Völker, hört die Alarmsignale!

Artikel veröffentlicht am 7. März 2006
Artikel veröffentlicht am 7. März 2006

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Offen für Einwanderung und Respektierung der Menschenrechte: Die multikulturellen Gesellschaften Australiens und Kanadas galten lange Zeit als Vorbild. Doch inzwischen haben auch sie mit Problemen zu kämpfen.

Die „China Towns“ von Toronto und Sydney, der Kebab in Berlin und die hervorragende indische Küche in London: Für die Bewohner dieser Städte gehört die kulturelle Vielfalt mittlerweile zum Alltag. Aber die Einwanderung hat in Australien, Kanada und Europa unterschiedliche Gesellschaften hervorgebracht. Welche sind – von kulinarischen Errungenschaften einmal abgesehen – die Grundpfeiler des kanadischen und australischen Modells?

Hundert Sprachen in einer Stadt

In Kanada und Australien ist Gastfreundschaft seit langem Tradition: Der OECD zufolge wurden 23 Prozent der australischen und zwanzig Prozent der kanadischen Bevölkerung im Ausland geboren, während es in Frankreich lediglich zehn und in Polen sogar nur zwei Prozent sind. 2005 wurden in Australien insgesamt 123,400 neue Einwanderer registriert. Der Großteil stammt traditionell aus Großbritannien und Neuseeland, gefolgt von China und den Philippinen. In Kanada zählte man im Jahr 2004 235,800 neue Immigranten. Seit 1991 verzeichnet das Land einen stetigen Zuwachs an Einwanderern aus dem süd-ostasiatischen Raum, vor allem aus China und Indien.

Die Immigranten zieht es vor allem in die Metropolen. Sydney ist hier das Paradebeispiel: Ein Drittel der Bevölkerung sind Ausländer, jeder zehnte stammt aus Asien. Deshalb sprechen etwa sechs Prozent der Einwohner dieser globalisierten Stadt nicht fließend Englisch. Im kanadischen Toronto werden mehr als hundert Sprachen gesprochen. Seit 1991 haben sich dort mehr als eine halbe Million Ausländer angesiedelt.

Über vierzig Prozent der Bevölkerung gehört einer „sichtbaren“ Minderheit an. Diese wird auf der offiziellen Website der Stadt als eine Gruppe von Menschen definiert, „die weder den Ureinwohnern des Landes, noch der kaukasischen Rasse angehören und nicht weiß sind“ – eine Definition, die vielen Verfechtern der political correctness im alten Europa sauer aufstößt. Nicht zufällig bezeichnen viele angelsächsische Kommentatoren Europa als colour blind, „farbenblind“, weil es dort keinen offiziellen „Leitfaden“ zur Unterscheidung der verschiedenen Rassen gibt.

Kulturelle Vielfalt wird gefördert

Der kanadische Multikulturalismus geht auf den Immigration Act von 1976 zurück. Damals verzichtete Kanada auf das bis dahin gültige System der „ethnischen Präferenz“, das Einwanderer aus den USA, Europa und Großbritannien bevorzugte. Die Fähigkeit des Einzelnen, Familienzusammenführungen und die Menschenrechte waren der Antrieb für diese neue Politik, die die Einwanderer im Sinne humanitärer Werte willkommen hieß. Diese Kursänderung führte im Jahr 1988 zum Multicultural Act. Er erklärte die Achtung und Erhaltung der kulturellen und ethnischen Vielfalt Kanadas zur Aufgabe der föderalen Regierung.

In Australien wählte man einen ähnlichen Ansatz. Mit dem Citizenship Act von 1973 wurden britische Einwanderer nicht mehr bevorzugt. Wie in Kanada richtete sich das Augenmerk nun verstärkt auf Fähigkeit, familiäre Bindung und humane Behandlung der Flüchtlinge. Einwanderungspolitik hat in Australien viel mit kultureller Vielfalt zu tun. Gleichheit und gegenseitige Toleranz der Kulturen werden im Rahmen des Regierungsprogramms Multicultural Australia: United in Diversity gefördert.

Gewalt in Cronulla Beach

Doch nicht nur in in Europa, auch in Australien und Kanada tritt das soziale Gefälle immer stärker hervor und untergräbt so den multikulturellen Konsens. In Kanada erhalten viele gut gebildete Einwanderer schlecht bezahlte Jobs. In den großen Städten entstehen Enklaven, in denen arme Einwanderer leben; jede Integration wird so unmöglich. Im Dezember 2005 gab es im australischen Cronulla Beach Unruhen, bei denen verschiedene Volksgruppen aufeinander prallten. Dies war ein Alarmsignal, da es in mehreren Fällen zu kollektiver Gewaltanwendung, Vandalismus und Racheakten zwischen alteingesessenen Australiern und libanesischen Einwanderern kam. Aber damit nicht genug: Australien sieht sich auch mit den so genannten boat people konfrontiert: illegalen Einwanderern aus den asiatischen Küstenregionen, die den Schutz der Menschenrechte auf eine harte Probe stellen.