Vom Regen in die Traufe: Hurrikan Sandy und Bomben in Tel Aviv

Artikel veröffentlicht am 16. November 2012
Artikel veröffentlicht am 16. November 2012
Am 14. November hat Israel den Hamas-Militärchef Ahmed Dschabari ermordet; inzwischen sind 3 Israelis und 20 Palästinenser tot. Gewiss, ein Angriff auf den Gaza-Streifen kurz vor den Wahlen ist schon seit langem eine beliebte Tradition israelischer Mitte-Rechts Regierungen. Doch das erste Mal seit 21 Jahren, seit dem Golfkrieg, fallen jetzt wieder Bomben auf Tel Aviv.
Auf Jerusalem wurde das erste Mal seit 1970 wieder eine Rakete abgefeuert. Der etwas andere Reisebericht einer jungen Ukrainerin, die mit 6 Jahren in ihre Wahlheimat Israel zog.

Vor drei Wochen reiste ich das erste Mal nach New York. Gleich nachdem ich gelandet war, wurde ich informiert, dass der aufziehende Sturm schlimmer sein würde als man zuerst angenommen hatte. Während ich in einem gemieteten Apartment in Jamaica, Brooklyn die Nachrichten verfolgte, wurde mir klar, dass ich nicht dort bleiben konnte. Eine verrückte fünfstündige Fahrt nach Maine, verfolgt von Sandy und über Straßen, die direkt hinter uns geschlossen wurden, stellte alle meine Pläne auf den Kopf. Als ich eine Woche später nach New York zurückkehrte, dachte ich, das Schlimmste hätte ich hinter mir. Ich besuchte Museen, schaute die US-Wahlen in einer LGBT-Kabarettbar in der Christopher Street an und machte Fotos von dem fantastischen Herbst, in seliger Unkenntnis darüber, was ich in Israel verpasste.

Als ich am Ende meines New York-Aufenthalts auf Facebook meine Freunde über meine baldige Rückkehr nach Tel Aviv informierte, wo ich seit einem Jahr lebe und arbeite, antwortete einer von ihnen: „Ich würde dir raten dort zu bleiben. So wie es momentan ausschaut, wirst du hier in einem Bunker unterkommen.“ Ich dachte sie würde einen Scherz machen und lachte auf dem Weg zum Flughafen mit meinem haitianischen Taxifahrer darüber.

Die Landung in Tel Aviv verlief völlig normal. Ich kam heim, packte meine Sachen aus, hängte meine neuen Kleider in den Schrank und aß zu Abend. Dann schrillte ein Alarm. Durch und durch gewöhnt an derartige Übungen, checkte ich zuerst die Nachrichten im Internet, um ganz sicher zu sein: Israel tötete einen Hamas-Militärchef. Laut Gershon Baskin, dem israelischen Friedensaktivisten, der mit der Zeitung Haaretz gesprochen hatte, passierte der Anschlag auf Ahmed Dschabari trotz Vereinbarungen über einen permanenten Waffenstillstand mit Israel.

Von meinem Apartment in der Wohngegend Neveh Eliezer, im Südosten der Stadt, hört man von Zeit zu Zeit laute Explosionsgeräusche. Das Fernsehen läuft und sendet niemals enden wollende Propaganda, die versucht zu rechtfertigen, dass wieder einmal Krieg über uns gebracht wird, wieder gerade kurz vor den Wahlen (diese wurden von Oktober auf Jänner 2013 verschoben).

Eine Halskette für die Luftschutzbunker auszuwählen ist sicherlich der beste Weg um herauszufinden, welche davon deine liebste ist.

Nach vielmaligem Ein- und Auspacken in den letzten drei Wochen, packe ich dieses Mal auf einen Weise, die ich immer am meisten gefürchtet habe – in einer Notfallsituation. Jedes einzelne wichtige Dokument wird in eine große Tasche gestopft – Reisepass, Ausweise, Geburtsurkunde, Abschlusszeugnisse. Etwas Warmes zum anziehen. Lebensmittel. Wasser. Medikamente. Danach kommt die Zeit für die gefürchtete Entscheidung: Was ist mein wertvollster persönlicher Besitz? Gedanken schießen durch meinen Kopf: meine Gitarre, meine signierten Bücher von Neil Gaiman, Erinnerungsstücke von Beziehungen. Ich gehe zu meinem Schmuckkästchen. Eine Halskette für die Luftschutzbunker auszuwählen ist sicherlich der beste Weg um herauszufinden, welche davon deine liebste ist.

Es gibt nur zwei Dinge, die ich vor allen anderen retten würde, meinen Laptop und meine Kamera, ohne die ich nicht arbeiten kann. Ich ziehe mir eine Jeans und ein geliebtes T-Shirt an. Für den Moment weigere ich mich jedoch, hinunterzugehen. Möglicherweise ist es mein grenzenloser Optimismus, möglicherweise auch Irrsinn, aber selbst wenn rund um mich Bomben fallen, möchte ich lieber dort bleiben, wo ich eine Internetverbindung und Arbeit habe. Dennoch, wenn sie kommen bin ich bereit. Samt meiner violetten Halskette.

Illustrationen: Teaserbild (cc)[ changó ]/ Riccardo Romano/flickr/riccardo-romano.com