Vesna Goldsworthy: "Ich bin entfernt mit Karadzic verwandt"

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2008
Die 47-jährige, in Belgrad geborene Journalistin und Schriftstellerin erzählt von ihrem Kampf gegen den Krebs, Kriegstraumata, ihrer verrückten Großmutter und ihrem Cousin - einem Kriegsverbrecher.

Wir treffen die Schriftstellerin, die auf Einladung des British Council in Polen zu Besuch war, beim Autorenabend. Vesna ist eine nette Frau in den Vierzigern, elegant, vornehm. Die für balkanische Frauen charakteristische Distanz mischt sich bei ihr mit englischer Reserviertheit und schwarzem Humor. Im Gegensatz zu Muttersprachlern, die oft wenig Wert auf die Sprache legen, spricht Vesna Goldsworthy mit der wunderschönen Genauigkeit einer Ausländerin, die darum bemüht ist, die Reinheit und Perfektion der Sprache zu erhalten.

Goldsworthy wurde 1961 in Jugoslawien geboren. Sie studierte in Frankreich, verbrachte jedoch den Großteil ihres Erwachsenenlebens in London. Sie hatte ihr Herz an die britische Hauptstadt verloren, nachdem sie ihren Mann, einen Engländer, kennen gelernt hatte.

Zurzeit hält sie Vorlesungen an der Universität in Kingston. Vorher hatte sie auch für die BBC gearbeitet, bei der sie Presseberichte über den Balkankrieg verfasste.

Das Buch Erdbeeren aus Tschernobyl entstand unter dramatischen Bedingungen: 2003 erfuhr die Autorin, dass sie Krebs hat und die Ärzte ihr eine Lebenserwartung von sechs Monaten einräumten. In dieser Zeit wurde ihr klar, dass ihr damals zweijähriger und in England aufgewachsener Sohn im Falle ihres Todes nicht nur seine Mutter, sondern auch seine balkanischen Wurzeln verlieren würde. Sie entschloss sich ein Tagebuch zu schreiben, das Buch einer Mutter an ihren Sohn. Erdbeeren aus Tschernobyl wurde ein Bestseller.

Liebe, vom Uran verseucht

Erdbeeren aus Tschernobyl verdankt seinen Titel den Erdbeeren, die Vesna im Unglücksjahr 1986 eben jenem Engländer anbot, der heute ihr Ehemann ist. "Ich schrieb meine Erinnerungen auf und begann mit dem Frühling 1986, der für die ganze Welt das Jahr des Atomreaktorausbruchs in Tschernobyl war. Für mich war es aber das Jahr, in dem mein zukünftiger Ehemann zum ersten Mal nach Belgrad kam. Hier konnte ich ihn davon überzeugen, dass die serbischen Erdbeeren hundertmal besser schmecken als die englischen." Die Erdbeeren, welche die entstehende Liebe zwischen den beiden symbolisieren, könnten wegen der radioaktiven Verseuchung paradoxerweise auch den Krebs hervorgerufen haben.

Aber es gibt viele Gründe für die Krankheit, beispielsweise das Kriegstrauma. "Zusammen mit meinem Mann ging ich in den achtziger Jahren nach England. Ich musste nicht fliehen. Das Visum erhielt ich problemlos. Später, als ich bei der BBC arbeitete, wo ich Pressemitteilungen über den Krieg verfasste, wurde mir bewusst, wie einfach die Ausreise gewesen war. Die Leichtigkeit dieser Handlung bereitete mir Jahre später Probleme, als ich sah, wie meine Landsleute vor dem Krieg flohen. Damals verstand ich, dass mein Glück Verantwortung mit sich bringt und dass ich beginnen musste, mich für Politik zu interessieren und der Welt darüber zu berichten."

Der Krieg verursachte eine Art Identitätskrise bei Vesna Goldsworthy. "Als die NATO Serbien bombardierte, betete ich sowohl für die Piloten als auch für die Menschen auf der Erde. Der schlimmste Moment in meinem Leben? Den Krieg beobachten zu müssen und nicht sagen zu können, auf welcher Seite ich stehe. Der Krieg machte die Identitätsfrage zu einer schmerzlichen Angelegenheit. Ich denke oft, dass es gerade der mit dem Krieg verbundene Stress war, der zu meiner Krankheit führte."

