Vom Tschador zum Minirock

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2004
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Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2004

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Während die Frauen in Istanbul nach westlichen Sitten leben, bleibt ein Großteil des Ostens der geschlechtlichen Unterdrückung unterworfen. Wird die Türkei endlich ihre Frauen vom machistischen Joch befreien?

Die europäische Bestimmung der Türkei äußerte sich in den letzten zwei Jahren in einer Lawine von Reformen zugunsten der Demokratie und der Menschenrechte, die die in den 80 vorangegangen Jahren durchgeführten um Längen übertrafen. Die wichtigste Gesetzesreform der gesamten türkischen Geschichte fand allerdings 1926 statt als Atatürk, Gründer der Republik Türkei, das Bürgerliche Gesetzbuch ins Leben rief, eine Kopie seines schwedischen Pendants. Trotzdem leben vor allem im Osten des Landes die Frauen immer noch in einem Zustand der Unterdrückung, der eher dem Mittelalter als dem 21. Jahrhundert entspricht. Wird der Minirock es eines Tages schaffen, in der Türkei den Tschador zu ersetzen? Schwierig, aber nicht unwahrscheinlich...

In der Tat gibt der in der Türkei herrschende Gesetzestext an, dass eine effektive Gleichheit beider Geschlechter existiert und dass es seit Beginn des letzten Jahrhunderts verboten ist, dass die Frau - aus einer Tradition heraus, die in einer konservativen Auslegung des Islam verankert ist - dem Willen des Vaters, Ehemannes oder ihrer Brüder unterworfen ist. Für "Frauen für die Menschenrechte der Frauen" (die vielleicht aktivste der türkischen feministischen Organisationen, geleitet von Pinar Ilkkaracan) war dies ein historischer Erfolg, auch wenn noch viel zu tun bleibt.

In der islamischen Welt ist die Türkei ein Ausnahmefall, da es sich um einen weltlichen Staat handelt, in dem Religion und Staat getrennte Wege gehen. Der Koran ist nicht Teil des Gesetzes wie in Saudi-Arabien, und die Polygamie ist verboten, auch wenn sie in Dörfern und Weilern weiterhin praktiziert wird. Querüber zwischen Orient und Okzident, zwischen Europa und Asien, so befindet sich die Türkei aber auch zwischen Islam und laizistischer Welt.

Optische Täuschung?

Wenn man durch die Straßen Istanbuls spaziert - diese große bikontinentale Stadt von 8 Millionen Einwohnern -, stoßen die Touristen, die darauf hoffen, klassische Symbole der islamischen Welt zu sehen, auf eine andere Realität. Es gibt hier mehr Möglichkeiten, junge Mädchen in Minirock und westlicher Kleidung zu Gesicht zu bekommen als mit islamischem Kopftuch oder Tschador, die eindeutig nur von einer Minderheit getragen werden. Darüberhinaus scheint sich auf den ersten Blick die Beziehung zwischen Frauen und Männern nicht so sehr vom Alltag im Westen zu unterscheiden. Aber die Situation der Großstädte dehnt sich nicht auf den Rest des Landes aus, und genau hier wurzelt eines der schwierigsten Probleme für die türkische Regierung.

Es besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen den Frauen aus Istanbul, zum Beispiel, und den Flüchtlingen aus Weilern und Dörfern des Ostens, die weiterhin eine untergeordnete Haltung einnehmen. Im Ostteil des Landes ist in der Tat immer noch die Vorschrift in kraft derzufolge die Frau Eigentum der Männer in der Familie ist und daher jeglichen Rechts entbehrt.

Es kann daher wie eine einfache Illusion erscheinen, dass in diesem muslimischen Staat, dessen Territorium mehrheitlich auf dem asiatischen Kontinent liegt, ein radikaler Wandel bezüglich der Situation, in der sich die weibliche Bevölkerung des Landes befindet, kurzfristig Erfolg hat. Man müsste dafür in irgendeiner Weise die traditionell-religiöse Strömung mit der laizistisch-modernisierenden Position aussöhnen, was die aktuelle Regierung auch gerade versucht.

