Volkes Stimme zu «Poland - Come and complain»

Artikel veröffentlicht am 9. August 2013
Artikel veröffentlicht am 9. August 2013

Andrzej Wajda ist Ocarspreisträger. Die ersten Computer (Commodore und Atari) wurden von Jacek Trzimiel entwickelt. Stanislaw Lems Bücher wurden in 40 Sprachen übersetzt. „Aber wer erinnert sich schon daran?“, fragt der Protagonist einer neuen Videokampagne im Internet. Ist Jammern wirklich das Markenzeichen der Polen? Junge Europäer diskutieren.

Die neue Videokampagne Poland. Come and complain verbreitet sich schnell im Internet. Kreiert wurde sie von Jan Mosiejczuk und Tomasz Chojnacki von der Werbeagentur Blacklama. Das Ziel? Polen und die polnische Kultur im Ausland auf originelle Weise zu bewerben. Der Produkionsstandort der Filme, die Studios der Papaya Films, befindet sich in Warschau. Neckisch bekräftigen die Schöpfer der Videos, dass die Polen die Könige des Unmuts sind. Die 3 Videos, keines länger als eine Minute, feiern diesen Sommer große Erfolge im Internet. Wir haben die Reaktionen von Polen und anderen jungen Europäern gesammelt.  

Maria, (Weißrussland): Mich haben diese Videos überrascht: Entweder habe ich vergessen, wie die Polen wirklich sind oder ich habe sie nie so richtig kennengelernt. Meiner Meinung nach ist das eine sehr seltsame Art, die polnische Kultur zu bewerben, denn die Videos fördern eher Vorurteile über das Land, anstatt die guten Leistungen der polnischen Kultur hervorzuheben.

Sonia, Krakau (Polen): Ich hab mir fast in die Hose gemacht, so sehr hab ich gelacht. Gratulation an die Schöpfer dieses Projekts! Die Videos sind toll gemacht, die englische Übersetzung ist einwandfrei und die Kampagne erregt Aufmerksamkeit. Dennoch, wenn ich mich nicht weiter über die Kampagne informiert hätte, wäre ich nie draufgekommen, dass sie die polnische Kultur bewerben soll. Vielleicht sollte die Thematik also doch etwas anders präsentiert werden. Es stimmt schon, die Polen beschweren sich die ganze Zeit, aber das trifft vor allem auf die Generationen unserer Eltern und Großeltern zu. Die Jungen beschweren sich viel weniger, wenn überhaupt. 

Dave (England): Ich bin nicht so ganz überzeugt, dass die Videos wirklich für alle Seher lustig sind. Das mit dem Taxifahrer ist noch das witzigste. Natürlich sind sie aus polnischer Sicht alle amüsant und da ich dort schon gelebt habe, kann ich die Ironie verstehen. Aber die meisten Leute werden diese Filme anschauen und sich dann denken: „Ja und…?“ In England gelten Polen nicht als Nörgler oder Pessimisten. Sie haben viel eher das Image von harten Arbeitern, die mehr Wodka als Bier trinken (jedenfalls denken das die Leute, die noch nie weit über ihre heimische Schwelle hinausgekommen sind). Die einzigen Leute, die über den polnischen Pessimismus Bescheid wissen, sind jene, die schon einmal dort gelebt haben. Zudem macht der Witz mit dem Eisbären für den Großteil der Zuschauer absolut keinen Sinn. Dabei stimmt es schon, zwar beschweren sich auch die Engländer gern, aber das ist nichts im Vergleich zu den Polen. Gegenüber Leuten, die man nicht kennt, mault man in England maximal über das Wetter. Wenn man sich mit fremden Leuten über andere Dinge beschwert, muss man sich schon absolut sicher sein, dass diese die eigene Meinung teilen. Und während man in Polen eine Unterhaltung auch mit einer gänzlich negativen Bemerkung abschließen kann, enden die meisten Gespräche in England doch eher mit positivem Ausblick. Hier würde man zum Beispiel sagen: „Das Leben ist kurz, also genieß es!“ Die Briten und Engländer sind generell optimistischer. Allerdings gilt auch hier, so wie wohl in allen Ländern, wenn wir mit unseren Verwandten und Freunden zusammen sind, zögern wir nicht, uns über alles und jeden zu beschweren, die ganze Zeit.

Monika, Rzeszów (Polen): Die Videos haben meine Aufmerksamkeit erregt, aber ich glaube sie sind nicht lustig genug, um weltweite Bekanntheit zu erlangen. Anstatt Ausländer auf Polen aufmerksam zu machen, werden die Filme meiner Meinung nach vor allem die Polen selbst interessieren, weil sie wissen wollen, was man über sie denkt. Tatsächlich zeigt sich die in den Videos gezeigte Seite der Polen auch nur, wenn sie unter sich sind. Wenn wir mit Ausländern sprechen, sind wir optimistischer und freundschaftlicher. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass Touristen vom pessimistischen Charakter der Polen gar nichts mitbekommen.

Máté (Ungarn): Diese Werbevideos erinnern mich an die Kampagne Why didn't you invest in Eastern Poland, die auch versucht hat, auf originelle Weise eine internationale Debatte anzustoßen. Wir Ungarn sind den Polen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Gewisse Leute beschweren sich gern, während andere sich über jene beschweren, die sich ständig beschweren. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum sich die Ungarn in Polen wie Fische im Wasser fühlen (ebenso wie umgekehrt). Unser kultureller Hintergrund und unsere Denkweise ähneln sich. Der einzige Unterschied ist meiner Meinung nach, dass die Polen generell etwas pessimistischer sind, während die Ungarn außergewöhnlich stolz auf alles sind, was auch nur das Geringste mit ihrem Land zu tun hat. Wenn also beispielsweise die Wasserball-Nationalmannschaft bei den olympischen Spielen dreimal in Folge Gold holt, würden die Ungarn stolz sein ständig damit angeben. Die Reaktion in Polen wäre hingegen: „Wen interessiert schon Wasserball?“ 

Cali, (Spanien): Ich hab die Polen noch nie auf diese Weise erlebt. Ich hab ein ganzes Jahr mit 17 Polen zusammengelebt und ich kann euch versichern, dass sie extrem lustig sind. Ihr ironischer und sarkastischer Sinn für Humor macht sie zu wunderbaren Freunden. Ich würde sagen, dass diese Leute die besten Botschafter für ihre Kultur sind, die weit über Wodka und Marie Curie hinausgeht. Was das Jammern betrifft, kann ich euch sagen, dass die Polen noch weit entfernt sind von den notorisch nörgelnden Spaniern.