Volt: Die junge Bewegung, die Europa neu aufladen will

Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2018
Artikel veröffentlicht am 7. Mai 2018

Volt ist die jüngste paneuropäische Bewegung des Kontinents. Seit ihrer Gründung haben sich ihr innerhalb eines Jahres mehr als 3000 Menschen angeschlossen, mit einem Durchschnittsalter von nur 30 Jahren. Das Ziel? 2019 für das Europäische Parlament kandidieren. Cafébabel traf einen seiner Gründer: den Italiener Andrea Venzon.

„Bei jeder großen Herausforderung wird Europa in verschiedene Lager gespalten und steckt eine Schlappe ein“. Andrea Venzon ist Mitbegründer der paneuropäischen, progressiven Bewegung Volt (zuvor Vox Europe) und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die missliche Lage beschreibt, in der sich die Politik des alten Kontinents seit Jahren befindet. „So war es mit der Flüchtlingskrise und so wird es auch bei den nächsten Herausforderungen der Europäischen Union sein. So als bräuchten wir ein gemeinsames Feindbild, um zusammenzuhalten. Wenn dieses ausbleibt, oder zumindest schwer auszumachen ist, überwiegen Egoismus und nationale Interessen.“ Mit Volt will eine Gruppe engagierter junger Menschen Europa nun einen Ruck geben.

Eine Reaktion auf den Brexit

Ungezwungen und mit freundlichem Auftreten erzählt uns der Absolvent der Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi an einem milden Frühlingstag, wie eine ehrgeizige politische Bewegung heutzutage entsteht und sich organisiert. Wir sitzen in einem Mailänder Bistrot und an uns vorbei strömen Geschäftsleute, Touristen und Angestellte der umliegenden Geschäfte auf dem Corso di Porta Nuova. Trotz ihrer Eile halten sie unauffällig einen Augenblick in ihren Gesprächen inne, um aufzuschnappen, was dieser junge Parteiführer im Laufe unseres Interviews zu sagen hat. Ein Interview, das gut und gerne die Generalprobe einer künftigen Wahlkampagne sein könnte.

Der 26-jährige Italiener Andrea Venzon machte bereits Karriere in der Wirtschaft, als er sich für die politische Laufbahn entschied. Keine leichtfertige Entscheidung in einer Zeit, in der sich junge Erwachsene immer weniger für Politik interessieren. Der Wunsch, eine paneuropäische politische Bewegung zu starten, reifte in Venzon als Reaktion auf den Brexit und die Passivität, mit der die politische Elite dem Ausgang der britischen Bürgerbefragung begegnete.

Wie so oft in solchen Fällen entstand die Idee in Folge von Diskussionen mit Freunden und Kollegen. Neben dem Ideengeber Venzon besteht das Gründungsteam aus der Französin Colombe Cahen-Salvador und dem Deutschen Damian Boeselager. Das Datum der offiziellen Gründung von Volt, der 29. März 2017, fällt mit der Aktivierung von Artikel 50 des Lissabon-Vertrages zusammen, der den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU besiegelt. „Wir wollen Europa eine Seele geben“, bekräftigt Venzon, „indem wir der Legislative im Europäischen Parlament volle Befugnisse geben und damit Erpressungen der Nationalregierung entgegenwirken.“

Ein Team aus 3000 jungen Leuten

Der Mailänder Gründer spricht ruhig und ohne sich aufzuspielen: „Wir sind erst noch am Anfang des Projektes.“ Er trägt Bürokleidung, Hosen und Rollkragen, aber mit einer Lässigkeit, die eher einem Start-Up entspricht. Unter den jungen Mitgliedern will auch er jung bleiben. Nach einem Jahr Bestehen hat Volt (dessen Manifest im Internet unter www.volteurope.org nachgelesen werden kann) mehr als 3000 eingeschriebene Mitglieder, in der Hauptsache junge Europäer, die als Freiwillige oder Sympathisanten in 55 europäischen, nationalen oder lokalen Gruppen in 25 Ländern, darunter Serbien und die Schweiz, organisiert sind. Ein Resultat, das Ergebnis aufwändiger organisatorischer Arbeit ist, mit einigen fixen Regeln bei größtmöglicher Autonomie auf lokaler Ebene. Es bedarf keiner „Erlaubnis“ des Gründerteams, um Veranstaltungen in der eigenen Stadt zu organisieren. Bei internen Debatten zu Themen von allgemeinem Interesse sollen jedoch maximal 48 Stunden vergehen, dann wird eine Entscheidung entweder mittels Online-Voting getroffen oder auf einen günstigeren Moment vertagt.

Größtmögliche Effizienz also, in Verbindung mit der Möglichkeit, neue Formate der Teilhabe potentieller Wähler zu erproben. Die Unterstützer von Volt sind es gewöhnt, über große Entfernungen miteinander zu arbeiten und daher schnell dabei, neue Vorschläge über digitale Plattformen einzubringen. Anfangs nutzten sie Slack oder Videokonferenzen, jetzt den Workplace von Facebook. Die ursprünglich intern innerhalb des Sozialen Netzwerkes genutzte Plattform unterstützt den Informationsaustausch und die Zusammenarbeit innerhalb von Firmen, insbesondere werden Debatten zwischen weit verstreuten Mitgliedern ermöglicht. Als eingetragene NGO nutzt Volt den Workplace als Premiummitglied bei voller Datenkontrolle. Andrea Venzon kann man einen „zugänglichen“ Anführer nennen - zugleich intellektuell und in der Lage, sich in einfachen Worten verständlich zu machen. Er ist das Bindeglied zwischen den verschiedenen Ideen, die von möglichst vielen Menschen geteilt werden sollen.

