Was wir verdienen

Artikel veröffentlicht am 4. April 2008
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Artikel veröffentlicht am 4. April 2008
Nicht zuletzt weil die Regierung gerade über die soziale Sicherheit der Menschen in der Türkei verhandelt, stellt sich die Frage, wie die türkische Bevölkerung eigentlich ihren Lebensunterhalt bestreitet.

Es gibt die einen, die Monat für Monat so viel Geld scheffeln, dass es mich jedes Mal wieder vom Stuhl reißt, wenn ich darauf gestoßen werde: einige Top-Kolumnisten verdienen $ 25.000, Wir reden von US-Dollar. Und wir reden von Monatsgehältern. Dann gibt es die Holding-Besitzer nebst ihrer in der Regel in den Familienunternehmen auf hohen Posten beschäftigten Angehörigen. Womit das Geld, das auf den einzelnen Sektoren erwirtschaftet wird, schon einmal zu schätzungsweise zwei Dritteln verteilt ist. Denn die Megaunternehmer besitzen meist neben Baufirmen und Schokoladenfabriken auch Tankstellen (damit die Zulieferung nicht an andere abgegeben werden muss), Banken (irgendwo muss das Geld ja hin) und Zeitungen (in denen sich günstig Werbung für Erstgenannte schalten lässt). Gefeiert werden sie außerdem einmal im Jahr, weil sie dem Staat Steuern in Millionenhöhe einbringen (ganz oben auf der Liste in diesem Jahr Aydın Doğan mit über 10 Millionen Lira Steuern). In die oberste Gehaltsriege gehören zudem Ärzte, sofern sie nicht an staatlichen Hospitälern beschäftigt sind. Außerdem Politiker und wahrscheinlich all jene, die in deren Gunst stehen. Wer noch? Universitätsprofessorinnen, Anwältinnen jedenfalls nicht.

Dazwischen ist wenig. Ein Großteil (in meinem Umfeld) verdient zwischen 1000 und 2000 YTL im Monat, das sind momentan rund 500 bis 1000 Euro. Einmal abgesehen davon, dass Ausländer (aus dem Westen) häufig das Doppelte bekommen. Ich frage mich bis heute, wie man davon sorgenfrei leben kann in einer Stadt wie Istanbul, die in Sachen Lebenshaltungskosten mit jeder anderen europäischen Großstadt vergleichbar und zweifellos teurer als Berlin ist. Für eine anständige kleine Wohnung im Zentrum der Stadt zahlt man 700 YTL, in den schöneren Gegenden schnell auch das Doppelte. Strom und Gas werden teurer. An höhere Mieten ist für die meisten gar nicht zu denken. Für sie hört der Traum von der eigenen Wohnung da auf, wo sie anfangen in einem festen Job zu arbeiten.

Wirklich dramatisch wird das in vielen Fällen gar nicht empfunden. Denn statt in den eigenen vier Wänden wohnt man zumindest vorübergehend bei den Eltern, Geschwistern, Freunden oder dem Ehepartner. Gemeinsam passt’s dann. Und gemeinsam wohnt und lebt es sich ohnehin schöner.

Das Wunderbare an der türkischen Gesellschaft ist, dass Freunde und Familie sofort und ohne mit der Wimper zu zucken einspringen, wenn jemand knapp bei Kasse ist (sofern er sein Hab und Gut nicht verspielt hat oder es durch Nichtstun ausgegangen ist). Ich habe noch keine Gesellschaft erlebt, die hilfs- und opferbereiter ist als die türkische, wenn jemand akute Geldprobleme hat – weil der Chef ein Gehalt zahlt, das ihm eigentlich schlaflose Nächte bereiten sollte oder man mit dem eigenen Unternehmen bankrott gegangen ist. In kaum einer Gesellschaft landet man bei Ebbe auf dem Konto so sanft – vorausgesetzt man hat gute Freunde oder Familie. Irgendwie wird immer Geld aufgetrieben und verliehen. Angeblich sammeln sogar Hausgemeinschaften Geld für jemanden, der sein Geschäft in den Sand gesetzt hat, sofern er tatsächlich alles gegeben hat, um es ans Laufen zu bringen und solange er sich bemüht zeigt, etwas Neues aufzubauen oder Arbeit zu finden. (Anders als in Deutschland wird der Mut zum unternehmerischen Risiko belohnt, auch wenn es schief geht.)

Fatalerweise wird die Hilfsbereitschaft aber von denen, die keine anständigen Honorare und Gehälter zahlen wollen, schamlos ausgenutzt. Als Reporterin bei einer der großen türkischen Tageszeitung fängt man – so wurde mir erzählt – mit einem Einstiegsgehalt von 500 bis 800 YTL an (bitte überzeuge mich jemand, dass ich Unrecht habe!). Während es zweifellos bezaubernd ist, dass Freunde und Familie aushelfen, sollte nicht vergessen werden, dass gute Arbeit gutes Geld wert ist - sehr geehrte Chefs und Chefinnen, die Verantwortung liegt bei Euch!

Höchst irritierend ist zudem die Haltung: Arbeite erst einmal für mich, dann zahle ich Dir später das Geld, das ich für richtig halte. Auch schon erlebt. Über Gehalt lässt sich verhandeln, keine Frage – aber doch bitte im voraus. Das verhandelte Gehalt sollte dann übrigens auch gezahlt werden: mir fallen spontan ein halbes Dutzend Leute ein, die wochenlang auf ausstehende Honorare und Gehälter gewartet und schließlich den Job geschmissen haben. Ihr Geld werden sie wahrscheinlich nie zu sehen bekommen.

Als Freiberuflerin begegnen mir selbst noch andere Schamlosigkeiten: „Ihre Themen gefallen uns gut. Bitte schreiben Sie für uns etwas dazu. Leider können wir aber für Beiträge von freien Autoren nichts zahlen.“ Das ist – wie ich mir von türkischen Kollegen habe sagen lassen – keineswegs eine Ausnahme in der Medienlandschaft der Türkei (übrigens auch in anderen Ländern, wo aber meiner Erfahrung nach wenigstens die auflagenstarken Zeitungen und Magazine Honorare zahlen; bei kleinen Magazinen, deren Herausgeber trotz glänzender Ideen und bemerkenswertem Printauftritt selbst keine Kohle machen, liegen die Dinge anders).

In meinem oben genannten Fall haben wir uns schließlich auf ein lachhaft niedriges Honorar geeinigt – ein Anfang. Leisten kann ich mir den Spaß allerdings nur, solange ich meine anderen Jobs und Aufträge habe, für die ich ein angemessenes Honorar bekommen, von dem ich leben kann. Derweil laufen die Gehaltsverhandlungen weiter. Auf die Frage, wie sich die anderen Autoren die Arbeit leisten können, bekam ich zur Antwort: die meisten haben andere Jobs oder sind reich verheiratet.

Ihr also, meine lieben reich verheirateten Damen, die Ihr nur Euren Namen gedruckt sehen wollt und die paar hundert Lira für Euren eigenen Stolz offenbar nicht braucht, vermiest uns mit Eurem journalistischen Hobby die Preise! Und das Niveau.

Dorte HUNEKE