negative Eigenschaften besitzen. Wir werfen ihnen dann vor, unseren Erwartungen nicht zu entsprechen, wir handeln übereilt wie Liebhaber, die ihre Geliebte idealisieren. Nach der Ernüchterung jedoch finden wir den Verstand wieder und lernen die Eingeborenen kennen und schätzen, weil wir nicht mehr unsere Vorstellungen bestätigen wollen, sondern die Menschen nehmen, wie sie sind. Deswegen finden wir irgendwie unseren Platz und bleiben hier. Denn wir lieben diese Stadt und sie liebt uns, auch wenn wir das manchmal vergessen. Was wir ihr geben können, wird nie soviel sein, wie sie uns bieten kann.“

Karsten Eastwoods Gesicht wechselte plötzlich den Ausdruck: Die gerunzelte Stirn entspannte sich, der stahlharte Blick lockerte sich und eine Träne lief langsam an seiner Wange entlang, um im Staub der Hauptstraße aufzuprallen. Wir ließen unsere Waffen gleichzeitig auf den Boden fallen und nahmen uns brüderlich in die Arme. Den Rest des Tages verbrachten wir im Saloon, wo wir Scotch Whisky tranken und dicke kubanische Zigarren rauchten.

Die Nacht brach herein, der Saloon leerte sich langsam und wir waren immer noch beim Labern, als ich es endlich wagte, die schicksalhafte Frage zu stellen: „ - Ach, sag mir Karsten, es gibt da etwas, das mir keine Ruhe lässt. Siehst du, wie das deutsche Klo gebaut ist? Mit einer Art Plattform, auf der der Kot bleibt bis du die Wasserspülung betätigst. - Na ja, und? - Also, ich finde es ein bisschen ekelhaft, es ist ziemlich komisch, was‘n dit!? - Was?! Was das sein soll?! Respektierst du unsere Sitten nicht?! Komm mit auf die Straße, da werden wir uns einigen, wenn du ein Mann bist!“

Die Frage wird von Mann zu Mann, oder Frau zu Mann geklärt werden. Da könnt ihr sicher sein, liebe Leser. (Anm. d. Redaktion)