Was Europa ausmacht

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2006

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Der französische Premierminister Dominique de Villepin und der spanische Schriftsteller Jorge Semprun haben ein Buch über Europa geschrieben.

Helmut Kohl hat es getan, Jacques Delors natürlich auch: Dass prominente Europäer Bücher über Europa schreiben ist nicht gerade etwas Besonderes. Und trotzdem: Das Buch „Was es heißt, Europäer zu sein“ des spanischen Schriftstellers und ehemaligen Kulturministers Jorge Semprún und des französischen Premierministers Dominique de Villepin ist mehr als nur ein weiteres Werk in der überfüllten europäischen Bibliothek. Nicht von der lexikalischen Detailfreude wissenschaftlicher Sammlungen wie von Landwehr/Stockhorst, ohne die gedankliche Komplexität der preisgekrönten Aufsätze Edgar Morins über die europäischen Wurzeln, bei weitem nicht so radikal wie Patockas „Ketzerische Essais“, die der tschechische Philosoph mit dem Leben bezahlte, ist es dennoch – oder gerade deswegen – ein wichtiges Buch. Zu einem für Europa wichtigem Zeitpunkt.

Kein „Weiter so!“

Seit dem Scheitern des EU-Referendums in Frankreich und den Niederlanden ist der europäische Einigungsprozess immer stärker ins Stocken geraten. Blockiert von denen, die doch eigentlich vereint werden sollten: Den europäischen Bürgerinnen und Bürgern.

Was aber macht Europa wirklich aus? Ist die Ablehnung der Verfassung gleichzeitig eine Absage an den europäischen Gedanken? In ihrem Buch begeben sich Semprún und de Villepin auf die Suche nach Antworten. Es melden sich zwei Persönlichkeiten des europäischen Zeitgeschehens zu Wort, die – wenngleich von unterschiedlicher Nationalität – spürbar an einer gemeinsamen europäischen Idee arbeiten.

Und an sie glauben! Das Buch gleicht einer Fortsetzung des Dialogs zwischen dem deutschen Schriftsteller Günter Grass und der französischen Publizistin Francoise Giroud, die ihren Briefwechsel über europäische Fragen 1989 veröffentlichten. Eine Fortsetzung unter ganz anderen Voraussetzungen. Damals, 1989, strahlte die Idee Europa heller denn je. Heute schimmern seine Sterne deutlich getrübter. Semprúns und Villepins Essais verheimlichen dies nicht – und gerade darin liegt ihre Stärke: Kein unreflektiert-trotziges „Weiter so!“, wie es nach dem Scheitern der Verfassung auch in Deutschland zu hören war.

In die Vergangenheit blicken

Die Ängste und Zweifel der europäischen Bürgerinnen und Bürger werden Ernst genommen. Ihnen konstruktiv zu begegnen, diese Absicht bleibt glaubhaft und findet deutliche Worte: Gegen die Gefahren des Kapitalismus, aber auch gegen die Überbürokratisierung der EU-Organisationen. Dabei wird die Idee eines möglichen Europas zwar in schönen Farben gemalt, beschönigt wird sie jedoch nicht.

Um die Zukunft zu bauen, muss man in die Vergangenheit blicken und sich auf die Frage besinnen, was es denn heißt, „ein Europäer zu sein“. Für Semprún und de Villepin ein Titel, der verpflichtet. Eine Verantwortung, die nur unter Kenntnis der europäischen Entstehungs- und Kulturgeschichte zu verstehen und zu bewältigen ist.

In ihren Texten über europäische Grenzen und Geschichte lassen die Autoren zahlreiche namhafte Zeugen auftreten, von Jacques Delors bis Voltaire, und erzählen historische Anekdoten. Damit offenbaren sie – ungewollt? –auch die großen Probleme des europäischen Gedankens: Die Elitarisierung (Semprún) und die Nationalstaatlichkeit (Villepin), von der sich beide in ihrer Erzählperspektive selbst nicht vollständig trennen können.

In seiner Gesamtheit ist „Was es heißt, Europäer zu sein“ dennoch ein Buch, das tatsächlich für alle Europäer nachvollziehbar bleibt. Ein Überblick für Einsteiger, der gleichzeitig weiter führt. Mit einem eindeutigen Tenor: Es geht nicht um die Frage nach den aktuellen Gründen für oder gegen ein europäisches Gefühl. Und schon gar nicht um Charaktereigenschaften. Europa ist präsent, daran lassen die Autoren gar keinen Zweifel. Die einzigartige Chance aber, die uns in Europa gegeben ist, sind unsere Werte und Freiheiten. Oft erscheinen sie zu schnell zu selbstverständlich. Die Möglichkeit und der Wille, seit über 60 Jahren in Frieden und Demokratie zu leben: Genau das ist es, was – uns alle – zu Europäern macht.

„Was es heißt, Europäer zu sein“ von Jorge Semprún und Dominique de Villepin. Murmann Verlag 2006.

Foto Homepage: Dominique de Villepin (Europäische Kommission)