Wallström: „Verunglimpfen ist besser als Schweigen oder Apathie“

Artikel veröffentlicht am 5. April 2005
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Artikel veröffentlicht am 5. April 2005

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In einem Interview mit café babel denkt Margot Wallström, EU-Kommissarin für institutionelle Beziehungen und Kommunikation über die Wichtigkeit von Blogs nach und darüber, wie man die EU besser „verkaufen“ kann.

Der EU wird oftmals vorgeworfen, eine gesichtslose, bürokratische Institution zu sein. In einem Versuch, dieses Image zu bekämpfen hat Kommissionspräsident Barroso kürzlich Wallströms Posten geschaffen, um, wie sie sagt, „den Bürgern ‚Europa’ besser vermitteln zu können“. Sie ging soweit, als erste Politikerin ihr eigenes Internet-Tagebuch einzurichten, wofür sie sowohl gelobt (für ermutigende Transparenz) als auch kritisiert wurde (für populistisches Vereinfachen von Politik).

Viele Menschen haben noch nie von einem Blog gehört. Warum haben Sie entschieden eines zu führen?

Es ist ein großer Unterschied ob man zu jemandem spricht – wie in einem Artikel oder Interview, oder ob man mit jemandem redet – wie in einem Blog! Es ist ein interaktiver Dialog und genau das gefällt mir daran.

Aber ist das wirklich “Kommunikation“ oder kommen Sie nur Ihren EU-Verpflichtungen nach? Letztendlich müssen Sie darauf achten, was Sie sagen...

Warum muss man es denn in ein „Entweder-oder“ einteilen? Natürlich komme ich meinen EU-Verpflichtungen nach – das ist meine Aufgabe als Kommissarin, aber es ist ebenso Ausdruck meiner persönlichen Bindung. In meinem Internet-Tagebuch muss ich auch nicht mehr darauf achten, was ich sage als woanders auch, oder? Ich versuche genauso korrekt und respektvoll zu sein wie in anderen Bereichen meines Jobs oder meines Privatlebens. Und darf ich etwas gestehen? Es macht tatsächlich Spaß das Internet-Tagebuch zu führen! Ich genieße es, meine eigenen Ausdrücke zu verwenden und in meinem eigenen Stil über das alltägliche Leben zu berichten. Sie werden mir zustimmen, dass was in meinem Blog steht, weitaus anders klingt als eine Pressemitteilung oder einer offiziellen Rede. Und das ist mir wichtig: Ich kann den Menschen sowohl über mein Leben als Kommissarin, als Politikerin und auch als Privatperson auf die selbe Art berichten.

Ihr Blog scheint ziemlich offenherzig zu sein und Sie verwenden sogar 'Smileys'. Ist das ein Versuch der europäischen Jugend zu gefallen?

Es ist kein Versuch irgend jemandem bestimmtes zu gefallen – ich bin einfach so wie ich bin!

Lesen und beantworten Sie persönlich die mehreren hundert Kommentare, die Sie bekommen? Leider habe ich nicht genügend Zeit um dies zu tun, was ich wirklich gerne würde. Aber ich bekomme eine Menge guter Ideen und Sichtweisen auf die EU und meine Arbeit. Das finde ich sehr nützlich.

Und was ist mit den bösen Kommentaren, die Sie erhalten? Inwieweit sind die nützlich? Es sind eigentlich nur recht wenige und die kommen meist von den selben Personen. Sie scheinen sich gegenseitig ein Rennen zu liefern um der erste „Anti-Eintrag“ zu sein :-). Aber ernsthaft, jeder hat das Recht seine eigene Meinung zu haben, egal ob es für oder gegen das ist, was ich sage, schreibe oder tue. Und wenn man korrekt und respektvoll miteinander umgeht, entsteht eine bessere Atmosphäre – ich bin vermutlich nicht die einzige, die konstruktive Kritik und Dialoge einer Verunglimpfung vorzieht. Aber selbst Verunglimpfungen sind besser als Schweigen oder Apathie. Es beweist, dass sich die Menschen sorgen und starke Auffassungen vertreten und das ist ein gutes Zeichen – das ist Demokratie in Aktion.

Denken Sie, Blogs können dem „partizipativen Journalismus“ zugerechnet werden oder sind sie lediglich Online-Tagebücher?

Ich kann nur für mich und mein Blog sprechen und ich beanspruche keine journalistischen Ambitionen damit zu haben. Aber dennoch ist es weitaus mehr als nur ein Internet-Tagebuch für mich. Es ist ein sehr guter Weg um (hoffentlich) die Menschen zu erreichen und Diskussionen über eine größere Themenvielfalt zu führen als es vielleicht normalerweise in „EU-Brüssel“ der Fall ist.

Denken Sie die europäische Gesellschaft ist zu “mediatisiert” und welche Nachteile sehen Sie darin, jedem mit Internetzugang zu erlauben seine Ideen online zu stellen?

Ich denke es ist nicht die Frage, ob die Gesellschaft zu „ mediatisiert“ ist oder nicht – die Frage ist wie die Medien mit denen, über die und für die sie berichten interagieren und umgekehrt. Es ist kein Geheimnis, dass einige besser darin sind als andere. Ich kann ebenso keine Nachteile darin sehen, dass jeder mit Internetzugang seine Ideen online veröffentlichen kann, wie darin, dass jeder mit Zugang zu einem Platz in einer Stadt dort öffentlich sprechen darf. Es sollte keinen Unterschied in Anstand und Regeln geben.