Vorsicht, Reisbombe! Asien macht Kino

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2014

Die­ses Jahr hat die asia­ti­sche Reis­bom­be die Ber­li­na­le voll er­wischt: drei chi­ne­si­sche und ein ja­pa­ni­scher Film im Wett­be­werb, zahl­lo­se Kurz-, Do­ku­men­tar- und Spiel­fil­me, eine Re­tro­spek­ti­ve. Kaum eine Welt­re­gi­on außer Eu­ro­pa war bei den 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len in Ber­lin so prä­sent. Aber warum sind asia­ti­sche Filme so in­ter­es­sant?

„Ein­stei­gen bitte! Es geht nach Tai Po!“ Türen kra­chen, laut dröhnt die Hupe, der Bus­fah­rer spuckt ge­nüss­lich aus dem Fens­ter und dann schal­tet die Ampel auf grün. Mit quiet­schen­den Rei­fen ma­nö­vriert sich der Mi­ni­bus aus sei­ner Park­lü­cke und fä­delt sich unter nerv­tö­ten­dem Schla­ger­ge­du­del in den schil­lern­den Ver­kehr Hong­kongs ein. Alles könn­te so nor­mal sein, wenn bei der An­kunft in Tai Po nicht plötz­lich alle Stra­ßen wie leer­ge­fegt wären. Wo sind nur all die Men­schen hin? Das fra­gen sich nicht nur die In­sas­sen des Mi­ni­bus­ses. Was genau ei­gent­lich pas­siert ist, wird in dem neuen Film The Mid­ni­ght After (2013) des aus Hong­kong stam­men­den Re­gis­seurs Fruit Chan nicht er­klärt: ein zwei­tes Fu­kus­hi­ma? Ali­ens? Ein glo­ba­ler Kil­ler­vi­rus? Böse Geis­ter? Zom­bies? Oder doch David Bowie, der als Major Tom die Erde heim­sucht?

Of­fi­zi­el­ler Ki­no­trai­ler von Fruit Chans The Mid­ni­ght After (2013). 

Alles ist mög­lich in die­sem bun­ten, ur­ko­mi­schen End­zeit­film von Fruit Chan. Wäh­rend die Trup­pe aus dem Mi­ni­bus ver­sucht, sich vor un­be­kann­ten Mäch­ten in Si­cher­heit zu brin­gen, muss gen­re­ge­mäß einer nach dem an­de­ren daran glau­ben – doch der nächs­te Witz, die nächs­te schil­lernd schö­ne Wol­ken­krat­z­er­an­sicht oder Ka­rao­ke-Ein­la­ge sind zum Glück nicht weit.

Mut zu wil­den dreh­bü­chern und er­zähl­tech­ni­ken

Die­ser Mut zu ab­ge­fah­re­nen, einer ganz ei­ge­nen Logik fol­gen­den Dreh­bü­chern lässt sich in vie­len Fil­men aus Asien bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le ent­de­cken. Ir­rea­le Ele­men­te ma­chen be­son­ders den chi­ne­si­schen Wes­tern Wu Ren Qu (No Man‘s Land, 2013) von Ning Hao zu einem Meis­ter­werk. Was wie eine chi­ne­si­sche Va­ria­ti­on von Ser­gio Leo­nes Spiel mir das Lied vom Tod (1968) an­ge­legt ist, wird immer wie­der von ab­sur­den, un­er­war­te­ten und ko­mi­schen Ele­men­ten durch­bro­chen. Die Stra­ße durch die Wüste Gobi ist leer und weit und breit kein Auto zu sehen? Macht nichts, der schwar­ze Jeep des Ober­bö­sen kann trotz­dem plötz­lich von links in das Po­li­zei­au­to kra­chen. Der Fal­ken­jä­ger ist schon seit meh­re­ren Stun­den tot und seine Lei­che bei­na­he ein­ge­äschert wor­den? Egal, er kann trotz­dem Blut spu­ckend und mit ge­zück­ter Pis­to­le aus dem Auto pur­zeln.

Doch nicht jeder asia­ti­sche Film braucht Lärm, Ex­plo­sio­nen und Ver­fol­gungs­jag­den. Ein Motiv, das eben­so viele Filme prägt, ist tiefe Stil­le. So er­zählt Lou Ye in Tui Na (Blind Mas­sa­ge, 2014) in poe­ti­schen Bil­dern vom Leben blin­der Mas­seu­re in Nan­jing. Na­tür­lich ver­liebt sich der blin­de Xiao Ma in eine Kol­le­gin, be­ginnt sie zu um­wer­ben, träumt von kör­per­li­cher Nähe: „Die Dinge, die wirk­lich exis­tie­ren, kann man nicht sehen,“ er­klärt ihm ein Freund. Warum soll­te man da als Nicht­se­hen­der in der Liebe im Nach­teil sein? Eine große Über­ra­schung und ein wun­der­ba­rer Erst­lings­film ist Zhou Haos Ye (The Night, 2014), in dem der junge Stri­cher Tu­be­ro­se durch die Nacht treibt. Seine Freund­schaft mit der Pro­sti­tu­ier­ten Nar­zis­se bringt etwas Glanz in sein Leben, bis ein jun­ger Mann sich ernst­haft in ihn ver­liebt. Es ist be­we­gend zu sehen, wie sich Tu­be­ro­se über viele dunk­le Se­quen­zen hin­weg selbst lie­ben lernt. „Für uns ist kein Platz in die­ser Ge­sell­schaft,“ meint sein jun­ger Ver­eh­rer, doch Tu­be­ro­se ist auf dem bes­ten Weg, sich die­sen zu er­kämp­fen.

