Warum das „neue“ Europa nicht anti-amerikanisch ist

Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2004
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Artikel veröffentlicht am 25. Oktober 2004

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Europa ist nicht homogen und nicht alle seiner Länder sind anti-amerikanisch. Was ist die Ursache für die Einstellungsunterschiede gegenüber Amerika?

Donald Rumsfeld, US-Verteidigungsminister, hat es geschafft die klassische imperialistische Regel divide et impera (teile und herrsche) auf Europa anzuwenden. Im Januar 2003 sagte er bezüglich des europäischen Widerstands gegen den Militäreingriff im Irak: „Wenn man eine große Zahl anderer Länder in Europa betrachtet sind diese nicht einer Meinung mit Frankreich und Deutschland...sie machen gemeinsame Sache mit den USA (...). Wenn ihr an Europa denkt, denkt ihr an Deutschland und Frankreich. Ich nicht. Ich bin der Meinung, das ist das alte Europa.“ Somit unterteilte Rumsfeld die europäischen Staaten erfolgreich in „neue“ und „alte“ Staaten, „pro-amerikanische“ und „anti-amerikanische“, trotz der Tatsache, dass der Großteil der europäischen (Zivil-)Gesellschaft gegen den Krieg im Irak war, was auch immer ihre Regierungen dazu sagten.

Rumsfeld hat Recht

Aber, in gewissem Maße, hatte Rumsfeld Recht. Obwohl Zentral- und Osteuropa nicht „neu“ ist, ist es pro-amerikanischer als Westeuropa. Warum ist dem so? Um diese Situation korrekt zu analysieren, müssen wir fast 60 Jahre zurück gehen; zurück zum Zeitpunkt, als die USA halfen, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen und den Marshall-Plan einführten, der dabei half, die zerstörte Wirtschaft Westeuropas wieder aufzubauen. Die USA unterstützten die Wirtschaftsinitiativen Westeuropas der späten 1940er und 1950er Jahre massiv, und schützten die westeuropäischen Staaten gegen die sowjetische Bedrohung während des kalten Kriegs. Der langen Rede kurzer Sinn: die USA besiegten die bösen Jungs (Hitlers Reich), befreiten die guten Jungs (die Alliierten) und schützen diese wiederum vor den neuen bösen Jungs (den Sowjets). Während des Kalten Kriegs veränderte sich die Beziehung zwischen Westeuropa und den Vereinigten Staaten schrittweise – mit der Zunahme der Friedensbewegungen auf dieser Seite des Atlantiks und der Abnahme der immanenten sowjetischen Bedrohung. Seit dem Ende des Kalten Kriegs haben Westeuropa und die Vereinigten Staaten keinen Grund mehr, enge Verbündete zu bleiben.

In der Zwischenzeit war die Stimmung in Zentral- und Osteuropa eine ganz andere. Für diese Länder dauerte der Zweite Weltkrieg, der offiziell 1945 sein Ende fand bis mindestens 1989. Nehmen wir zum Beispiel die baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen). Alle drei waren vor dem Zweiten Weltkrieg kleine (aber feine) unabhängige Staaten. Aber 1939 wurden sie von der Sowjetunion besetzt und im darauf folgenden Jahr von dieser annektiert. Wie kann man den Esten erklären, dass der Zweite Weltkrieg 1945 endete, wo sie doch ihre Unabhängigkeit von der (ehemaligen) UdSSR erst 1990 wieder erlangten? Über 45 Jahre lang durchlebten die Völker Zentral- und Osteuropas einen totalitären Alptraum und träumten die ganze Zeit lang von einer freien, gerechten, friedlichen und wohlhabenden Welt. Diese idealisierte Welt war der Westen, dem sowohl Westeuropa als auch die USA angehörten.

Sicherheit zuerst

Darin liegt die Antwort auf die Frage nach dem Grund für die Meinungsunterschiede zwischen Westeuropa und Zentral- bzw. Osteuropa auf der anderen Seite: eine Gesellschaft, die ihre Freiheit 1945 wieder erlangte ist sich ihrer Sicherheit und Stabilität bewusster. Eine derartige Gesellschaft braucht keine starken Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantik; sie glaubt, ihre Sicherheit allein und in enger Kooperation mit ihren Nachbarn bewerkstelligen zu können. Eine Gesellschaft, die ihre Souveränität erst 1989 wieder erlangte, ist sich ihrer Unabhängigkeit hingegen viel weniger sicher und möchte nicht in einer Grauzone verweilen. Das trifft in besonderem Maße zu, wenn sich eine Gesellschaft von ihren eigenen Nachbarn bedroht fühlt, wie es bei den Ländern der Fall ist, die an Weißrussland, die Ukraine und den Balkan grenzen. Zentral- und Osteuropäische Staaten, die viel schwächer sind als die Westeuropäischen Staaten, suchen nach starken Verbündeten, die sie verteidigen können, im Fall des Falles. Daher sind alle zentraleuropäischen Staaten nunmehr in der NATO vertreten: Sie suchen einen militärischen Verbündeten in den USA. Sie meinen, dass die USA die einzige Weltmacht sei, die ihnen notfalls helfen könnte und würde.

Innerhalb dieses Rahmens wurden einige neue Verbindungen zwischen den USA und Zentraleuropa geschaffen, welche die Förderung von Nichtregierungsorganisationen durch Amerika mit einbezog. Die USA haben also den Übergangs- und Liberalisierungsprozess unterstützt, indem sie demokratiebezogenen Mechanismen eingeführt haben, so wie sie es in Westeuropa 45 Jahre zuvor getan hatten. Es ist aber nicht richtig, zu behaupten, dass die Staaten Zentraleuropas pro-amerikanischer sind als sie pro-europäisch sind. Für Zentraleuropa gibt es keinen Widerspruch darin, gleichzeitig pro-amerikanisch und pro-europäisch zu sein. Mit den Worten eines polnischen Parlamentsabgeordneten: „Wir sehen keinen Bedarf zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu wählen. Das ist, als müsste man zwischen seinem Vater und seiner Mutter wählen.“