Waldeinsamkeit im italienischen Kino: der erste Schnee

Artikel veröffentlicht am 5. November 2013
Artikel veröffentlicht am 5. November 2013

Der neue Film von Andrea Segre, Regisseur von Io sono Li (dt. Titel: Venezianische Freundschaft).

Der Film „La Prima Neve“ (wörtliche Übersetzung: der erste Schnee) wurde bei den 70. internationalen Filmfestspielen von Venedig in der Sektion „Orizzonti“ (die neue Trends und Tendenzen des Weltkinos abbildet) präsentiert. Der zweite Film von Andrea Segre aus Venetien wurde erst kürzlich von der Jury des 31. italienischen Filmfestivals von Annecy mit dem Grand prix fiction und dem Prix du public ausgezeichnet.

La Prima Neve, eine Mischung aus Dokumentarfilm und Fiktion, aus Realität und Inszenierung, wie der Regisseur selbst sagt, führt den Zuschauer unmittelbar in das Leben und die Welt der Protagonisten. Dies gelingt - dank seiner Erfahrungen mit Liveaufnahmen, die der Regisseur in seiner früheren Tätigkeit als Dokumentarfilmer machte. Eine lebensnahe Geschichte wird auf natürliche Art und Weise in Bilder umgewandelt, in Szene gesetzt. Grund dafür: professionelle Schauspieler und Einwohner des Drehortes.

Segre greift das Thema der Immigration und der Flüchtlingsaufnahme aus seinem ersten Film Venezianische Freundschaft auf. Diesmal spielt die Handlung jedoch in der abgelegenen Landschaft des Fersentals im Trentino, einer grünen Talebene am Fuße des Lagorai-Gebirges. Der Film beschäftigt sich damit, dass die Berge im Gegensatz zur Landflucht in den Alpentälern seit ungefähr einem Jahrzehnt zu einem Aufenthaltsort für viele Immigranten geworden sind. Wie in der Geografie bereits geschehen, sollte man die üblichen Klischees über verschlossene und nicht für Veränderungen offene Bergregionen überdenken. Denn gerade dort trifft man auf wirtschaftliche und soziale Dynamik und auf vorbildliche Gastfreundschaft.

Im Zusammenspiel mit der Natur des Fersentals erzählt der Regisseur die Geschichte von einem togolesischen Flüchtling namens Dani, der mit einem Schlauchboot nach Italien kam; von einem elfjährigen Jungen namens Michele, der die Vorstellung von einem Leben ohne Vater nicht ertragen kann und von dessen Mutter, Elisa, die nach dem Tod ihres Mannes allein zurückgeblieben nach innerem Gleichgewicht strebt. Der Migrant Dani, der sich in dem neuen Land fremd fühlt und auf der Suche nach einem Ort ist, an dem er nach dem Verlust seiner Frau von vorne beginnen kann, scheint sich in einer ähnlichen Situation zu befinden wie der Junge Michele. Dieser ist verwirrt durch den Tod seines Vaters und weigert sich, dessen Abwesenheit zu akzeptieren. Es ist Herbst. Das Lichtspiel der Blätter im Wald reflektiert das dramatische Innenleben der beiden Protagonisten, deren Unruhe und Unsicherheit.

Die alte Werkstatt des weisen Pietro, Großvater von Michele, der sowohl Tischler als auch Imker ist, ermöglicht es Dani und Michele unerwartet, einander zu begegnen und sich kennenzulernen. Gemeinsam spazieren sie oft durch den Buchen- und Birkenwald auf der Suche nach Feuerholz für den bevorstehenden Winter. Während dieser Spaziergänge ist Michele ganz beeindruckt von der Kraft und Schönheit der Bäume, wohingegen Dani nicht mehr fähig ist, der Stimme des Waldes zu lauschen. Er denkt darüber nach, eine neue Heimat zu finden, weit entfernt vom Fersental, und versucht, seine Rolle als Vater der kleinen Fatou zu verstehen.

In Italien ist unter dem Titel „ Prima della neve“ (wörtliche Übersetzung: vor dem Schnee) ein Buch erschienen, das unter anderem die Notizen des Regisseurs umfasst. Dort schreibt Segre über die Vorbereitungswochen des Films: „Wie die unvorhersehbare Kraft der Mutter Natur, so ist die alte Buche „Vater Natur“, der Vater, den Michele noch immer sucht und der Dani nicht zu werden wagt oder vermag.“

Das Buch umfasst außerdem die Szenen- und Backstageaufnahmen zum Film, die von Simone Falso gemacht wurden. Parallel zum Filmstart stellt der Regisseur auch das Projekt „La prima scuola“ (wörtliche Übersetzung: die erste Schule) vor, eine Spendensammlung zur Finanzierung von künstlerischen und pädagogischen Projekten an Grundschulen, um die Kreativität und Lernfähigkeit der Kinder zu fördern und aus dem Alltag der Schulen zu berichten.           

Wenngleich der Film ausschließlich in den trentinischen Bergen spielt, versetzt er den Zuschauer dennoch an weit entfernte und nahegelegene Orte wie Libyen, Togo, Bangladesch oder Paris. Dies gelingt durch die Mischung verschiedener Sprachen wie Italienisch, Trentinisch, Fersentalerisch, Französisch und dem afrikanischen Ewe. Der Zuschauer lernt die einstigen Berufe, sowie den langsamen und unbekümmerten Rhythmus des Lebens im Tal kennen und nimmt den Geschmack und Duft von wunderbaren Dingen wie Honig wahr. Er bewundert den Glanz und die Lebhaftigkeit der verschiedenen Farbtöne braun, gelb, rot und grün, und verinnerlicht in Gedanken eine Weisheit: „Alles, was den gleichen Geruch hat, gehört zusammen.“

So wie die vom ersten Schnee bedeckte Landschaft die schmerzhaften Erfahrungen von Dani und Michele mildert, so bietet sie auch jedem anderen die Möglichkeit, den eigenen Weg zu finden.