Vox-Pop: Europas Ägypter zu den Anti-Mubarak-Protesten

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2011

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Fünf europäische Staats- und Regierungschefs rufen zu einem raschen Machtwechsel in Ägypten auf; nach UN-Schätzungen gab es in den letzten zehn Tagen bis zu 300 Tote  und über 3000 Verletzte. 161 britische Ägypter wurden bereits aus dem nordafrikanischen Land ausgeflogen. Vier junge Ägypter aus London, Manchester und Essex sprechen über ihre Ängste, ihre Wurzeln und Familien

“Mubaraks Regime ist zu lange von Staaten wie den USA oder Großbritannien unterstützt worden“

„Dreißig Jahre lang haben die Ägypter in einem Zustand der politischen Apathie ausgeharrt. Sie waren unglücklich mit dem Regime, hatten aber zu viel Angst, einen Wechsel einzufordern. Steigende Arbeitslosigkeit, Inflation, Brutalität der Polizei, Korruption und eine beängstigend große Kluft zwischen Arm und Reich brachte die Menschen nun dazu, die Initiative zu ergreifen und zu handeln. Über die Jahre hat Ägypten viel von seinem Ruf in der arabischen Welt eingebüßt, nicht nur politisch, sondern auch kulturell - wir konnten in den letzten 30 Jahren eine deutliche Verschlechterung in allen Lebensbereichen beobachten. Diese Entwicklung hat das Wohlbefinden der Ägypter stark beeinflusst - vor allem das der jungen Leute. Diese Revolution scheint nun das nationale Selbstvertrauen wiederherzustellen. Die Menschen denken, dass sie es endlich geschafft haben, für das, woran sie glauben einzutreten.

Ich hoffe, dass Mubarak in den kommenden Tagen abtritt und das von ihm eingesetzte Kabinett aufgelöst wird. Viele Ägypter befürchten aber, dass in diesem Fall ein politisches Vakuum aufklaffen würde und es zu chaotischen Zuständen kommen könnte. Wenn die Menschen wirklich Demokratie möchten, sollten sie sich darauf einstellen, dass sie dafür kämpfen müssen. Eine politische Lücke wird fast sicher in Chaos ausarten, Demokratie war aber nie einfach zu bekommen. Man muss nur einige der ältesten Demokratien, wie Großbritannien, Frankreich oder die Vereinigten Staaten betrachten: Man muss Opfer bringen. Der Prozess mag einige Jahre dauern, aber die langfristigen Vorteile überwiegen sicher über ein falsch verstandenes kurzfristiges Sicherheitsbedürfnis. Wir kämpfen für die Zukunft unseres Landes, unserer Kinder.

Ich nehme an Solidaritätsprotesten in Großbritannien teil. Es ist die Pflicht der ägyptischen Auswanderer, die Menschen zu unterstützen, die in Ägypten demonstrieren und sicherzustellen, dass unsere Stimme im Rest der Welt vernommen wird. Mubaraks Regime ist zu lange von Ländern wie den USA und Großbritannien unterstützt worden: Es ist sehr wichtig, alle wissen zu lassen, dass wir ihn nicht wollen! Es ist sehr schwierig, meine Verwandten dort zu erreichen. Ich konnte sie nun zum ersten Mal per Festnetzanschluss sprechen, nachdem sie tagelang unerreichbar waren. Sie nehmen nicht an den Demonstrationen teil, unterstützen diese jedoch stark und freuen sich auf einen Wechsel hin zum Besseren für Ägypten.

Amira Mohsen, 26, Journalistin (früher für Nile TV, London

"Meine engsten Angehörigen sind dagegen, dass ich die Revolution unterstütze"

„Das Regime ist total korrupt. Es spielt seine letzte und schmutzigste Karte aus. Wenn die Revolution Erfolg hat, werden wir frei sein und die Dinge werden nach und nach besser werden. Wenn nicht, wird es weitergehen mit der Korruption und in den kommenden Monaten wird es zu einem gewaltigen Racheprozess kommen. Ich habe an Demos in Großbritannien teilgenommen. Meine engen Familienangehörigen sind dagegen, dass ich die Revolution unterstütze. Sie ziehen falschen Frieden und Stabilität vor.

Anonym, 26, Student/in, London

“Ich wollte nicht, dass es so kommt“

„Es ist sehr traurig zu sehen, wie meine eigenen Landsleute sich gegenseitig umbringen. Noch trauriger finde ich, dass diese Schläger sogar von unserer eigenen Regierung freigelassen wurden, um auf die Demonstranten loszugehen. Es hätte mich gefreut, mein Land in den Schlagzeilen zu sehen, aber ich wollte nicht, dass es so kommt. Ich hoffe (und bete), dass Mubarak zurücktritt und dass Vizepräsident Omar Suleiman (oder wen auch immer das Volk wählt, wie Amr Mousa [Generalsekretär der Arabischen Liga]) das Land in der Übergangszeit führen wird und eine neue Regierung und ein neues Parlament ernennt, bis das ägyptische Volk am Wahltag 2011 selbst seinen neuen Präsidenten und Premierminister wählen wird.

Ich habe an drei Solidaritätsdemos in Manchester teilgenommen. Und ich habe es endlich geschafft, meine Verwandten in Ägypten zu kontaktieren. Sie sind sehr besorgt angesichts der Situation, der Unsicherheit und dem Lebensmittelmangel. Sie sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, dass Mubarak abtritt und dem Wunsch nach einem Ende der Proteste, damit sie wieder zur Arbeit gehen können und auf den Straßen wieder Normalität einkehrt.

Ahmed D., 33 Jahre, Mitarbeiter einer Fluggesellschaft, Manchester

„Was ihr heute seht, ist für uns nichts Neues“

„Wo soll ich anfangen? Das ägyptische Volk hat über 31 Jahre lang gelitten. Die Situation verschlechterte sich stetig. Das konnte jeder sehen. Seit Mubaraks Machtübernahme sind die Dinge immer schlechter geworden. Die Leute sind nun bereits an dem Punkt, an dem ihnen ihr eigenes Leben nichts mehr bedeutet. Sie sehen keinen Grund nach Hause zu gehen, haben keine Arbeit, kein Geld, keine Zukunft und nicht einmal Freiheit in irgendeiner Hinsicht. Sie fühlen sich wie Gefangene.

Es war die richtige Entscheidung endlich zu sagen: 'Nein! Genug ist genug, wir halten das nicht mehr aus'. Sie fordern schlicht und ergreifend ihre Menschenrechte ein, und was passiert? Sie werden von Mubaraks Schlägertruppen getötet und verwundet. Ich möchte gerne betonen, dass das, was ihr jetzt beobachten könnt, für uns nichts Neues ist. So war es die ganze Zeit über, nur lief es im Verborgenen ab. Wir alle wussten darüber Bescheid, aber keine traute sich, den Mund aufzumachen. Nun aber stehen die Dinge anders und wir sagen: „Nein! Mubarak muss jetzt gehen, nicht im September, nicht morgen, sondern JETZT!“ Er hat Ägypten und den Menschen dort genug geschadet. Ich konnte meine Verwandten per Festnetz kontaktieren. Sie sagen, die Situation sei sehr schlecht, sie haben Angst vor dem, was gerade passiert und noch mehr Angst davor, was in nächster Zeit passieren wird.“

Dahlia, 27 Jahre, Essex

Alle Fotos: ©Ahmed Darwish