Von Zügen, Chai und Toilettenpausen (Teil 1)

Artikel veröffentlicht am 23. November 2012
Artikel veröffentlicht am 23. November 2012

„Ich kann die Farbe deiner Aura sehen. Nur verraten kann ich sie dir nicht.“ Karim lehnt sich grinsend zurück, in vollem Bewusstsein des tiefen Eindrucks, den solcherlei esoterische Worte bei unbedarften Indienreisenden hinterlassen können: „Du hast eine reine Seele, so was habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“

Während ich mich noch frage, ob er nun Geld von mir will für dieses Pseudo-Orakel oder ob er einfach nur darauf aus ist, sein Englisch zu verbessern, stoßen neben meinem Sitz zwei raufende Jungen mit dem chai wallah zusammen. Als sich der klebrig süße Tee über meine Beine ergießt, fühlt sich meine Seele bei weitem weniger rein an und ich habe große Lust, eine Szene zu machen. Da das aber wenig an der Situation ändern würde, bleibe ich sitzen und wische den heißen chai so gut wie möglich von meinem Sitz.

Raufereien und Zusammenstöße sind nichts Ungewöhnliches im Malwa Express nach Indore, der laut Fahrplan schon vor zwei Stunden die New Delhi Railway Station hätte verlassen sollen. Aus unerfindlichen Gründen starren wir aber immer noch auf die braunroten Wellblechabdeckungen am Abstellgleis gegenüber und lauschen den monotonen Lautsprecherdurchsagen: „Der Malwa Express Nummer 12920 von New Delhi Railway Station nach Indore Junction wird mit einer Verspätung von zwei Stunden abfahren.“ Den meisten Passagieren kann das nur gelegen kommen, da mindestens die Hälfte von ihnen erst eine halbe Stunde nach der geplanten Abfahrtszeit auf dem Gleis heran traben, ihre zehntausend Koffer, Tüten, Metallkisten und Küchenutensilien ins Abteil wuchten und es sich nach einigem Hin und Her auf ihren Sitzen bequem machen. 

train1Links von mir belegt eine indische Kleinfamilie – Vater, Mutter, Großmutter und zwei Kinder – einen einzigen Sitz, daneben drückt sich ein junger Mann in Schlaghosen ans vergitterte Fenster. Mir gegenüber räkelt sich besagter Karim auf seinem Sitz, neben ihm seine Tochter und ein behäbiger Herr, der seine Zeit mit paan Kauen und Spucken verbringt. Rechts von mir ist der Gang, auf dessen mit Erdnusshülsen und Plastiktüten bestreutem Boden sich weitere zehn Passagiere ausgebreitet haben.

Für ein Abteil der sleeper class, dem indischen Pendant zum europäischen Schlafwagen, ist das gar nicht mal so schlecht. Wer mehr Geld ausgeben will, kann zwischen bis zu sechs besseren Klassen wählen – mit oder ohne Klimaanlage, mit oder ohne frischem Bettbezug, mit oder ohne Abendessen. Nur die second class unreserved ist noch abenteuerlicher, für Nachtfahrten aber nicht unbedingt zu empfehlen. Bei 500 Passagieren pro Abteil ist es nicht immer leicht, sich amouröser Anwandlungen zu erwehren. Das sanfte Tätscheln und Tatschen in öffentlichen Verkehrsmitteln wird hier eve teasing genannt und steht unter Strafe, was einige aber trotzdem nicht davon abhält, sich an einem weißen Unterschenkel zu versuchen. In der sleeper class ist man vor solchen Annäherungsversuchen sicherer, da man mit der Reservierung eines der Betten zugewiesen bekommt, die alle blau, klebrig und ausklappbar sind. Privatabteile gibt es hier nicht, man schläft zu sechst und wird so unweigerlich in Familienfeiern oder politische Diskussionen hineingezogen.

Eine Zugfahrt mit der Indian Railways ist nie schnell oder entspannend, sondern erinnert eher an einen Zirkusbesuch. Von links und rechts wird auf Hindi, Urdu, Bengali, Englisch und in zehn weiteren Sprachen gelacht, gestritten und geflucht, die unermüdlichen chai wallahs lassen alle drei Minuten ihre Rufe durchs Abteil erklingen, unfreundliche Bahnangestellte verkaufen mittelmäßige thalis, hagere Männlein bieten Chips, Bonbons und Cola feil und alle halbe Stunde hält der Zug irgendwo im Niemandsland. Drei bis fünf Stunden Verspätung sind die Norm. „Wenn ein Zug am Bahnhof pünktlich einläuft, dann heißt das nur, dass er 24 Stunden Verspätung hat“, verkündet Karim. Nachdem er mir auch noch aus der Hand gelesen und eine Zukunft mit reichem Ehemann und vielen Kindern voraus gesagt hat, gebe ich ihm lachend zu verstehen, dass ich für solche Späße nicht zu haben sei. Das tut seiner guten Laune aber keinen Abbruch und er kauft mir später sogar ein thali gegen meinen Willen. Als der Zugangestellte die Plastikschälchen mit klebrigem Reis, zweierlei sabji (Curry-Gemüse), wässrigem raita (Joghurt), undefinierbarem dhal (Linsensuppe) und krümeligem chapatti (Brot) vor mir ausbreitet, habe ich eigentlich schon keinen Hunger mehr.

Mehr zur Nacht im indischen Schlafwagen im zweiten Teil der Reportage