Videokritik zur Ratspräsidentschaft: Polen fordert zum Tanz mit den Sternen

Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2011

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Am 1. Juli war es endlich soweit: Polen übernahm den Vorsitz des Europäischen Rats für einen Zeitraum von 6 Monaten. Zu dieser Gelegenheit ließ der polnische Außenminister, Radoslaw Sikorsi, eine symbolische Animation anfertigen, die die Rolle Polens in der Konstruktion der Europäischen Union darstellen soll.
Realisiert wurde der Spot von Tomasz Baginski, der 2003 in der Kategorie „bester Animationskurzfilm“ mit The Cathedral für einen Oskar nominiert war und 2006 mit Fallen Art den BAFTA heimholte. Junge Polen fragen sich, was dieses Jahr wohl schiefgelaufen ist.

Wenn es um Animation geht, ist die Räumlichkeit ein Schlüsselelement. Das europäische Umfeld ist zwar modern, aber auch kalt und überfüllt mit unnahbaren Glasbauten – ganz wie die der Union. Auf einem leer gefegten Platz (denn selbstverständlich schuften alle fleißig in ihren Büros): Europa – geisteskrank, gesetzt, umgeben von dieser „Bizarchitektur“. Auf einmal taucht ein junger Mann aus Richtung Osten auf. Sein durchtrainierter Körper erinnert uns an das typische Klempnerimage, welches einst auf Plakaten polnische Arbeiter anpries.

Zur offiziellen Präsentation des Clips am 27. Juni 2007 erklärte Tomasz Baginski, dass es der Pole sei, der Ereignisse einführe und die Wirklichkeit verändere. Laut des Produzenten ist der Tanz ein gutes Mittel der Veränderung und des Widerhalls dieser Ratspräsidentschaft in der heutigen Welt, der Allegorien und der poetischen Konnotationen.

Die Animation basiert auf der Tanzeinlage von Julia Lesar und Krzysztof Hulboj, Teilnehmer der TV-Tanzshow You can dance. Die Choreographie wurde von dem Kubaner Augustin Egurrola, einem berühmten, in Polen tätigen Choreographen, einstudiert. Ein Walzer im zeitgenössischen Stil bildet die Hintergrundmusik. „Wir wollten, dass die Musik die typischen Elemente der Europäischen Gemeinschaft, von Polen bis zu moderner Musik, miteinander verknüpft. Der Walzer ist einer der bekanntesten und verbreitetsten Tänze Europas. Die Einsätze des Pianos erinnern uns an Chopin und die zeitgenössische Dynamik verweist auf die moderne Musik“, betont Adam Skorupa, Schöpfer des Soundtracks.

Vox-Pop: Meinungen junger Polen

Filip, 22 Jahre

„Mit all den technischen Mitteln und so einem Budget konnten die Urheber dieses Projekts bezahlt werden, um wirklich etwas Gutes zu machen. Aber das hier ist rausgeschmissenes Geld. Wir wissen nicht einmal, wer die Zielgruppe dieser Animation ist. Für junge Europäer? Politiker? Für Mister X? In Polen haben wir keinen Bock mehr auf den Tanz mit den Sternen etc . Bis in den Kühlschrank fühlen wir uns verfolgt von Egurrola.“

Aleksandra, 26 Jahre

„Es ist arm dieses Europa und so einsam! Aber der Pole mit seinem südländischen Temperament (habe ich da etwa Tango und Paso Doble in dieser Choreographie entdeckt ?) wird es aufheizen. Er kommt von Osten… Ein Blonder in rotem, engem Hemd (der typische Pole) nimmt sie von hinten, wie sich ein Politiker ein Zimmermädchen schnappt. Er umgarnt sie und plustert sich auf. Und sie, sie sagt NEIN! Obwohl sie in Wirklichkeit das Gegenteil denkt. Und in diesem Moment streichelt er ihren Hals und sagt: You can dance! Schwierig zu glauben, dass einer der berühmtesten Animationsfilmer hinter diesem Spot stecken soll.“

Andrzej, 20 Jahre

„Es ist gut, dass sie für dieses Projekt qualifizierte Leute engagiert haben (zum Beispiel Baginski und Egurrola). Trotzdem denke ich, dass die Form die Aussage übergeht. Die Animationen sind plastisch und ganz nett. Die Musik ok. Aber was fehlt, sind vor allem Tiefe und Aussage. Natürlich braucht man keinen Husaren, weder den Papst noch Chopin oder sogar Kopernikus, aber ein wenig mehr Originalität hätte schon drin sein können.“

Ignacy, 33 Jahre

„Gemäß der polnischen Präsidentschaft müsste eine autodestruktive 'Inception' der Ideen gemacht werden, mit der es schwierig ist den Rest Europas zu überzeugen.“

Dominika, 30 Jahre

„Eine schöne Zeichnung. Man muss schon sagen, dass die Animation von Baginski beeindruckend ist und die Musik zum Tanzen einlädt. Aber mal im Ernst: meint ihr wirklich, dass jeder Pole beim Anblick dieser schillernden Miniatur, die zu dieser Europäischen Gemeinschaft beigetragen haben soll, weiß, dass es sich um Polen handelt? Wird er sich in dieser Animation wiederfinden? Oder denkt er nicht vielleicht eher an die Fernsehsendung You can dance? Wo ist der Geist Polens? Ich habe in jedem Fall nicht im Entferntesten an Polen gedacht, als ich mir das Werk von Baginski zum ersten Mal angeschaut habe.“

Lukasz, 29 Jahre

„Wie schrecklich! Ich hätte niemals gedacht, dass dieser Spot als Werbung für die polnische Präsidentschaft gelten soll. Erraten hätte ich das nicht. Und ich bin mir sicher, dass diejenigen, die nicht darüber informiert sind, es auch niemals sein werden. Vielleicht für eine Tanzschule? Stundenlang könnten wir diesen Film kritisieren. Melancholische Musik, die nichts mit starken und positiven Gefühlen gemeinsam hat. Ein weiterer Fehler bezüglich der Bildwahl. Die Ratspräsidentschaft verfolgt das Ziel künftige Ereignisse zu beeinflussen, zukunftsgerichtet zu sein. In diesem Sinne kann man uns doch nicht einfach einen melancholischen, vollkommen romantischen Film vorsetzen, der aus der Anfangszeit der Computeranimationen zu stammen scheint.“

Video: (cc) SoInteractiveChannel; ©futureshorts/Youtube;