Warum die Italiener Berlusconi wählen

Artikel veröffentlicht am 12. April 2006
Artikel veröffentlicht am 12. April 2006

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Romano Prodi hat die Wahlen in Italien gewonnen – mit denkbar knappen Vorsprung. Nun rätseln die Europäer erneut über das Phänomen Berlusconi.

Die Wahlen vom 9. und 10. April scheinen ein zerrissenes Land hinterlassen zu haben. Im Abgeordnetenhaus beträgt der Abstand zwischen der « Unione » Romano Prodis und dem rechten Block « Haus der Freiheiten » Silvio Berlusconis nur 25.000 Stimmen. Wenn das linkszentristische Wahlbündnis Prodis nun dennoch 341 Sitze innehält und die Parteien unter Berlusconis Führung nur 277, ist das allein dem italienischen Wahlrecht zu verdanken, das den Sieger mit zusätzlichen Sitzen begünstigt.

Im Senat ist der Vorsprung noch schmaler. Hier führt Prodi mit 158 zu 156 Sitzen. Trotz dieses hauchdünnen Sieges Romano Prodis: Das wichtigste Ergebnis der Wahlen ist der Wiederaufstieg Berlusconis, dem in allen Umfragen vor der Wahl eine Niederlage bescheinigt wurde und der bei den vergangenen Wahlen schlecht abgeschnitten hatte. Das « Haus der Freiheiten » konnte bei den Europawahlen 2004 nur 43% und bei den Regionalwahlen 2005 nur 44% der Wähler für sich gewinnen. Doch nun haben fast die Hälfte der Italiener für Berlusconi gestimmt.

Ein Pate, der nicht regieren kann?

Dieses Ergebnis stellt die Hoffnungen all der Studenten und wohlmeinenden Bürger in Frage, die gehofft hatten, dass Italien mit den « schwarzen Jahren des Berlusconismus » brechen würde. Doch wer das geglaubt hat, wollte der Wahrheit nicht in die Augen sehen. Denn Prodi hat nur ganz knapp gewonnen.

Wie aber will man den anderen Europäern erklären, dass der noch amtierende Regierungschef, der den Europaabgeordneten Martin Schulz im Europaparlament als « KZ-Wächter » bezeichnet und die Wähler der Linken im Wahlkampf « Idioten » genannt hat, fast die Hälfte der Italiener für sich gewinnen konnte ?

Die Presse in Europa sucht nach Erklärungen für das Phänomen Berlusconi. Die französische Wochenzeitung Télérama begnügte sich Anfang April damit, den « Cavaliere » als gefährlichen Mafiosi abzutun, so als wäre dieser soeben dem Film « Der Pate » entstiegen. Und der britische « Economist » bezeichnete ihn im Jahr 2003 schlicht als « unfit », also « unfähig », sein Land zu regieren.

Berlsuconi ist nicht das größte Problem

Doch nun haben fast die Hälfte der Italiener gezeigt, dass sie Berlusconi vertrauen. Und das, obwohl Berlusconi das Fernsehen des Landes fast vollständig unter Kontrolle hat. Nicht weil die Italiener alle geisteskrank sind, so wie jene 66-jährige Hausfrau, die sich nach einem Gedächtnisverlust nur noch das Gesicht des Ministerpräsidenten Berlusconi richtig zuordnen konnte. Diese Erklärung wäre zu einfach.

Tatsächlich geben die meisten Italiener nichts auf Politikwissenschaften und glauben nicht, dass der Interessenskonflikt ihres Ministerpräsidenten das größte Problem ihres Landes ist, selbst wenn der Wahlkampf von diesem Thema beherrscht wurde. Seit Macchiavalli wissen sie, dass alle Politiker nur ihre eigenen Interessen verteidigen wollen. So brachte der Bankenskandal des vergangenen Sommers ans Tageslicht, dass die Linke mit mehr oder weniger legalen Methoden das Unipol-Konsortium dabei unterstützt hatte, die Nationale Arbeiter-Bank zu übernehmen, um diese vor der feindlichen Übernahme durch die spanische Bbva zu schützen.

Die Italiener lieben den Karneval

Es gibt auch ein karnevaleskes Italien, das die Showeinlagen Berlusconis liebt und dass der Starfotograf Oliviero Toscani als « kreativ » bezeichnet hat. Diese Eigenschaft geht den Politikern der Linken hab, die als zu ernst und reserviert gelten. Dieses Italien findet Berlusconi « sympathisch » und schätzt seine Witzchen, die in der ausländischen Presse gerne als lächerlich bezeichnet werden. Sie können sogar darüber lachen, dass Frauen nicht in die Politik gingen, weil sie, so Berlusconi, « nicht nach Rom ziehen und ihren Mann alleine zu Hause lassen wollen ».

Und dann gibt es da noch das Italien der Unentschlossenen, die sich um die wahren Probleme des Landes sorgen – Nullwachstum, Infrastrukturprobleme, Reformstau – und die nicht an die Alternative Romano Prodi geglaubt haben. Weil sie Angst hatten, dass dieser unter der Fuchtel der extremen Linken stehen werde und weil sie in seinem Wahlprogramm nichts finden konnten, was die Wende für ihr Land hätte bringen können. Darin besteht der wahre Fehler der Linken. Um zu regieren, müssen sie sich nun mit der Realität abfinden: Die Hälfte der Italiener hat für Berlusconi gestimmt.