Wahlkampf 2013: Mary merkel Poppins

Artikel veröffentlicht am 3. September 2013
Artikel veröffentlicht am 3. September 2013

Vor mehr als 17 Millionen Zuschauern haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Peer Steinbrück am Sonntag im TV-Duell um die Wählergunst geworben. Dank ihres Rufs als Managerin der Euro-Krise hat Merkel vor den Wahlen die Nase vorn, meinen einige Kommentatoren. Andere bemängeln, dass sich die Kanzlerin für unfehlbar hält und die Komplexität von Politik ignoriert. 

El País: Steinbrück müsste über sich hinauswachsen, um das Ruder herumzureissen; Spanien

Angela Merkel hat im Wahlkampf die Nase vorn, weil sie durch das Management der Euro-Krise das Ansehen der Wähler gewonnen hat, meint die linksliberale Tageszeitung El País nach dem TV-Duell: "Die bereits drei Jahre währende Euro-Krise hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Macht und der Einfluss Berlins gewachsen sind. Das verleiht der Wahl eine besondere Bedeutung. Die Standhaftigkeit und die Vorsicht, die Merkel an den Tag gelegt hat, lassen sie bei den Wählern gut ankommen, auch wenn nicht alle Staaten Berlins Politik mittragen. Deutschland - einig, reich und stark - ist Europas Hegemonialmacht, und viele Bürger verbinden diese Tatsache mit dem abwägenden und diskreten Führungsstil der Regierungschefin. Steinbrück müsste im verbleibenden Wahlkampf schon über sich hinauswachsen, um das Ruder noch herumzureißen." (03.09.2013)  

Il Sole 24 Ore: Merkels Mary-Poppins-Syndrom; Italien

Ein Sieger ging aus dem TV-Duell nicht hervor, wohl aber offenbarte es die mangelnde Dialektik von Angela Merkel, urteilt die liberale Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore: "Das Duell hat eine weniger offenkundige doch folgenschwere Eigenschaft von Angela Merkel offenbart: Sie ist intelligent, doch ihre Intelligenz ist in einer flachen Denkweise verankert, die stets zu beruhigen versucht. Es widerstrebt ihr, Hintergründe zu analysieren oder auf die Frage nach der Verantwortung einzugehen. Diese 'Eindimensionalität' hat leider auch ihre Rolle in der europäischen Krise gezeichnet. [...] Sie will ein Problem nach dem anderen angehen, immer hübsch der Reihe nach, und lineare Lösungen finden. Doch die Welt ist nicht platt und auch nicht linear. [...] Hinzu kommt die nahezu paradoxe Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben. Angela Merkel ist überzeugt, mit einem Fingerschnips alles in Ordnung gebracht zu haben, weshalb in Brüssel manch einer glaubt, dass sie am Mary-Poppins-Syndrom leidet und sich für unfehlbar hält." (03.09.2013)  

Postimees: Deutschland - der Sparideologe; Estland

Angela Merkel wird die Wahl gewinnen und damit in Europa weiterhin die deutsche Sparideologie durchsetzen, glaubt die liberale Tageszeitung Postimees: "Für diejenigen, die in der Euro-Zone einen Sparkurs befürworten, - das sind die, die eine konservative Finanzpolitik verfolgen und ohne die Hilfe von außen die Krise gemeistert haben - wäre Merkels Wahlsieg angenehm. Trotz einfühlsamer Rhetorik ist Deutschland der Spar-Ideologe der Hilfspakete gewesen: Seine Weigerung, für die Maßlosigkeit einiger Staaten zu bezahlen, ist für die gesamte Euro-Zone ein Signal, dass eine nationale Finanzpolitik, die nur der Popularität der Politiker dient, für eine gesamteuropäische Währung untragbar ist. Steinbrücks Gegenvorschlag ist ein zweiter Marshall-Plan für Europa. Es ist aber zu bezweifeln, dass er - europäische Solidarität hin oder her - die deutschen Steuerzahler damit überzeugt." (03.09.2013)  

Lidové noviny: Das kleine, schmutzige Geheimnis; Tschechien

Einzig die Euro-Krise bot im harmonischen Fernsehduell Merkel-Steinbrück ein wenig Zündstoff - doch die Wahrheit hielten hier beide Politiker hinterm Berg, bemerkt die konservative Tageszeitung Lidové noviny: "Steinbrück hielt der Kanzlerin vor, dass ihre Rezepte bisher eher nicht gefruchtet hätten, fordere doch Griechenland schon wieder ein neues Rettungspaket. Merkel wiederum erinnerte ihren Herausforderer daran, dass seine SPD den bisherigen Rettungspaketen ebenso zugestimmt habe wie ihre CDU. Darüber, dass die Währungsunion das Ungleichgewicht zwischen den Mitgliedern verstärkt und dass Deutschlands Prosperität und Südeuropas Misere in gewisser Weise kommunizierende Röhren sind, fiel kein Wort. [...] Das kleine schmutzige Geheimnis blieb am Sonntag unausgesprochen. Es wird bis zu der Wahl unausgesprochen bleiben und womöglich bis zum bitteren Ende." (03.09.2013)

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