Zerrissene Identität

Als Jugoslawien aufgeteilt wurde und Vesnas Heimatland in Scherben zerfiel, wollte sie die Wahrheit lange nicht wahrhaben. "Ich redete mir ein, dass der Krieg von selbst enden würde, auf irgendeine geheimnisvolle Weise. Er würde einfach verschwinden. Ich bin durch den Czarnogorski-Zweig meiner Familie fern mit einem Kriegsverbrecher verwandt: Radovan Karadzic. Im Krieg können die Mitglieder jeder Familie potentielle Mörder sein. Als tausende Serben im August 1995 ihr Heimatland verließen, saß ich nachts in der BBC-Redaktion. Massen von Auswanderern füllten die Straßen und ich saß einige Stunden im Bad und weinte. Ich konnte einfach nicht aufhören. Es war schwer sich damit abzufinden, dass die Serben leiden und gleichzeitig die Quelle des Leidens sind", schließt sie leise.

Die Identitätsfrage durchzieht Vesnas ganzes Werk. Bezüglich ihrer Muttersprache sei sie zerrissen, sagt sie. "Englisch ist zu meiner Sprache geworden, aber es gibt viele Dinge, Namen, Gefühle, die in meinem Kopf nur auf Serbisch existieren. Zweisprachig zu sein ist seltsam. Beispielsweise lernte ich erst in England zu kochen. Und daher kenne ich den Großteil der Wörter, die mit dem Kochen verbunden sind nur auf Englisch. Das funktioniert auch in die andere Richtung - ich kann viele Dinge, die mit Serbien verbunden sind nicht auf Englisch ausdrücken, da die Wörter, die den serbischen Ausdruck getreu wiedergeben würden, im Englischen oft nicht existieren. Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, dann auf Serbisch. Wenn ich aber darüber nachdenke, was ich heute zum Mittagessen einkaufen soll, auf Englisch."

Das neue "Ich" in der neuen Sprache

Neben diesem alltäglichen Sprachenwirrwarr stellt sich auch die Frage, in welcher Sprache Goldsworthy schreibt. Die Autorin wendet sich scharf gegen die weit verbreitete Annahme, dass man nur in der Muttersprache gut schreiben könne. "Das Schreiben in einer anderen Sprache eröffnet eine ganz andere Art der Kreativität. Das ist ein Teil der europäischen Geschichte. Man kann nicht sagen, dass Nabokov kein guter Schriftsteller war, weil er als Russe auf Englisch schrieb. Bestenfalls schafft der Schriftsteller ein neues "Ich" in der neuen Sprache. Deshalb habe ich es abgelehnt Erdbeeren aus Tschernobyl ins Serbische zu übersetzen. Das Buch wäre dann ein Anderes geworden."

Exzentrische Oma

Unsere Zeit geht langsam dem Ende zu. Beim Klirren der Gläser, die aufgeräumt werden, kommen wir auf die Bedeutung der Familie zu sprechen. Vesna stammt von einem sehr alten balkanischen Stamm ab. Wenn sie von der vielseitigsten Figur ihres Buches erzählt - der exzentrischen Oma - liegt ein geheimnisvolles Lächeln in ihrem Gesicht. Goldsworthys Augen beginnen zu glänzen. "Die Oma aus Czarnogora sagt immer gerade heraus, was sie denkt. 'Political correctness' kennt sie nicht. "Für Oma teilte sich die Welt in 'wir' und 'sie'. Wir, also die Serben und andere Christen - und sie, die Türken im restlichen Teil der Welt. Oma war auch komisch - als mein Mann und ich sie in Czarnogora besuchten, beschrieb sie ihm genau, wie man einen menschlichen Kopf abschneidet und mariniert. Natürlich hatte Oma noch nie in ihrem Leben einen abgeschnittenen Kopf gesehen. Aber sie dachte, dass es unglaublich witzig sein würde, dem Engländer Angst zu machen."

Die Leiden der balkanischen Geschichte machten die dort lebenden Frauen stark: "Die Männer fielen in den Kriegen, verschwanden und die Frauen blieben alleine und mussten irgendwie zurechtkommen. Nachdem ich aufgrund der Chemotherapie alle Haare verloren hatte und meinen Kopf mit einem Tuch bedecken musste, schaute ich eines Tages in den Spiegel und sah in meinem Gesicht die Gesichter all dieser Frauen. Das gab mir Kraft."