Was dein ist, ist auch mein - Facebook und die Privatsphäre

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2009
Den netten Franzosen aus der Bar wiederfinden, High-School Freunden in Amerika neue Fotos zeigen, mit der Freundin in Spanien Kontakt halten - Facebook macht's möglich und profitiert von den privaten Details seiner fast 175 Millionen Nutzer weltweit. Datenschützer schlugen nun Alarm.

Der Kaffee steht auf dem Tisch, die Zeitung liegt daneben - ein guter Start in den Morgen. Doch dann, auf Seite drei, ein Porträt über dich. Ohne deine Einwilligung und mit pikanten Details und Fotos aus deinem Privatleben. Unmöglich, sagst du dir, ich bin doch nicht berühmt. Das dachte auch Marc L. aus Bordeaux, bis er eines Tages eine Zeitschrift aufschlug und sich selbst anblickte.

Das französische Magazin Le Tigre wollte auf die Gefahren aufmerksam machen, die das Veröffentlichen persönlicher Informationen im Internet mit sich bringt. Auf Marc L. stießen sie per Zufall und fügten dann die Puzzlestücke seines Lebens, die in der virtuellen Welt herumschwirrten, zu einem Porträt zusammen. Die persönlichsten Informationen fanden sich bei Facebook - dort verschwimmt die Grenze zwischen privat und öffentlich oft gänzlich.

Her mit den Daten

Die wenigsten Nutzer machen sich Gedanken, was mit der Menge an Daten, die im Laufe der Mitgliedschaft gesammelt wird, passiert - das Kleingedruckte der Nutzungsbedingungen liest bei Eintritt fast niemand. Dort steht, dass alle Profildetails zu Werbezwecken verwendet werden. Doch damit nicht genug: Selbst Informationen aus anderen Quellen, wie Zeitungen, Blogs und Instant Messaging-Diensten erfasst Facebook, um - so die AGB - „nützlichere Informationen und ein personalisierteres Erlebnis bieten zu können“.

Und was passiert mit den Daten, wenn man aus Facebook austrit©avlxyz/flickrt? Laut der Pressestelle werden die Informationen ganz einfach „gelöscht“ - bisher war allerdings üblich, dass Facebook für einen bestimmten Zeitraum Sicherheitskopien des Profils in seiner Datenbank behält. Das wollte Facebook nun ändern: Mit dem Hochladen von Daten sollten die Nutzer alle Rechte abtreten - auf Lebenszeit. Datenschützer und Nutzer waren entsetzt und die darauf folgende Protestwelle so enorm, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg die Änderungen am 18. Februar reumütig zurücknehmen musste. Dies würde jedoch nicht so bleiben, fügte er auf seinem Blog gleich hinzu, da Teile der Nutzungsbedingungen „übermäßig formell und beschützend“ seien. Generell können die Nutzungsbedingungen von Facebook "jederzeit und ohne Benachrichtigung" geändert werden.

In Angesicht einer derartig unkontrollierbaren Datenflut lenkte auch kürzlich die EU ein. Da gerade Minderjährige die Gefahren des Social Networking noch nicht einschätzen könnten, hat die Europäische Kommission am 10. Februar zum Safer Internet Day mit den Betreibern verschiedener sozialer Netzwerke, darunter auch Facebook, ein Abkommen zu ihrem besseren Schutz unterzeichnet: Unter anderem sollen Profile von Jugendlichen nicht mehr durch Suchmaschinen abrufbar sein.

Von Mafiosi und blanken Brüsten

Schwierig zu kontrollieren ist auch die Authentizität der Profile. So reichte der italienische Fußballspieler Alessandro Del Piero nun Klage ein, da Unbekannte ein Facebook-Profil unter seinem Namen einrichteten, das ihn als Nazi-Sympathisanten darstellt. Es häufen sich auch Fälle, in denen Profile gehackt und dann im Namen der Nutzer Nachrichten an Freunde verschickt werden - mit der Bitte um eine dringende Geldspende.

In Italien gab es auch große Aufregung um Profilseiten und Fan-Gruppen für führende Mafiosi. Bisher weigert sich Facebook diese zu löschen, da „Kontroverse“ allein nicht als Grund ausreiche: gerade ein soziales Netzwerk sei ein Ort, um „Meinungsverschiedenheiten“ zu diskutieren. Anderes wird jedoch gerne zensiert: Ende letzten Jahres entfernte Facebook Fotos von stillenden Müttern. Dazu befragt, hieß es bei der Pressestelle, dass Stillen zwar „wunderschön und natürlich“ sei, man jedoch den AGB folgend eingreifen müsse, wenn auf den Bildern die Brust ganz entblößt sei.

Wie man Freunde gegen Hamburger tauscht

Auch die Politik hat Facebook für sich entdeckt. Nach Barack Obamas Erfolg im „Mitmach“-Web, haben nun auch europäische Politiker nachgezogen. Vorreiter bei Facebook war José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, dessen Profil mittlerweile allerdings schon wieder gelöscht wurde. Sein konservatives Profil verriet zwar keine privaten Details wie Hobbys oder Lieblingsbücher, doch im Hinblick auf die Europawahlen im Juni 2009 ist es immerhin ein erster Schritt, um die dringend benötigte Wahlbeteiligung der Jugend anzukurbeln. 103 Freunde hat Barroso mittlerweile - nicht wirklich viel im Facebook-Universum, wo in Sachen Freundschaft Quantität meist vor Qualität steht. Auf diese Pseudo-Freundschaften anspielend hatte Burger King letztes Jahr eine etwas ungewöhnliche Werbekampagne gestartet: „Whopper Sacrifice“ versprach jedem Nutzer einen Burger im Tausch gegen zehn Freunde. Eine Freundschaft ist also gerade mal ein paar Cent wert. Facebook beendete diese Aktion dann allerdings vorzeitig - Begründung: Sie richte sich gegen das Leitprinzip von Facebook, der Vernetzung von Menschen.

©atou.eu/facecoretteWer nach Lesen dieses Artikels Facebook nur noch mit mulmigem Gefühl betritt, sich der Seite jedoch nicht ganz entsagen kann - für den gibt es nun Entzugshilfe: Facecorette.