Vorsicht Aprilscherz: Mann, war das schön mit euch

Artikel veröffentlicht am 1. April 2016
Artikel veröffentlicht am 1. April 2016

[APRILSCHERZ] Jahrelang habe ich daran gedacht, wie es wohl sein würde, diesen Artikel verfassen zu müssen: cafébabel macht dicht. Die Entscheidung, so unerwartet sie nach unserem 15. Geburtstag auch kommt, wurde kollektiv getroffen. Aktivitäten sollen bis zum 1. November 2016 eingestellt werden - und wir mit Haltung gehen.

Liebe Leser,

Ihr könnt euch sicherlich ausmalen, dass uns diese Entscheidung alles andere als leicht gefallen ist. Zunächst für mich selbst, eines der letzten cafébabel-Gründungsmitglieder, und Zeitzeuge des Entstehens einer Medienstruktur, die wir zusammen mit Adriano, Simon, Nicola und vielen Anderen am IEP 2001 in Straßburg ins Leben gerufen haben. Aber auch im Namen meines Teams, Kollegen, die über die Jahre zu Freunden geworden sind und mit denen ich mehr als nur ein gewöhnliches berufliches Abenteuer teile, sondern ein Projekt für das Leben. Insbesondere möchte ich Katha danken, die über acht Jahre lang an meiner Seite war, aber auch meinem europäischen Team, Matthieu und Pia als Redakteure, Alice, Anthony und Pierre, die erst kürzlich zu uns gestoßen sind, und unsere Services Civiques Lorenzo, Naiara, Joe und Natalia.

Zum heutigen Zeitpunkt mit cafébabel aufzuhören, ist zunächst eine pragmatische Entscheidung. Wir halten es für vernünftig, ein Projekt auf Eis zu legen, bevor es in sich zerfällt und an medialer Schlagkraft verliert. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

Das Business-Modell unserer Vereinsstruktur trägt sich heute nicht mehr, um ehrlich zu sein, uns fehlt der Wind in den Segeln. Wir waren, so ehrlich sollten wir sein, nicht in der Lage, ein zukunftsorientiertes Business-Modell in die Tat umzusetzen, das es unserer Struktur ermöglichen würde, nicht mehr einzig und allein auf stetig sinkende öffentliche und private Gelder angewiesen zu sein. Andererseits wollten wir cafébabel auch nicht auf dem Werbemarkt ausschlachten, wo wir unsere redaktionelle Qualität aufs Spiel gesetzt hätten und vielleicht parallel auch unsere außergewöhnliche partizipative Funktionsweise - ein Magazin von und mit Freiwilligen.

Noch wichtiger ist aber unser Verständnis darüber, dass sich die politische Landschaft Europas in den letzten 15 Jahren radikal verändert hat. Die Euphorie für Europa, die wir Erasmusstudenten damals zu Gründerzeiten verspürten, ist verblasst. Der europäische Traum wurde geopfert - ist tot, so lautet der Tenor heute. Und wir jungen Europäer haben unterwegs irgendwie unsere Seele am Schalter abgegebn in diesem Europa, das sich immer häufiger von den Sirenen der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus verleiten lässt.

Das letzte Wort soll jedoch kein bitteres sein. In 15 Jahren haben wir diese vollkommen irrsinnige Wette gewonnen, das erste mehrsprachige Europamagazin aufzubauen, das sich an alle Europäer und nicht nur Europaexperten richtet. Cafébabel - das war der Traum eines digitalen Europamagazins, das nationale und sprachliche Grenzen überwindet und jungen Europäern das Wort gibt. Cafébabel hat auch jahrelang auf sein Steckenpferd, den so genannten Pro-Am Journalism gesetzt, den heute viele Medien versucht aber nicht durchgezogen haben, und der hier dank eines außergewöhnlichen Netzwerks aus Journalisten, Fotografen, Videomachern und Übersetzern in ganz Europa und eines professionellen Teams in Paris auf der Basis einer starken Idee zu fruchten schien. Und cafébabel war natürlich auch ein Turm zu Babel in real life, ein Experiment der Mehrsprachigkeit mit Artikeln in sechs Sprachen – auf Französisch, Englisch, Italienisch, Polnisch, Spanisch und Deutsch. Cafébabel war das Versprechen einer europäischen Wende, gefördert von der Eurogeneration.

Wir hören alos auf - natürlich sehr traurig, aber auch mit dem nötigen Realismus. Wir hätten uns zwar an einen Strohhalm klammern können, indem wir die Gehälter noch weiter gekürzt und auf noch ein paar Mitarbeiter verzichtet hätten. Aber mal ganz ehrlich, irgendwann ist einfach die Lust raus.

Wir wollen dieses Wahnsinnsabenteuer aber unvergesslich machen. Um das Ende von cafébabel gebührend zu feiern, haben wir uns gedacht, wir machen aus Neuem etwas Altehrbares - ein “Buch”, das ihr euch wie eine Trophäe ins Regal stellen könnt. In wenigen Wochen startet unsere erste und letzte Crowdfunding-Kampagne, mit der wir die Veröffentlichung eines Best of cafébabel der 15 Jahre unserer Existenz finanzieren wollen. Ein Zeitzeugnis über ein Europa, so wie wir es in den letzten 15 Jahren gelebt haben.

Alexandre Heully