Vorlesung im Grünen

Artikel veröffentlicht am 9. November 2007
Artikel veröffentlicht am 9. November 2007

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Die Zeiten, da man zum Studieren in die Großstadt zog, sind vorbei. Heute sind es die Universitäten, die sich auf dem Lande niederlassen.

Sie nennen sich "Landuniversitäten" und erfreuen sich in ganz Europa zunehmender Beliebtheit. In zumeist kleinen Orten kann man auf einer Art Wohncampus leben, studieren und dabei klare Luft atmen. Landuniversitäten kommen ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo die Schaffung riesiger Universitätsanlagen und ein breiteres Fächerangebot die Institutionen dazu veranlassten, sich immer weiter vom Stadtkern zu entfernen. "Eine laue Brise. Studenten laufen zum Unterricht, setzen sich zum Lesen unter einen der Bäume oder treiben Sport." Das ist die grüne Uni-Idylle, die das Bethany College verkauft: es ist eine der ersten Landuniversitäten, die 1840 im US-Bundesstaat West Virginia gegründet wurde.

Die ersten Fachrichtungen, die in Europa das Weite suchten und sich in ländliche Gegenden zurückzogen, waren die Naturwissenschaften: Biologie und Umweltwissenschaften sowie Ingenieurswissenschaften, Agrar- und Forstwissenschaft oder Bergbau. Daher haben sich in Europa nunmehr zwei Arten von Landuniversitäten etabliert: Auf der einen Seite die Riesenunis, die in den großen Städten keinen Platz mehr finden, auf der anderen Seite die kleinen und angesehenen Hochschulen mit hartem Auswahlverfahren. Die Kleinstadt Wageningen in den Niederlanden beispielsweise, die mit ihrer auf Naturwissenschaften spezialisierten Landwirtschaftsuniversität wirbt, ist eine davon. Die Stadt zählt rund 35.000 Einwohner, von denen 7.000 bei der Universität angestellt sind.

Elite auf der grünen Weide

Das andere Extrem bietet die Kunsthochschule des Kantons Wallis im schweizerischen Sierre. Insgesamt gibt es dort nur 150 Studenten. Aurélien Collas ist einer von ihnen. Mit 26 Jahren verließ Aurélien seine Geburtsstadt Paris, um seinen Master in Kunst in dem 17.000 Einwohner-Städtchen zu machen, dessen Haupteinnahmequellen der Tourismus und die Weinherstellung sind. Aurélien sagt, dass Sierre in der freien Zeit "ein idealer Ort zum Wandern oder Skifahren" sei, aber er gibt auch zu, dass seine Kommilitonen ihre Freizeit "vor der Playstation" verbringen. Er wohnt mit anderen Studenten auf dem Unigelände und zahlt für seine Unterkunft 258 Euro pro Monat. In den zweijährigen 'Master of Art in Public Sphere' sind insgesamt 15 Studenten eingeschrieben. Bei den Zulassungsprüfungen wird stark ausgesiebt. Sind die Anfangshürden erst einmal genommen und die Summe von 2700 Euro jährlicher Studiengebühren aufgetrieben, ist einem die beste künstlerische Ausbildung mit Professoren aus den USA, Kanada, Südafrika, Mexiko oder Australien sicher.

"Die Landuniversität ist nichts für dich, wenn du auf der Suche nach Anonymität in einem Kurs mit 400 Studenten bist", erklärt Jamey Temple, von der PR-Abteilung des Cumberland College in Neuseeland. An dieser Art von Universität gibt es einen "persönlichen Kontakt" zwischen Professoren und Studenten, "der in einer städtischen Umgebung eher unüblich ist".

Sehnsucht nach Anonymität?

Studieren inmitten der Natur hat aber auch seine Schattenseiten. Allen voran: das Problem der öffentlichen Verkehrsmittel. Für Aurélien ist es nicht sehr schwierig nach Sierre zu fahren: "Es gibt eine Zugverbindung, wenn auch ziemlich teuer." Dennoch haben die kleinen Ortschaften eine relativ schlechte Verkehrsanbindung. Deshalb versuchen die Universitäten einen Shuttle-Service anzubieten, der den Campus mit der nächstgelegenen Stadt verbindet.

Trotzdem vermisst Aurélien in kleinen Städten wie Sierre "die Möglichkeit, in einer Menschenmenge zu verschwinden, wie es sie in Großstädten gibt", auch wenn man als Künstler "in Paris einer von vielen und in Berlin oder London nur ein weiterer Pariser ist".