Die Rahmenbedingungen sind nicht neu: Die junge Bewegung wurde mit dezentralen Ansätzen wie dem Movimento 5 Stelle, Podemos oder – im Hinblick auf die Direktdemokratie – der Piratenpartei verglichen. In ihren Wunsch, die Politik zu verjüngen, ihrem europäischen Spirit und dem liberalen wirtschaftlichen Ansatz ähnelt sie auch Emmanuel Macrons Partei En marche!. Volts Ideen kommen jedoch alle aus verschiedenen Ländern; die Bewegung zeichnet sich durch eine konkrete Zusammenarbeit der zerklüfteten Welt der „progressiven“ Europäer aus. „Der Begriff ist aktuell nicht gerade in Mode,“ kommentiert Venzon mit einem Hauch Ironie, „aber er ist der einzige, der von Lissabon bis Warschau Bestand hat.“

Es stimmt schon, im PR-Film der Crowdfunding-Kampagne erscheinen in erster Linie weiße und gut gekleidete junge Europäer. Als wir Andrea Venzon auf die Einbeziehung von Minderheiten innerhalb der Bewegung ansprechen, erklärt er uns, dass „es hier noch viel zu tun gibt. Im Video war diese Unterscheidung ganz sicher nicht gewollt; in diesem ersten Schritt ist es uns schlicht noch nicht gelungen, die zweite Einwanderergeneration oder Minoritäten der europäischen Länder einzubeziehen. Das steht aber oben auf der To-Do-Liste!“

Das Ziel: Die Europawahlen 2019

Ziel von Volt ist es, kurz gesagt, bei den nächsten Europawahlen zu kandidieren und mindestens 25 Abgeordnete in sieben Mitgliedsstaaten ins Europäische Parlament gewählt zu bekommen, um sich dann perspektivisch auch bei nationalen und lokalen Wahlen aufstellen zu lassen. „Wir wollen keine isolierte Elitenbewegung sein,“ bestätigt Venzon, der aus den Fehlern anderer lernen will, wie beispielsweise aus denen der Europäischen Piratenpartei, die sich 2014 in Brüssel direkt aufstellte, ohne zuvor eine starke Basis auf lokaler Ebene aufgebaut zu haben.

Nicht ganz rechts und nicht ganz links, aber mit einigen ihrer grundlegenden Werte in Abgrenzung zum Populismus: Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen von Minderheiten und schlechter gestellten sozialen Klassen, Einforderung von Wohlfahrt nach modernen Maßstäben, Umverteilung von Reichtum auf dem Kontinent, und das alles im Zeichen von Digitalisierung und Modernisierung in der Produktion. „Wir unterscheiden uns von den rechten Parteien,“ erläutert der Gründer von Volt, „weil wir die Vielfalt der Menschen achten, und von den Linken, weil wir den Staat effizienter machen und Innovation ebenso wie ökonomisches Wachstum fördern wollen.“

 „Die heutige Jugend wählt aus dem Besten Europas“

Die ersten Monate widmete sich Volt vornehmlich der Recherche nach den vielfältigen Aspekten heutiger Gesellschaften in den verschiedenen Ländern – von Technologie bis Umwelt, von Politik bis Kultur –, um einzelne Lösungsansätze für wiederkehrende Probleme herauszufiltern, die quer durch ganz Europa bestehen, und sie dann auf lokaler und nationaler Ebene anzuwenden. Andrea Venzon hat uns mit seiner Leidenschaft und auch ein bisschen Leichtsinn angesteckt. Aber er will nicht, dass alles von ihm abhängt, „ich stelle meine Arbeit in den Dienst der Gemeinschaft.“ Eine Arbeit, die ihre ersten Früchte ernten könnte, wenn es Volt gelingt, genügend Stimmen zu gewinnen, um die politische Bewegung in Richtung einer größeren Integration und Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten der EU zu bewegen.

„Unser Progressivismus basiert auf der Voraussetzung, dass wir Best-Practice-Beispiele von einem Land aufs andere übertragen und angepasst an den jeweiligen lokalen Kontext etwas anwenden, das in einem anderen Land bereits funktioniert,“ ergänzt Venzon, während die Mittagspause langsam zu Ende geht und die Tischnachbarn, die unserem Gespräch unauffällig folgten, aufstehen. „Man könnte z.B. den ‚smarten Staat‘ aus Estland in anderen europäischen Ländern übernehmen, in dem die Digitalisierung in Wirtschaft und Verwaltung begleitet wird von einem digitalen Ausbildungsprogramm für junge und alte Menschen oder benachteiligte Schichten.“ Es bleibt jedoch fraglich, ob der Austausch von Kompetenzen und Best Practice genügen wird, um Europa zu elektrifizieren.