Bürgerinnen zweiter Klasse

Wie lange noch? Das ist die Frage, die von allen Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen in diesem Land einsetzen, am meisten formuliert wird. Und trotz des Bildes des Wandels, das die Türkei mit ihrem Willen, der EU beizutreten, versucht von sich abzugeben, bleiben die meisten türkischen Frauen weiterhin Bürgerinnen zweiter Klasse auf ihrem eigenen Territorium. Das Konzept ist allgemeingültig: die Frauen hängen zwangsläufig vom Willen der Männer in der Familie ab, was jede wirkliche Möglichkeit, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden, aus dem Spiel lässt.

Trotz der Reformen, die mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch am Beginn des vergangenen Jahrhunderts eingeführt wurden, "fordern Jahrzehnte nach diesen Reformen religiöse Gebräuche und Gesetze immer noch die Kontrolle der Sexualität der Frauen und halten das ungleiche Machtverhältnis in sexuellen Beziehungen aufrecht", behauptet Ilkkaracan [P. Ilkkaracan, "Islam and women's sexuality". Rutgers University Press, 2001]. Wenn man berücksichtigt, dass man im Osten in einer halbfeudalen, traditionellen und vorindustriellen Situation lebt, wird die Realität für die Frauen immer schwieriger.

Die Ungleichheit in Zahlen

Der Wille der türkischen Regierung sich zu verwestlichen und zu modernisieren, ist eine Sache. Eine andere, wesentlich schwierigere, sind die Daten die zeigen, dass es noch ein langer Weg ist, bis diese Politik in der alltäglichen Wirklichkeit Formen annimmt. Ebenso muss man unterscheiden zwischen der Wandlungswelle der Hauptstadt und der Verankerung der restlichen Landesteile in der Steinzeit.

Zur Zeit sind noch etwa die Hälfte der Frauen im Osten der Türkei Analphabetinnen, verglichen mit den 21% der Männer, die weder lesen noch schreiben können. Im Westen ist der Unterschied geringer, aber ebenfalls ungleich: 20% der Frauen gegen 7% der Männer sind Analphabetinnen. Eine andere Angabe, die es zu berücksichtigen gilt: im Osten arbeiten noch 90% der Frauen für die Familienwirtschaft ohne jeglichen Lohn. Und in den Vororten der türkischen Großstädte bleibt die vorzeitige Mutterschaft eine beständige Realität und der Gebrauch von Verhütungsmitteln grenzt an nur knapp 40% [P. Ilkkaracan, "Islam and women's sexuality". Rutgers University Press, 2001]. Noch auffallender für ein Land, das sich modernisieren will, ist die Tatsache dass wenn man dieser Tage eine Mutter nach der Anzahl ihrer Kinder fragt, diese nur die Söhne erwähnt. Die Mädchen zählen nicht.

Der Körper der Braut: eine Ware. So sieht man weiterhin die Frau im Osten der Türkei, wo die Zahlung der Mitgift von seiten des Mannes vor der Eheschliessung weiter Fortbestand hat. Sie symbolisiert die Kontrolle des Mannes über der Frau und ihre produktiven und reproduktiven Fähigkeiten. Darüberhinaus, obwohl die Polygamie vom Gesetz her verboten ist, lebt eine von zehn Frauen mit den "anderen Ehefrauen" ihres Mannes zusammen. Was beinhaltet diese Situation? Die Männer heiraten gesetzlich eine Frau und "wegen des religiösen Gesetzes" die anderen, obwohl die Ungleichheit zwischen den Ehefrauen desselben Mannes vom Koran verboten wird.

Auch die Wahlmöglichkeit bleibt weiterhin unter dem Schatten des Patriarchats. Kaum eine von vier Eheschliessungen wird von den Eheleuten selbst entschieden, in den restlichen Fällen werden sie von den Familien arrangiert. Durch diese Situation wird die Türkei heute mit der sehr schwierigen Herausforderung konfrontiert, eine praktische - und nicht nur theoretische - Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen aufbauen zu können, wenn sie wirklich zu einem Unionsmitglied und der Brücke zwischen Europa und Asien werden will. Obwohl die Situation nicht einfach ist, scheint alles darauf hinzuweisen, dass zumindest ein politischer Wille existiert, für den der Wandel aufhört eine Schimäre zu sein.