Was trägt Europa drunter?

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2004
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Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2004

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Der Gigant Zara wächst weiterhin mit rasender Geschwindigkeit und hat die europäischen Kleiderschränke fest im Griff. Aber ist die Kleidung von Inditex auch “sauber“? Die nackten Tatsachen.

Die Handelskultur stellt schon seit dem XIV. und XV. Jahrhundert ein einigendes Element des abendländischen Lebensraums dar. Es waren die Händler, die die die römischen durch die flüssigeren arabischen Ziffern und die lateinische durch gewöhnliche Sprachen ersetzten. Die Unternehmen erbauten und bauen Europa.

Die Verbreitung der Europäischen Werte üben heute vor allem die Textilunternehmen aus. Die Kleidung geht der Demokratie immer voraus und bevor das EU-Recht neue Staaten erreicht, beginnt man sich dort schon europäisch zu kleiden.

Die Schweden Hennes & Mauritz (H&M) und die spanischen Industrias de Diseño Textil (Inditex) monopolisieren diese Ikonographie des alten Kontinents. Indem sie die Ideen der Mailänder und Pariser Laufstege auf die Alltagsgarderobe der Menschen übertragen exportieren diese Firmen ein europäisches Konzept, das die europäische Idee attraktiv macht. Das Ergebnis darf man in Ländern wie der Türkei bewundern, wo zehn Zara-Filialen frischen Wind in die veraltete islamische Garderobe bringen, aber auch in weiteren zukünftigen EU-Staaten.

Die Klamotten machen die grauen Brüsseler Gesetze sexier, klar, aber sie reduzieren den Prototyp des Europäers darauf, künstlich und oberflächlich zu sein. Ist Europa etwa nur eine Homogenisierung der Vorlieben des Massenkonsums?

Die europäische Uniform

H&M ist hinter dem US-amerikanischen GAP das zweitgrößte Textilimperium der Welt. Inditex, mit seinem Flaggschiff Zara, bleibt der ungeliebte dritte Platz. Aber das Phänomen Inditex kann man mit den anderen nicht vergleichen. Mit sieben Modeketten und fast 2000 Filialen auf der ganzen Welt wächst Inditex mehr als 20% pro Jahr und eröffnet an die 300 neuen Geschäfte jährlich. Im Jahr 2000, mit “nur” 1000 Geschäften, verkaufte Inditex 90 Millionen Kleidungsstücke. Der Eigentümer, Amancio Ortega, ist laut Forbes bereits der fünftreichste Mann in Europa, sein Unternehmen schafft das Image der Eurogeneration. Das überwältigende Wachstum hat die Konkurrenten C&A und Marks & Spencer auf die Plätze verwiesen. Was ist das Geheimnis dieses Selfmade-Mannes?

Im Gegensatz zu Benetton machte Inditex keine Werbung, sondern bediente sich der Mundpropaganda und des berechneten, äußeren Erscheinungsbildes seiner Filialen. In diesen wechselte die Ware mehrmals pro Woche und brach so mit der traditionellen Idee der jährlichen Kollektionen. Inditex hat den europäischen Konsument verändert. Das ist also das Geheimnis und der große Beitrag zur zeitgenössischen Kultur: man muss die Gelegenheit jetzt beim Schopfe packen, morgen wird das Kleidungsstück verkauft sein.

Zara, Pull&Bear, Massimo Dutti und die anderen Inditex-Marken reagieren am schnellsten auf die Nachfrage, weil sie mit einem eigenen Produktionsprozess kalkulieren. Das ist ein Einzelfall unter den Textilgiganten, die es gewohnt sind, die Produktion an andere Gesellschaften mit ruinierter Wirtschaft oder in asiatische Länder mit nicht unbedingt fortschrittlichem Arbeitsrecht abzugeben. Inditex schließt Unterverträge für die Endfertigung mit unabhängigen Werkstätten nahe des Hauptsitzes in A Coruña und produziert so just in time. Die Schwarzfabriken sind immer tief auf dem Land versteckt und in keiner galizischen Karte verzeichnet.

Ein Krieg, den die Opfer gewinnen

Im Preiskrieg der Textilbranche gewinnen kurioserweise die fashion victims. Die Arbeiter hingegen, die in den mit Dalís Uhren gemessenen Gleitzeiten gefangen sind, und unter unmenschlichen Druck gesetzt werden, um die Kleidungsstücke rechtzeitig fertig zu stellen, verlieren. Den galizischen Gewerkschaften sind die Hände gebunden, da in Portugal zum halben Preis produziert werden kann und mit der Verlegung der Werkstätten gedroht wird.

Und nicht nur auf der Iberischen Halbinsel wird das Arbeitsrecht übergangen. Ein Bericht der “Campaña Ropa Limpia” (Clean Clothes - Kampagne für faire Arbeitsbedingungen weltweit), der von Intermon Oxfam veröffentlicht wurde, stellt fest, dass Inditex in Marokko irreguläre Werkstätten unterhält, um die Produktionskosten zu senken. Hierfür werden Verträge oder Subverträge abgeschlossen, die prekäre Konditionen enthalten. Die Löhne liegen unter dem legalen Mindestlohn, die Arbeitswoche überschreitet 50 Stunden, Kinderarbeit wird durchgeführt und die Sozialversicherung übergangen.

Eine globale Kampagne überwacht die Tätigkeit der Textilgiganten mit verschiedenen Namen aber unter derselben Flagge: Clean Clothes, Ropa Limpia, Ethique sur l’etiquette. Die Kampagne arbeitet aktiv in zwölf europäischen Ländern und in jedem einzelnen besteht sie aus einer Koalition von Gewerkschaften und NGO’s. Ihre Arbeit besteht darin, die Käufer von Kleidung zu sensibilisieren, auf die Unternehmen Druck auszuüben, damit diese sicherstellen, dass ihre Produkte unter korrekten Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Auch werden die Arbeiter bei bestimmten Forderungen unterstützt.

Doch keine Sorge: Durch prekäre Arbeitsbedingungen und mangelnde Gleichberechtigung, durch die Auferlegung der Schlankheit durch die Reduzierung der Kleidergrößen, die Ausbeutung der Dritte Welt-Länder, die Förderung eines unmenschlichen Konsums und den Missbrauch der billigen Arbeitskraft von Einwanderern schafft Inditex das Image Europas.