Von Zügen, Chai und Toilettenpausen (Teil 2)

Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2012

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Eine Stunde später bestätigt sich meine schlechte Vorahnung und das thali ergießt sich auf direktem Wege in die Toilette. Die ist trotz der vielen Passagiere überraschend sauber und es kommt sogar Wasser aus dem Hahn. Wer sich von Europa nicht lossagen kann, wählt die European style toilet und setzt sich auf eine dreckige Klobrille.

Wer sich der Landesbevölkerung annähern will, geht über der Indian style toilet in die Knie. Ansonsten haben Zugtoiletten nur den Vorzug, dass man hier ab und an eine Zigarette rauchen und dem Getöse im Abteil entfliehen kann.

Gegen ein Uhr morgens setzt sich der Zug endlich in Bewegung, mein Magen hat sich beruhigt und Karim ist glücklicherweise eingeschlafen. Bei meinem Spaziergang durch die Abteile passiere ich auch den Speisewagen, in dem in monströsen Stahltöpfen Reis, Linsen und Gemüse gekocht werden. Der Boden ist übersät mit Karotten, Kartoffeln, frischem Koriander und Tomaten und alles riecht bei Weitem besser als später in den Plastikschälchen. Beide Türen stehen offen, die warme Nachtluft bläst durchs Abteil und ich setze mich eine Weile zu einem der Köche, der gerade einen Berg Kartoffeln schält. Draußen fliegen ab und zu schwache Lichter, ausgetrocknete Bäume und Strommasten vor einem dunkelblauen Himmel vorbei. Wir sind noch im Südosten der nördlichen Provinzen, aber die magischen Ebenen von Madhya Pradesh sind nicht mehr ganz so weit. Bei jedem nächtlichen Halt sehe ich Ratten über die Gleise laufen, die sich quiekend für die Kartoffelschalen bedanken, die ich ihnen zuwerfe.

train3Gegen drei Uhr springen dann aber einige Prostituierte in bunten Saris an Bord und beginnen, die männlichen Passagiere lautstark zu bezirzen. Als schließlich auch noch zwei Polizisten mit Gewehren auftauchen, die der Randale ein Ende bereiten sollen, verziehe ich mich in mein Bett. Nach einigem Hin und Her akzeptiere ich einen Bettentausch mit einem älteren muslimischen Herrn, der meint, ich könne als Frau nicht alleine auf der untersten Liege schlafen: „Das ist zu gefährlich. Männer werden dich anfassen!“ Eve teasing ist die eine Seite der Medaille, väterliche Beschützerinstinkte von Seiten älterer Inder die andere.

Mein Schlaf ist aber nur von kurzer Dauer, da kurz nach Sonnenaufgang schon wieder der erste chai wallah seinen Blechkanister mit heißem Wasser und Milch durch das Abteil wuchtet und die Mütter und Großmütter beginnen, Gemüse, chapatti und dhal auszupacken. Mit Curry zum Frühstück kann ich mich immer noch nicht so recht anfreunden und kaufe mir daher einen wässrigen Nescafé, der mehr nach Milch als nach Kaffee schmeckt. Zum Glück gibt es Zucker und ein paar Minuten später bin ich hellwach und betrachte die rötlich graue Landschaft. Noch ein paar Stunden und wir sind in Jhansi, im Süden von Uttar Pradesh, von wo aus ich einen Lokalbus in die mittleren Provinzen von Madhya Pradesh nehmen werde.

train_louiseSchlussendlich sind es nur drei Stunden Verspätung, was für eine geplante Fahrtzeit von 7 Stunden gar nicht so schlecht ist. Als ich am Bahnhof aus dem Zug steige, winken mir meine 50 neuen Reisefreunde hinterher und erinnern mich lautstark daran, dass ich sie auf Facebook adden solle. Karim grinst immer noch und meint zum Abschied: „Ich sehe große Dinge in deiner Zukunft voraus. Es steht alles in deiner rechten Hand geschrieben. Du musst es nur selbst herausfinden.“ Ich verspreche ihm lachend, dass ich das tun werde, erkunde in Gedanken aber schon Tempel im Dschungel. Auch wenn ich mich auf die drei Tage Reisepause vor meiner nächsten Zugfahrt freue, könnte man mich doch eine indische Zugabhängige nennen. In weniger als zwölf Monaten habe ich in mehr als hundert Zügen gesessen – und es geht immer noch weiter.