Was man in der Türkei sagen kann

Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 19. März 2008
Als Ausländerin in der Türkei bin ich zuweilen immer noch verwirrt darüber, was man sagen kann und was nicht.
Manchmal wünsche ich mir ein Handbuch, das ich zu Rate ziehen könnte – dann wüsste ich zumindest, wann und warum ich oder jemand anderes mit seinen Worten gerade provoziert und wo die Grenzen des Sagbaren liegen (was nicht bedeutet, dass ich meinen Mund entsprechend geschlossen halten würde, aber wenigstens wäre ich vorbereitet auf die Reaktionen).

Es ist noch nicht allzu lange her – und das Ereignis hat einen festen Platz in den Köpfen vieler Menschen hierzulande –, da sagte der türkische Premier Erdoğan zu einem augenscheinlich unzufriedenen anatolischen Bauern „Nimm deine Mutter und geh!“ Das war im März letzten Jahres während des Wahlkampfs. Die türkischen Bürger maßen der Beleidigung offenbar nicht allzu viel Bedeutung bei, denn sie belohnten die Regierungspartei (der momentan die Schließung droht, aber das hat ganz andere Gründe) mit einem phänomenalen Wahlergebnis. Einen anatolischen Bauern zu beleidigen, ist also offenbar keine große Sache. Eine große Sache ist es hingegen, wenn Erdoğans Worte auf einer Theaterbühne wiederholt werden – wie kürzlich in einem Theater in Trabzon. Das Stück, um das es geht, trägt den Titel „Düğün yada Davul“ (Hochzeit oder Trommeln). Die Künstler haben zudem noch einige weitere politisch brisante Zitate ins Stück eingebaut, wie „Der Premierminister hat Angst vor den Vereinigten Staaten“ und „Dies ist kein Ort zum Sitzen und Verweilen“, was türkischen Zeitungsberichten zufolge die Regierung veranlasste, eine Untersuchung gegen das Theater beziehungsweise die Produzenten des Stückes einzuleiten. Vielleicht haben Regierungsvertreter einfach nicht genug Zeit, um ins Theater zu gehen. In dem Fall sollten sie zumindest den Fachleuten Gehör schenken, zum Beispiel Nermin Karademir, Vertreter der Kunst- und Kulturvereinigung Trabzon: „Das Theater ist kein Ort, an dem hochrangige Beamte Tag und Nacht in den Himmel gelobt werden.“

Unterdessen erreicht uns die wohltuende Nachricht, dass Elif Şafak, Autorin des Bestseller-Romans „Der Bastard von Istanbul“, die angeklagt war, wegen des Verdachts, in ihrem Roman das Türkentum beleidigt zu haben, unter den 20 nominierten Schriftstellern für den prestigeträchtigen britischen Orange Broadband Prize for Fiction ist.

Was Karademir über die Künste gesagt hat, gilt ebenfalls für die Medien: Auch dies ist nicht der Platz, an dem hochrangige Beamte Tag und Nacht in den Himmel gelobt werden sollten. Teil der journalistischen (und der künstlerischen) Profession ist es, kritisch zu sein gegenüber dem, was Menschen sagen und tun, und Sichtweisen in die Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Kritik und der Freude, andere an den Pranger zu stellen, wobei jeder sich die weißere Weste anzieht, indem er anderen den Schwarzen Peter zuschiebt – zugegeben ein unterhaltsameres Spiel als die trockene politische Analyse, aber nüchtern betrachtet ein Armutszeugnis – für Politiker genauso wie für Journalisten.

Meine Erfahrung der vergangenen Wochen hat mir den Eindruck vermittelt (und ich kritisiere ausdrücklich die türkischen Medien für ihren Anteil daran), dass es keineswegs als unangemessen oder Beleidigung angesehen wird, wenn man eine Wildfremde mit den Worten begrüßt: „Ach, Du bist Deutsche?! Die Deutschen haben doch neulich die Häuser von Türken angezündet, nicht wahr? Es waren zehn, oder?“

Ich habe nichts dagegen, anderen Menschen zu erklären, dass ich Brandanschläge aller Art verurteile, die gegen Menschen jedweder Nationalität verübt werden, wie übrigens die meisten meiner Landsleute (Deutsche, Türken und wen wir sonst noch so haben). Traurigerweise haben wir unter uns jedoch einige hirnlose Gestalten, die glauben, Menschen nach ihrer ethnischen Herkunft beurteilen und abstrafen zu dürfen (ich persönlich hätte nichts dagegen, die Menschen, die so denken, auszuweisen, aber das wäre wohl auch keine Lösung, und überhaupt, wer würde sie schon freiwillig aufnehmen?). Ich habe nichts gegen Türken (oder Aleviten) beziehungsweise dagegen, dass Menschen in fremden Ländern leben – die Tatsache, dass ich mich in diesem Land aufhalte, spricht für sich. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen rassistische Meinungen und diejenigen, die diese unterstützen oder befeuern – und da spielt es keine Rolle, welcher Nationalität diese Menschen angehören. Ich finde türkische Rassisten ebenso kleingeistig wie deutsche.

Ich finde es traurig, dass ich mich für mein Deutschsein verteidigen muss (ich verurteile nicht alle Türken für die unschönen Taten, die in diesem Lande begangen worden sind, sondern nur die, die dafür verantwortlich sind oder nur im Kleinsten Verständnis oder Unterstützung dafür aufbringen).

Es ist nicht die Schuld des gering gebildeten Inhabers eines Musikladens in Van oder der Schmuckverkäuferin in Ortaköy, die mir ihre Sorgen angesichts der „Serie von Anschlägen gegen Türken“, verübt von Deutschen, mitteilen. Die Verantwortung für solche Bilder und unbedacht geäußerte Generalvorwürfe tragen Journalisten, die türkischen Lesern den Eindruck vermitteln, „die Deutschen“ hätten etwas gegen „die Türken“ und „Die deutsche Regierung verfolgt eine bewusst ‚faschistische’ Politik gegenüber Türken* (während die deutsche Regierung einen Integrationsgipfel mit Vertretern der türkischen Community abhält). Diese groben und verallgemeinernden, zum Teil haltlosen Vorwürfe tragen nichts zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei bei, sondern gießen Öl ins Feuer derjenigen, die mit ihren kleingeistigen Schandtaten leider, leider gute Titelgeschichten liefern.

Das Zitat stammt aus der Wirtschaftszeitung ‘Referans’ und ist die Überschrift zu Yiğit Buluts Artikel, der in der englischen Übersetzung von „Turkish Weekly“ veröffentlicht wurde, online unter http://www.turkishweekly.net/news.php?id=53516

Dorte HUNEKE