Warschaus Jahrmarkt Europa ist Geschichte

Artikel veröffentlicht am 3. September 2008
Artikel veröffentlicht am 3. September 2008
Geschmuggelte Zigaretten, Alkohol, Medikamente, billiger Kleinkram und Raubkopien, Imitationen von Markenschuhen und Kleidung. Der Jahrmarkt Europa in Warschau erinnert an den Turm zu Babel, denn hier ist die kulturelle Vielfalt Alltag.

Der Jahrmarkt Europa befindet sich einige Minuten vom Stadtzentrum entfernt, am rechten Weichselufer zwischen den Stadtteilen Saska Kepa und Praga. Ein riesiger, metallener Klotz , herumflatterndes Papier, lautes metallenes Rasseln, unerwünschte Gerüche, Gedränge entlang der Umzäunung. Und mittendrin Händler, die sowohl die verirrten Touristen als auch die Bewohner Warschaus wirkungsvoll erschrecken. Mit einer gewissen Nostalgie schaue ich auf das, was vom größten Jahrmarkt Europas übrig geblieben ist. Die vormalige Oase schlechten Geschmacks und der Kriminalität erinnert heute mehr denn je an einen "Müllhaufen Europa".

Die Geschichte eines Jahrmarkts

©atti-la / FlickrDas Jahr 1989 und der Beginn der neunziger Jahre bedeuteten für Polen nicht nur den Fall des Kommunismus, sondern auch die Anfangsphase der freien Marktwirtschaft. Die Polen fühlen sich frei und erleichtert. Von den leeren Verkaufsregalen mit ausschließlich Essig darin und den gigantischen

Schlangen für "mydlo i powidlo" ("Seife und Pflaumenmus") ist bald nichts mehr zu sehen. Die Geschäfte sind überfüllt mit Waren, die bis zu diesem Zeitpunkt entweder überhaupt nicht oder nur gegen Divisen in Pewex-Läden zu kaufen gewesen waren. Nach den langen Jahren des Konsumverzichts können die Polen nun endlich ihr verdientes Geld ausgeben, was zu einer dynamischen Entwicklung des Handels führt. Auf den Straßen vieler polnischer Städte sieht man nun Klapptische, Feldbetten und enthusiastische Verkäufer, von denen einige sich ein kleines Vermögen dazu verdient haben. In dieser Zeit entsteht auch der gigantische Markt auf dem Gelände des Stadions "Dziesieciolecia Manifestu Lipcowego", das alle nur unter dem Namen "X-lecia" kennen. Im Jahr 1996 erhält dieser Markt den Namen "Jahrmarkt Europa".

Es gibt nichts, das es nicht gibt

©Jaime Silva / Flickr & Mentitore / FLickrDas Stadion wurde nun über ein Dutzend Jahre hindurch an sieben Tagen in der Woche auf über 30 Hektar mit einigen Tausend Verkäufern zu einem der größten Märkte und Arbeitsmärkte der Stadt. Hier konnte man wirklich alles kaufen - vom gefälschten Führerschein über billige Parfums, von Antiquitäten über sowjetische Soldatenabzeichen bis hin zu Rassehunden und Maschinengewehren. 

Der riesige Marktplatz erinnerte an einen gut organisierten Ameisenhaufen, in dem jeder seinen Platz genau kennt: Im Vorbeischlendern an den Marktständen drängte man sich an denen vorbei, die von jenseits der Ostgrenzen Polens kamen, um hier geschmuggelte Zigaretten, Alkohol, Medikamente, billigen Kleinkram und Raubkopien von CDs zu verkaufen. Daneben Afrikaner, die Imitationen von Markenschuhen oder Markenkleidung feilboten und Vietnamesen, die mit Kleidung aus Asien handelten. Der Jahrmarkt Europa erinnerte an den Turm von Babel, wo die kulturelle und sprachliche Vielfalt alltäglich war. Gleichzeitig war er einer der Orte in Warschau, an denen man viele Menschen antreffen konnte, die sich illegal in Polen aufhielten. Der Jahrmarkt Europa war außerdem der einzige Ort, an dem sich die Menschen sorglos illegale Waren verschaffen konnten. Denn die Kontrollen der Polizei waren weitgehend wirkungslos - an Stelle des verhafteten Verkäufers fand sich sogleich Ersatz. Die vietnamesischen Händler behaupten sogar, dass die Polizei sich für das Verschließen der Augen schmieren ließ. Die Polizei ordnete dann von Zeit zu Zeit vorangemeldete "Razzien" an, weil sie sich Vorwürfen der Stadt und der öffentlichen Meinung ausgesetzt sah.

