Von Belarus-Methode zu EM-Boykott: Europas Spalter

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2012
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat am Montag erklärt, dass er der Fußball-EM 2012 in der Ukraine fernbleiben werde, solange dort rechtsstaatliche Prinzipien verletzt würden. Viele Politiker europäischer Länder schlossen einen EM-Boykott allerdings aus. Kommentatoren halten diesen für wirkungslos und bezeichnen die Diskussion darüber als scheinheilig.

Rzeczpospolita: Es hat schon weitaus schlimmere Länder gegeben; Polen

Die Forderungen westlicher Politiker, die Europameisterschaft wegen der Inhaftierung Julia Timoschenkos zu boykottieren, hält die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita für scheinheilig, denn es hat schon schlimmere Gastgeber als die Ukraine gegeben: "Warum kommt das Interesse daran erst so spät? Timoschenko sitzt doch nicht erst seit gestern im Gefängnis. Man hätte doch schon Alarm schlagen können, als Siemens und andere deutschen Firmen Aufträge für die Vorbereitung der EM erhalten haben. Oder als Siemens vor einigen Jahren Peking geholfen hat, sich für die Olympischen Spiele zu modernisieren? Auch das ist ein Land mit politischen Häftlingen. Es mag zynisch klingen, doch hat es in der Sportgeschichte schon weitaus schlimmere Gastgeber für Olympische Spiele oder Meisterschaften gegeben. So haben Mussolini, Hitler, die argentinische Junta [Fußball-WM 1978] oder eben die kommunistische Partei Chinas solche Veranstaltungen organisiert." (02.05.2012)

Mladá fronta Dnes: Politik und Sport - diesen Cocktail trinken wir schon lange; Tschechien

Der Chef des tschechischen Fußball-Verbands, Miroslav Pelta, hat einen Boykott der Fußball-Europameisterschaft durch Politiker wegen der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko abgelehnt. Der Sport dürfe nicht zur Geisel der Politik werden. Die liberale Tageszeitung Mladá fronta Dnes hält dagegen: "Politik und Sport sind nicht zu trennen. Durch die Beauftragung eines Landes mit der Austragung großer Sportereignisse bringt die internationale Gemeinschaft Vertrauen und Respekt zum Ausdruck. Die Organisation einer Europameisterschaft in der am weitesten verbreiteten Sportart der Welt ist mit riesigem Prestige verbunden. Das wissen Herr Pelta und andere, die über die Unabhängigkeit des Sports von der Politik schwafeln, selbstverständlich. [...] Politik und Sport müssen nicht erst vermischt werden. Diesen Cocktail trinken wir schon lange. Übrigens, weshalb hat die Ukraine die EM bekommen? Doch nicht wegen der hervorragenden Bedingungen dort, sondern weil es die Politik so wollte." (02.05.2012)

Savon Sanomat: Belarus wurde auch unter Druck gesetzt; Finnland

Wenn westliche Politiker der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine fernbleiben, bringt das laut der liberalen Tageszeitung Savon Sanomat nichts: "Bei dem von Alexander Lukaschenko diktatorisch regierten Belarus haben die EU-Proteste für Demokratie und Menschlichkeit nicht gegriffen. Bewirken solch schöne Worte bei der Ukraine mehr? Oder schlägt sie unter der Führung von Präsident Janukowitsch denselben Weg ein wie Belarus, hin zu einer geschlossenen, von Furcht bestimmten Gesellschaft? Einige haben verlangt, dass die Führung der Ukraine unter Druck gesetzt werden sollte mit der Drohung, die Fußball-EM nicht in der Ukraine austragen zu lassen. Belarus wurde auf diese Weise beim Eishockey unter Druck gesetzt. Gebracht hat es nichts. Ob es bei der Ukraine mehr bewirken würde? Wohl kaum." (02.05.2012)

Financial Times Deutschland: Wo sind all die Kritiken, wenn es um China geht?; Deutschland

Wenn der Ukraine wegen Menschenrechtsverletzungen mit Boykott gedroht wird, muss das auch für andere Länder gelten, meint die Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland: "Was gab es vor fünf Jahren für Wehklagen, als die Kanzlerin Angela Merkel, der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier sowie Bundespräsident Horst Köhler ankündigten, nicht zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele nach Peking zu fliegen. Herrje, der Handel, die Wirtschaft [...]. Welcher deutsche Manager, welche Politikerin, welcher Mittelständler echauffiert sich jetzt über Bundespräsident Joachim Gauck, Merkel, Umweltminister Norbert Röttgen oder SPD-Chef Sigmar Gabriel, die den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch öffentlich maßregeln? [...] Wo sind all diese Kritiker, wenn es statt um das mächtige China um die im Vergleich schwache Ukraine geht? [...] Ja, auch Russland, das die Olympischen Winterspiele in Sotschi veranstaltet, ist alles andere als eine vorbildliche Demokratie. Wer glaubhafte Menschenrechtspolitik betreiben will, darf sich künftig auch bei den Großen nicht wegducken." (02.05.2012)

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