stil­le aus japan und sehr kri­ti­sche töne

Auch aus Japan kom­men, wie ge­wohnt, eher leise Töne. Die Filme im Haupt­pro­gramm bauen eben­falls auf Schwei­gen: So wech­seln die bei­den Brü­der Jiro und Soi­chi in dem Fu­kus­hi­ma-Dra­ma Ieji (Home­land, 2014) von Nao Ku­bo­ta kaum ein Wort, son­dern star­ren lie­ber auf die hell­grü­nen Reis­pflan­zen, die so frisch wir­ken und doch so töd­lich sind. Auch das Haus­mäd­chen Taki, das sich in Chi­saii Ouchi (The Litt­le House, 2013) unter der Regie von Yoji Yama­da in ihre Her­rin ver­liebt, be­gnügt sich die meis­te Zeit mit schwei­gen­dem Zu­se­hen. Haru Kuro­ki ist für diese stil­le Meis­ter­leis­tung mit dem Sil­ber­nen Bären als beste Schau­spie­le­rin aus­ge­zeich­net wor­den.

Der­ar­tig fein­sin­ni­ge, psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en ge­fal­len dem Ber­li­na­le-Pu­bli­kum, das sich von see­li­schen Un­tie­fen eben­so wie von ver­rück­ten Mi­ni­bus­fahr­ten be­geis­tern lässt. Liegt das aber nur an der Exo­tik chi­ne­si­scher Städ­te, an gran­dio­sen Slap­stickein­la­gen oder in­ter­es­san­ten Neu­in­ter­pre­ta­tio­nen be­kann­ter Film­stof­fe? Ein biss­chen scheint es so, als seien asia­ti­sche Re­gis­seu­re in ihrem Den­ken fri­scher und un­ver­brauch­ter als ihre eu­ro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Kol­le­gen. So ist auch Bai Ri Yan Huo (Black Coal, Thin Ice, 2014), mit dem der chi­ne­si­sche Re­gis­seur Diao Yinan den dies­jäh­ri­gen Gol­de­nen Bären ge­won­nen hat, voll von dunk­len und zu­gleich wahn­wit­zi­gen Ele­men­ten. In der Ge­schich­te um den Kri­mi­nal­kom­mis­sar Zhang Zili führt das zu viel Si­tua­ti­ons­ko­mik und einem höchst ver­wor­re­nen Ver­bre­chen. 

Of­fi­zi­el­ler Ki­no­trai­ler von Bai Ri Yan Huo (2014) unter der Regie von Diao Yinan. 

Wäh­rend Kri­tik an po­li­ti­schen und so­zia­len Ver­hält­nis­sen in Bai Ri Yan Huo nur sehr sub­til an­ge­bracht wird, sehr viel deut­li­che­re Töne aus Tai­wan: In Bai Mi Zha Dan Ke (The Rice Bom­ber, 2014) er­zählt Cho Li von dem jun­gen Sol­da­ten Yang Rumen, der nicht mehr mit an­se­hen will, wie im­por­tier­ter Reis die tai­wa­ne­si­sche Land­wirt­schaft zer­stört. Statt zu de­mons­trie­ren, bas­telt er lie­ber Reis­bom­ben, die er über Mo­na­te hin­weg in Tai­pei plat­ziert und die ihn zum Volks­hel­den ma­chen. Cho Li selbst träumt davon, dass die Wir­kung sei­ner Filme nach dem Ab­spann nicht auf­hört: „Ich hoffe immer noch, dass wir die Welt durch Filme ver­bes­sern kön­nen. Viel­leicht braucht ein­fach jede un­ter­ge­hen­de Ge­sell­schaft eine Reis­bom­be.“ Fast möch­te man hin­zu­fü­gen: auch jedes ein­ge­ros­te­te Kino. Dem Film in Eu­ro­pa kann es nur gut tun, neue Im­pul­se aus Asien zu be­kom­men, die auch gerne ein­mal ver­rückt sein kön­nen. Die asia­ti­sche Film-Reis­bom­be bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le hat zu­min­dest das Pu­bli­kum sehr glück­lich ge­macht.  

CA­FE­BA­BEL BER­LIN BEI DER 64. BER­LI­NA­LE

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