Von Rosarno nach Calais: Europas 'Dschungel' der Einwanderung

Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 14. Februar 2010
Patrasso, Athen, Bari, Rosarno, Calais, Sevilla: Diese Städte sind die wichtigsten Stationen vieler Einwanderer in Europa. Auf den besetzten und immer wieder leer gefegten Straßen und Plätzen in Europa spielen sich täglich neue Dramen ab.

Oft beginnt alles in Patrasso: Von diesem griechischen Hafen aus versuchen viele Afghanen ihr Glück. Sie setzen alles auf eine Karte, wenn sie auf die vorbei fahrenden Lastwagen aufspringen. Noch vor kurzem besetzten zweitausend Afghanen, von denen die meisten zur Volksgruppe der Hazara gehören, einen Teil der Küste vor Patrasso. Das Stückchen Strand in Hafennähe dient den « vorübergehenden Einwanderern », die in Griechenland keinen anerkannten Flüchtlingsstatus haben, seit 2002 als Rückzugsort. Die Anerkennung aber würde dem Eingeständnis gleichkommen, dass man im Falle von Afghanistan nicht von einer Demokratie sprechen kann. Mittlerweile gibt es diesen improvisierten Unterschlupf nicht mehr. Er wurde letzten Juli geräumt.

Europas Schaufelbagger rücken an

Zweitausend Afghanen in Patrasso, fünfhundert Algerier in Athen: Auch die griechische Hauptstadt ist täglicher Schauplatz für Einwanderungsdramen, allerdings nicht in einer Barackensiedlung unter freiem Himmel, sondern in der Via Sokratous, auf den zehntausend Quadratmetern des früheren Berufungsgerichts gegenüber der Akropolis. Die Besitzer des Gebäudes hatten es lange dem Verfall überlassen, dann aber schließlich die Räumung verlangt, die im Mai 2009 vollstreckt wurde.

Auch weiter im Norden, in der französischen Küstenstadt Calais, sind Afghanen die Hauptdarsteller in einem Konflikt um verweigerten Wohnraum. Die Flüchtlinge bewohnten lange Zeit einen Ort, den die Zeitungen abfällig als « Dschungel » bezeichneten, bis schließlich auch dort die Schaufelbagger anrückten, um die Barracken dem Erdboden gleichzumachen. Die Flüchtlinge und ihre Probleme lassen sie jedoch zurück.

Ebenso erging es den 270 maghrebinischen Einwanderern, die 2002 die Universität Pablo de Olavide in Sevilla besetzt hielten. Auch dort fuhren irgendwann die Schaufelbagger vor. Ein ähnliches Drama spielte sich in der früheren Klinik San Paolo in Turin ab, die von ungefähr 200 Somaliern bewohnt wurde, die sich in das verlassene Gebäude geflüchtet hatten und Asyl verlangten. Im Norden von Mailand wurde über einen längeren Zeitraum ein Gebäude in Bruzzano von 180 Einwanderern bewohnt, die allerdings schon eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten und als politische Flüchtlinge anerkannt worden waren.

Zwischen Orangenfeldern und Fabriken

Und dann gibt es in Italien auch noch die Einwanderer von Rosarno in Kalabrien, von deren Existenz die Bevölkerung erst 2009 erfuhr. Denn erst zu diesem Zeitpunkt hatten es diese gewagt, sich zu öffentlich zu wehren, nachdem zwei Immigranten bei Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt worden waren. Das war allerdings nicht die erste Schikane für die Einwanderer, die ihre Tage damit zubringen, Orangen zu ernten und unter unmenschlichen Bedingungen in einer verlassenen Fabrik hausen. Um die Revolte zu erklären, hatte sich die italienische Regierung damit begnügt, die illegale Einwanderung zu beklagen. Doch in diesem Fall handelte es sich ausschließlich um Einwanderer mit Arbeitserlaubnis und der Aufstand der Arbeiter war im Zusammenhang mit den Machenschaften der ‘Ndrangheta (die Vereinigung der kalabrischen Mafia; A.d.R.) entfesselt worden.©Anna Franca Di Donna

Flüchtlingsexistenz am Rande der Plantagen

Während Daniel redet, schält er eine Orange und weicht Blicken aus. Daniel kommt aus Ghana. Er ist von einer Orangenplantage in Rosarno geflohen und verbringt jetzt seine Zeit Orangen essend im C.A.R.A. (Centro Accoglienza Richiedenti Asilo, auf Deutsch « Zentrum für Asylbewerber »; A.d.R.) in Bari Palese, bis er als Flüchtling anerkannt wird oder auch nicht.

"Ich habe meine letzten Kräfte und mein Geld in Rosarno verloren."« Zuerst habe ich kein Asyl beantragt, weil es einfach nicht nötig war. Ich bin mit dem Flugzeug in Italien angekommen und hatte eine Arbeitserlaubnis. Ich war zunächst Hausangestellter in Udine, da ging es mir gut. Danach ging die Saison der Orangen in Rosarno los und ich bin hingefahren. Ein Euro pro Kiste. Eigentlich hatte ich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Chef. » Und dann kamen die Aufstände. « Nein, das waren keine Aufstände! » korrigiert er protestierend. « Ich habe meine letzten Kräfte und mein Geld in Rosarno verloren. Ich will einfach nicht mehr darüber reden. Jetzt bin ich hier. »

Auch wenn Daniel als Asylbewerber anerkannt würde, könnte er nicht aus Italien fort. Das will er aber auch gar nicht: « Ich will hier bleiben, denn Bari gefällt mir. Bari ist nicht Rosarno, Udine auch nicht. » Daniel ist einer der 20 Einwanderer, die aus Rosarno gekommen und im C.A.R.A. geblieben sind. Die anderen 304, die wie er am 10. Januar 2010 ankamen, sind weiter gezogen, da sie schon eine Aufenthaltsgenehmigung hatten.

« Erste » und « zweite » Aufnahme

« Das eigentliche Problem ist und bleibt die illegale Einwanderung », kommentierte Roberto Maroni, der Innenminister Italiens, die Situation in Rosarno, als der Aufstand der Orangenpflücker noch in vollem Gange war. In Wirklichkeit kamen im C.A.R.A von Bara aber fast nur Flüchtlinge an, die eine Aufenthaltsgenehmigung besaßen und schon als Flüchtlinge anerkannt worden waren. Die Verantwortlichen waren also keine illegalen Einwanderer. Auch in den meisten anderen Fällen handelt es sich nicht um Asylbewerber, sondern Asylanten.

Italien steckt in der Zwickmühle: In den anderen Staaten Europas ist es vor allem die erste Aufnahme von Flüchtlingen, die Probleme bereitet. Dort geht es besonders um die Unterbringung und den Schutz von Asylbewerbern, die noch als « illegale Einwanderer » eingestuft werden. In Italien aber ist die « zweite Aufnahme » problematisch, das heißt, die Phase, in der legalisierte Einwanderer Arbeit suchen und ein geregeltes Leben beginnen. Erst wenn die Asylanten die Auffangzentren verlassen, beginnen für sie die Schikanen. Doch alle Flüchtlinge haben bestimmte Rechte. Und wenn diese nicht durchgesetzt werden, sehen die Einwanderer sich zu Alternativen wie Übergangslagern und Hausbesetzungen gedrängt. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner schrieb im letzten Jahrhundert: « In der heutigen Zeit zu leben und gegen Rassengleichheit zu sein, ist wie in Alaska zu leben und gegen Schnee zu sein. » Ganz Europa sollte über diesen Satz nachdenken.