Walk Off The Earth: Internetsensation dank Youtube

Artikel veröffentlicht am 7. April 2013
Artikel veröffentlicht am 7. April 2013

Die Grup­pe Walk Off The Earth ist ein Kind des Uni­ver­sums YouTube. Mit der Ver­öf­fent­li­chung ihres Al­bums und an­schlie­ßen­der Eu­ro­pa­tour­nee will die ka­na­di­sche Band jetzt be­wei­sen, dass sie mehr zu bie­ten hat als ein paar hun­dert Mil­lio­nen Klicks. Das war uns fünf Fra­gen wert.

WOTEWer das Phänomen Walk Off The Earth (kurz auch WOTE) verstehen will, muss in die Welt von YouTube, Facebook und Co. eintauchen – eine Welt, in der man Musik erschafft, anhört, kopiert, remixt, weiterleitet, teilt, auf seine Pinnwand postet. Anders ausgedrückt: ein existentielles Problem für Musiker und das heutige Musikbusiness. Oder: Alltag für eine ganze Generation. Oder: ein Rätsel für viele andere. In dieser Welt ist Rewind Youtube Style 2012 ein Versuch, die Milliarden von Posts, die 2012 auf der Videoplattform veröffentlicht wurden, zusammenzufassen. Das erste Bild des Medleys: fünf junge Musiker, vier Männer und eine Frau, die auf einer einzigen Gitarre spielen. (Bevor sie von Psy, dem südkoreanischen Musiker, der den ganzen Planeten die Gangnam Style Choreografie hat tanzen lassen, zerschmettert wird.) WOTE 2.0

Das bekannteste Video von Walk Off Th Earth (das ist die Band, von der wir hier sprechen wollen) – eine Coverversion des Songs „Somebody that I used to know“ des belgischen Sängers Gotye – hat 150 Millionen Klicks auf YouTube erhalten. Das Video hat sich nicht nur wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet, sondern hat auch die Karriere der kanadischen Band ordentlich in Schwung gebracht: Gianni, Sarah, Joel, Mike und Ryan sind seitdem Stars im Web 2.0. Klicks über Klicks, Posts über Posts: Der weltweite Hit „Someone like you“ von Adele oder „One day – Reckoning Song“ der schon zum Kult gewordene Remix eines Stücks von Asaf Avidan sind Beispiele für erfolgreiche Coverversionen von WOTE, die heute nicht mehr im Radio, sondern auf dem iPod gehört werden. Markenzeichen dieser Videos: alten Hits eine neue, oft überraschende Gestalt geben.

Trotz kleiner Schmuckstücke wie der Clip zu Red Hands sind die eigenen Titel von Walk Off The Earth (noch?) nicht der Renner auf YouTube. Aber die fünf vielseitig begabten Musiker wollen seitdem von ihrer neuen Bekanntheit profitieren, um dies zu ändern. Im Anschluss an die Veröffentlichung ihres neuen Albums R.E.V.O.(Realize Every Victory Outright) ist die Band gerade auf einer dreiwöchigen Europatournee. Wir haben Sarah und Joel ein paar Stunden vor ihrem Auftritt in Berlin getroffen.

REVO.jpgcafebabel.com: Wie sah eure Karriere vor eurer mittlerweile berühmten Videoversion von „Somebody that I used to know“ aus?

WOTE: Wir haben alle bei unterschiedlichen Gruppen gespielt, bevor wir uns zusammen getan haben. Wir hatten auch davor schon YouTube genutzt und haben zum Beispiel regelmäßig Konzertvideos online gestellt. Gianni hat dann unsere Art zu arbeiten verändert und uns ermutigt, Videos extra für YouTube zu produzieren. Direkt auf die Fans zuzugehen und zu sehen, wie sie reagieren.

cafebabel.com: Was denkt ihr über all die Veränderungen, die euch dieses Video beschert hat?

„Wenn Millionen von Usern auf Youtube sind, warum nicht dorthin gehen?“

WOTE: Wir fanden Gotyes Song einfach großartig und haben großes Potential darin gesehen. Wir haben unser Video in einer einzigen Nacht gedreht, in einer sehr langen Nacht. Und am nächsten Tag war alles anders. Dieses Video hat uns viele Türen geöffnet. Im Musikbusiness brauchst du den perfekten Mix – vorher weißt du nie so genau, ob ein Song erfolgreich sein wird oder nicht. Was uns sehr gefreut hat, war die positive Reaktion von Gotye auf Twitter. Das trägt dazu bei, einen Teamgeist im Internet unter den verschiedenen Künstlern zu entwickeln.

cafebabel.com: Welche Rolle spielen seitdem soziale Netzwerke oder YouTube in eurer Karriere?

WOTE: Es ist wichtig, die Nachrichten zu lesen, zu antworten und mit den Fans in Kontakt zu treten. Joel ist mehr der Twitter-Typ, Gianni eher Facebook. Aber wir sind alle jeden Tag online. Als ich jünger war, hätte ich gerne Kontakte zu meinen Lieblingskünstlern geknüpft und mich als Teil einer ‚Bewegung‘ gefühlt. Ich glaube, dass ist heute sehr wichtig für eine Karriere. Vor allem muss man auch dort sein, wo die Fans sind. Wenn Millionen von Usern auf YouTube sind, warum nicht dorthin gehen? Aber es ist sehr wichtig für uns, unsere Fans auch wirklich zu treffen, ihre Reaktionen auf unseren Konzerten zu sehen.

cafebabel.com: Wie schafft ihr es seitdem, auch eure eigenen Songs in den Vordergrund zu rücken?

WOTE: Drei Monate lang haben wir jeden Tag an unserem neuen Album gearbeitet. Das ist heute unsere Herausforderung: von ‚Diese Band, die Gotye mit einer einzigen Gitarre gecovert hat – wer sind die?‘ zu ‚Diese Band mit den super originellen und coolen Stücken – wer sind die?‘ In Kanada hat das mit unserem Song Red Hands schon mal ganz gut geklappt. Denn nur weil man mit einem Titel berühmt geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass die Karriere geritzt ist. Es gibt haufenweise Bands, die mit einem Song einen Hit landen und gleich danach wieder in der Versenkung verschwinden.

cafebabel.com: Habt ihr nicht Angst, keine einzige CD an ein Publikum zu verkaufen, dass sich so gut mit den Möglichkeiten des Internets auskennt?

WOTE: Es wird immer Leute geben, die CDs kaufen. Für dieses Album haben wir das Beste gegeben und in Toronto ist es momentan der Renner. Solange wir können, werden wir jedenfalls CDs machen. Sicher wird es immer den ein oder anderen geben, der sich unsere Musik nicht auf legalem Wege beschaffen wird. Aber wir vertrauen unseren Fans. Und solange sie zu unseren Konzerten kommen und unsere T-Shirts kaufen, ist das auch in Ordnung.

von Sebastien Vannier Übersetzung: Kathrin Faltermeier

Fotos : ©Erin O’Connell & Shawn Van Daele; Videos: “Somebody that I used to know” und “Red Hands” (cc)ThisIsVonni/YouTube