Von Helsinki nach Istanbul mit Mika Waltari

Artikel veröffentlicht am 24. September 2008
Artikel veröffentlicht am 24. September 2008

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2008: das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs und hundertster Geburtstag des finnischen Schriftstellers Mika Waltari, der 1929 mit dem Zug von Helsinki nach Istanbul reiste. Für den Integrationszug ist die Türkei vielleicht nur ein Unterwegshalt, dafür aber ein notwendiger. Eine imaginäre Reise über Berlin.

©Suomen historia, K. O. Lindeqvist/ WikimediaMika Waltaris Roman Yksinäisen miehen juna ('Der Zug des einsamen Mannes', 1929) nimmt uns mit auf eine Reise von Helsinki nach Istanbul, durch ein Europa, das zwischen zwei Weltkriegen Atem schöpft und immer noch nach seinem Platz zwischen dem Alten und dem Neuen sucht. Dieses Reisebuch feiert nächstes Jahr seinen 80. Geburtstag, aber die Art, wie Waltari unseren Teil der Welt und seine Menschen sieht, erscheint zeitlos. Bei der ”Suche nach unserer Zeit” befindet sich der Protagonist in erster Linie auf der Suche nach sich selbst und sieht sich mit dem Erwachsensein konfrontiert. Der Zug ist auf dem Weg in ein neues, modernes Unbekanntes - er ist nicht aufzuhalten. Das Individuum denkt über Richtungen nach, stellt Fahrpläne und Routen zusammen. Schließlich geht es nur noch um die Entscheidung, ob man an Bord bleiben oder aussteigen soll.

Via Deutschland

Bei der europäischen Integration ist die Bewegung des Zuges geografisch gesehen breiter geworden und in politischer Hinsicht in die Tiefe gegangen. Finnlands besondere Lage ist durch seine Nähe zum Osten und durch seine Zugehörigkeit zum Westen gekennzeichnet. Seine freiwillige Entscheidung, den Zug 1995 zusammen mit Schweden und Österreich zu besteigen, war emotional gesehen wichtig. Als Humanist, Historiker und Europäer würde sich Waltari über die aktuellen, verkappten Diskussionen um Expansion, über die Vertiefung von Verbindungen und die türkische EU-Mitgliedschaft wundern. Für ihn war Istanbul das Ziel.

©RokkenMurf/flickrAuf dem Weg nach Süden geht es an Augsburg vorbei, das dem Prinzip des Religionsfriedens (”Wer ein Gebiet beherrscht bestimmt über die Religion”) seinen Namen gab. Im Februar 2008 hielt der türkische Premierminister Erdogan in Köln eine halb-öffentliche Rede, in der er die in Deutschland lebenden Türken aufforderte, der Türkei gegenüber loyal zu bleiben. Der Prozess der Mitgliedschaft ist keine Einbahnstraße; tritt der Kandidat jetzt auf die Bremse? Erdogans Idee von den Türken als einer emotionalen Gemeinschaft innerhalb Deutschlands ist interessant. Das Augsburger Prinzip würde im Umkehrschluss lauten: Wer über die Religion bestimmt regiert das Land. Wenn also die in Berlin lebenden Türken ihrer alten Heimat gegenüber loyal sind, heißt das, dass der Premierminister in Ankara und nicht die Kanzlerin in Berlin die Macht in Kreuzberg hat? Identitäten, Bindungen und Symbole haben in Europa immer noch ein überraschend hohes Gewicht. Wo sonst könnten eine Flagge, ein Lied oder ein Schlagwort zu zentralen Problemen bei Verfassungsverhandlungen werden?

Istanbul - sind wir angekommen?

Der Zug des einsamen Mannes ist am Ziel. Waltari war enttäuscht: Er war nicht in Konstantinopel sondern in Istanbul gelandet. ”Ich habe schon zu lange gewartet; für mich ist diese Stadt zu einem Symbol für alles Unerreichbare und Fremde geworden”. Waltari hatte nach etwas gesucht, das nicht mehr existierte. 

(Map: Tcdd network/ Wikipedia)

Istanbul ist heute eine Metropole mit 10 Millionen Einwohnern. Äußerlich unterscheidet sie sich kaum von anderen Städten. Ihr Herzschlag ist enthusiastisch und jung, aber die Traditionen werden nicht in Frage gestellt. Mit dem Beitritt zur NATO 1952 wurde es mit der türkischen Integration ernst. Zehn Jahre später kam dann der Vertrag mit der Europäischen Wirtschaftgemeinschaft und 1996 das Zollabkommen mit der EU. Als politische Einflussgröße in der EU reagierte die Türkei trotz des Wunsches nach einer Vollmitgliedschaft, der als Bedrohung aufgefasst wird, zurückhaltend auf Forderungen. Gleichzeitig entzücken die türkische Jugend und ihr Potenzial, das Wachstum der ganzen Region zu beflügeln, das alternde Europa.

Zweifelsohne half die Unterdrückung der Armenier Mustafa Kemal 1915 bei seinem Versuch, das kränkelnde Europa zu einen. Als sein Erbe hinterließ Kemal eine türkische Nation, sorgte aber gleichzeitig für die Geburt einer ultranationalistischen Ideologie, für Säkularismus und für ein rigoroses Militär, das die Kontrolle innehatte. Die EU verlangt, dass die Türkei zu ihren Fehlern der Vergangenheit steht und verschließt die Augen vor den eigenen.

©Robertraderschatt/flickrDeutschland ist vermutlich das einzige Land, das gezwungen wurde, ein ungeschminktes Spiegelbild seiner selbst zur Kenntnis zu nehmen. 3 Millionen Armenier haben jetzt ein eigenes Land. Fast genau so viele leben in den USA und Europa. Unter den anderen Minderheiten stellen die Kurden mindestens 15 Prozent der türkischen Bevölkerung, und ihre Rechte wurden eingeschränkt. Kann die Türkei den überschäumenden Nationalismus unter Kontrolle bekommen und sogar ein unabhängiges Kurdistan hinnehmen? Die größten Hindernisse vor einer türkischen EU-Mitgliedschaft sind andere Länder, die sich schon einen Platz auf dem Integrationszug gesichert haben - Länder, die selbst nur einen Bruchteil der Fragen beantworten können, die ihnen auf dieser Reise gestellt werden.

Waltari wollte ”die schmerzhaften Besonderheiten der Länder und der Menschen fühlen und selbst leben” und zwar von einer Ecke Europas bis zur anderen. Auch Sie werden in den Waggons dieses Zuges die Menschen und Länder dieses Kontinents 'vereint in ihrer Verschiedenartigkeit' auf dem Weg in die europäische Integration kennenlernen. Die Menschen seien überall gleich, sagte Watari. Egal, ob es sich um Istanbuls orthodoxe Kirche Hagia Sofia, eine Moschee oder ein Museum handelt. Wie im Namen bereits angedeutet (Hagia Sofia heißt 'Heilige Weisheit'), hängt das Europäertum nicht davon ab, ob man einen Fez, ein Kopftuch oder einen Bowler trägt.

Dieser Text ist eine gekürzte Version des finnischen Originaltextes, mit dem der Autor den European Young Journalist Award 2008 gewonnen hat.