©atti-la / FLickrDer Jahrmarkt Europa - das war nicht nur einfach Warenhandel, sondern auch Handel mit Waffen, Sex, Drogen, Schmuggelware und der Arbeitskraft illegaler Migranten. Mit anderen Worten: Hier wurden riesige Einkommen erwirtschaftet, die nicht besteuert werden konnten. Einige meinen, dass sich der Umsatz bei einem Beitritt Polens zur Eurozone wahrscheinlich noch vergrößert hätte. Die Meinungen sowohl von Verkäufern als auch von Käufern hierüber sind aber geteilt. "Die Einführung des Euro hätte uns unsere Arbeit erleichtert. Wir hätten unsere Waren auch viel leichter in die Eurozone exportieren können", behauptet ein junger, agiler Strumpfhosenverkäufer. Nicht alle sind allerdings der Einführung des Euro gegenüber positiv eingestellt. Die Angst vor Preissteigerungen ist groß: "Euro? Wozu brauchen wir den Euro? Bestimmt wird dann alles mindestens doppelt so teuer, wie in den anderen Ländern. Polen ist arm genug, und kann sich den Euro nicht leisten", meint dagegen Grzegorz, ein Kunde des Marktes.

Strahlende Zukunft

©atti-laAn der Stelle des mit einem schlechten Ruf behafteten Stadions entsteht nun bis 2010 das moderne Nationale Sportzentrum, mit Schwimmbecken, Sportplätzen, Hotels, Restaurants und sogar einigen Büro-Wohnhäusern. Mit Hinsicht auf die in Polen und der Ukraine 2012 stattfindende Fußballeuropameisterschaft wird das Nationale Sportzentrum eine zentrale Rolle spielen. Hier werden sowohl das Eröffnungsspiel als auch das Endspiel stattfinden. Nach jetzigen Schätzungen wird die Stadt Warschau für den Bau des Nationalen Sportzentrums ca. 100 Mio. Zloty (ca. 30 Mio. Euro) ausgeben müssen. Die Debatten um das Stadion gehen weit über den Kreis der Politiker hinaus. Auch die Einwohner Warschaus sind geteilter Meinung über das Stadion. "Ich glaube, dass die Regierung uns Fußballfans hasst., weil wir sonst nämlich einen nationalen Aufstand organisieren werden", sagt ein junger DVD-Verkäufer. Doch nicht nur er ist skeptisch. "Ich fürchte, dass sich Polen -wie immer- vor dem Rest Europas bloßstellen wird, indem das Stadion nicht rechtzeitig fertiggestellt werden kann. Das wäre wirklich jammerschade und eine große Schande vor den anderen", meint auch der 30-jährige Robert auf dem Weg zur Tramhaltestelle.

Gebrochene Versprechen

Zur Zeit weißt nichts darauf hin, dass das Gebiet um das Stadion und der Stadtteil Praga ihr Image eines schmutzigen Ortes von Kriminalität und illegalen Einwandern verlieren würde. "Welches Europa, bitte? Wir sind noch weit von Europa entfernt, das hier ist Asien. Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit, dass in irgendeiner Hauptstadt der Europäischen Union im Stadtzentrum solche Marktstände existieren", beschwert sich mit einem gewissen Sarkasmus ein elegant gekleideter Mann mit Aktentasche, der wie er behauptet sich hier nur aufhält und in den Platten stöbert, um sich die Wartezeit auf den Bus zu vertreiben. Einerseits gibt es hier noch immer an jeder Ecke Stände mit Socken, Unterhosen, billiger Kleidung aus China oder mit Raubkopien von CDs, die nur durch ihre Existenz die europäische Metropole, die Warschau unzweifelhaft darstellt, kompromittieren. Anderseits zeugen der Markt und diese Menschen auch von einer Menge Unternehmergeist unter den Einwohnern Warschaus.