Versteck dein Haar, nicht deine Stimme

Artikel veröffentlicht am 5. November 2007
Artikel veröffentlicht am 5. November 2007

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Fatma, Nihal und Zeynep - diese drei jungen Frauen aus Istanbul lassen Bedenken gegen das Kopftuchverbot im Parlament und an Universitäten in der Türkei aufkommen. Und das kurz vor dem am 7. November erscheinenden, jährlichen Fortschrittsbericht der EU.

Mehr Frauen als je zuvor im Parlament und eine ehemalige Regierungschefin - davon träumen selbst die USA, und das trotz der vielen Erfolge im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau. Lange vor den USA war in der Türkei eine Richterin Präsidentin des obersten Verfassungsgerichts. Im geschlechtsbezogenen Entwicklungsindex (GDI) der Vereinten Nationen von 2004 wurde die Türkei auf Platz 71 von 177 bewerteten Nationen eingestuft, während sie im Human Development Report (UNDP) aus dem gleichen Jahr insgesamt auf Platz 92 von 277 landete. Diese Indizes messen Ungleichheiten in Bezug auf politische und wirtschaftliche Partizipation, Bildung und Lebensstandards.

Strotzen vor Selbstbewusstsein

Nihal, 39, bezeichnet sich selbst als fortschrittliche Muslimin. "Wir Frauen mit Kopftuch wissen sehr wohl, was wir wollen", bekräftigt sie. "Fakt ist, dass die meisten Frauen in der Türkei ein Kopftuch tragen (zwischen 60-70 Prozent). Aber im neuen türkischen Parlament gibt es nicht eine Frau, die ein Kopftuch trägt. Das ist undemokratisch - ich fühle mich politisch nicht vertreten." Nihal hat sehr klare Erwartungen an die politische Zukunft der Türkei. "Wir brauchen einen zeitgenössischen Kemalismus. Atatürks Maximen müssen um menschenrechtliche und liberal-demokratische Prinzipien ergänzt werden."

Melis Kobal ist Studentin im Bereich Internationale Beziehungen an der Universität Istanbul und wesentlich optimistischer: "Ich fühle mich als Frau jetzt wesentlich besser im Parlament repräsentiert als vorher. Mit den Parlamentswahlen vom Juli dieses Jahres wurden 48 Frauen ins Parlament gewählt, doppelt so viele wie zuvor. Und das ist hoffentlich nur der Anfang - wir brauchen noch mehr Einsatz, noch mehr Projekte für die Rechte der Frau." Melis glaubt, dass Männer und Frauen einfach unterschiedlich sind. "Frauen sind emotionaler und achten mehr auf Details, während Männer Entscheidungen schneller treffen und weniger sensibel sind." Immer mehr Frauen in der Türkei gehen einer regelmäßigen Tätigkeit nach. Dadurch verstärken sie ihre Position in der Gesellschaft entscheidend. Sie haben eine Stimme.

Kopftücher an der Universität

Die 24jährige Zeynep ist eine dieser Frauen, die ihre Meinung ungeniert kundtun. Sie glaubt, "dass es die Frauen sind, die hier den Laden schmeißen". Das Kopftuch ist auch an Universitäten verboten. Frauen dürfen also nur dann an Politik und öffentlicher Bildung teilhaben, wenn sie einen Teil ihrer Religiosität aufgeben. Zeynep fühlt sich oftmals diskriminiert, weil sie offen ein Symbol zur Schau trägt, das meist mit rückschrittlichen, ungebildeten und unterdrückten Frauen assoziiert wird.

"Ich trage mein Kopftuch, weil ich an Gottes Gebote glaube", sagt sie. Aber sobald Frauen ihrem Glauben einen höheren Stellenwert einräumen, werden sie aus vielen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen. "Das ist furchtbar", fügt Zeynep hinzu. "Während des Studiums habe ich mein Kopftuch nie abgelegt. Viele meiner Professoren haben meine Entscheidung respektiert und mich unterstützt. Andere haben mir deshalb schlechtere Noten gegeben." Die Absolventin der Bosporus Universität hat große Erwartungen an die Zukunft. "Ich möchte, dass andere meinen Ideen folgen, weil ich glaube, dass ich etwas Wichtiges zu sagen habe." Zeynep will um die Welt reisen und ein Buch "über das Leben" schreiben, so sagt sie.

"Auf der Welt gibt es fast nur patriarchalische Gesellschaften, in denen Männer und Frauen ungleich behandelt werden", fügt Fatma Dili hinzu. Die junge Frau ist 24 und ebenfalls Absolventin der Bosporus Universität. "Wenn der Sohn einer Familie eine Freundin hat, wird er ermutigt und gelobt. Aber ich bin mir sicher, eine Tochter würde ihrem Vater oder Bruder nicht gestehen, dass sie mit einem Jungen ausgeht. Weil sie wüsste, dass die es nicht gutheißen würden. Das ist unfair, aber die Einzigen, die daran etwas ändern können, sind wir Frauen selbst. Frauen sollten sehr bewusst von ihren Einflussmöglichkeiten Gebrauch machen und ihren Kindern beibringen, Männer und Frauen nicht in Schubladen zu stecken. Um es noch einmal deutlich zu machen" - fügt Fatma hinzu - "diese Probleme basieren auf Traditionen und nicht auf der Religion. Männer und Frauen sind nicht nur nach der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen gleich, sondern auch vor Gott."