Verkehrsrevolution in Sevilla

Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 12. Juni 2007

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Die erst U-Bahn-Linie, eine Straßenbahn im Stadtzentrum, eine autofreie Zone und Radwege - Sevilla kämpft gegen das Verkehrschaos und setzt dabei auf "grüne" Fortbewegungsmittel.

Der erste Sonntag im Mai, die Avenida de la Constitución ist voller Menschen. Aber keiner beachtet das brandneue "Metrocentro", eine überdachte Haltestelle für die zukünftige Straßenbahnlinie. Die Bahn ist allerdings noch in der Testphase, ihre Einweihung findet erst im Herbst 2007 statt. Die Passanten bevorzugen es augenscheinlich eine Reihe von Kunstwerken zu kommentieren, die entlang der zukünftigen Metrolinie aufgehangen wurden: ein von der Stadtverwaltung organisierter Wettbewerb, der die Bewohner der Stadt mit dem "Metrocentro" und der Fußgängerzone vertraut machen soll.

Die Sperrung des historischen Stadtkerns für den Autoverkehr ist ebenfalls Teil der "Revolution des Straßenverkehrs", die Bürgermeister und Regionalverwaltung vorantreiben. "Diese zweite Modernisierung", wie der Bürgermeister Alfredo Sánchez Monteseirín es auszudrücken pflegt, findet 12 Jahre nach der Weltausstellung von 1992 statt. Damals hat die Stadt einen modernen Flughafen gebaut, sowie Autobahnen und drei futuristische Brücken über den Guadalquivir-Fluss.

Mehr als ein Jahrzehnt später sind die Prioritäten neu gesetzt worden. Mit Hilfe von neuen öffentlichen Verkehrsmitteln und Radwegen sollen Luftverschmutzung und Klimawandel bekämpft werden - keine selbstverständlichen Ziele in einer Stadt, die der Autokultur anhängt und wo Umweltschutz nicht gerade an der Tagesordnung ist.

Kontroverse U-Bahn-Stimmen

500 Meter von der Freiluftausstellung entfernt, vor dem Grandhotel Alfonso XIII, steht ein Straßenbahnwagen. Im Inneren hängt eine Reihe von alten Fotografien. "Es gab schon 1887 eine Straßenbahn in Sevilla?", wundern sich die jüngeren Besucher.

Pilar besitzt einen Zeitungsstand auf dem Platz Puerta de Jerez. Die Mittsechzigerin erinnert sich: "Der Straßenbahn-Betrieb wurde 1960 eingestellt, und das ist schade, denn ich fand sie viel schöner als die Neue." Die Bewohner haben bereits reichlich Kritik am neuen Modell geübt, das eine Strecke von anderthalb Kilometern abfahren wird. Zu kurz, zu teuer. Die Pfeiler, die die elektrischen Leitungen halten, seien unästhetisch.

Um die Kritik abzumildern, hat die Stadtverwaltung ein Infozentrum eingerichtet. Sie gibt sich alle Mühe, die Bewohner zu beruhigen. Innerhalb eines Jahres sollen die Pfeiler wieder abgebaut werden. Die Straßenbahn soll dann autonom und von einer Batterie betrieben laufen. Das Gleisnetz soll ebenfalls ausgebaut werden. Die nationalistische und konservative Koalition der Partido Andalucista hatte im Fall eines Wahlsieges angedroht, die Straßenbahnlinie wieder zu entfernen.

Nörgelnde Sevillanos

"Die Sevillanos kritisieren gerne, was neu ist. Aber wenn es dann erst einmal da ist, sind sie sehr zufrieden. Sehen Sie sich nur an, wie sich die Leute in der neuen Fußgängerzone drängeln", relativieren Carlos und David. Die beiden Sevillanos haben Sevilla21 gegründet, ein Bürgerdiskussionsforum, das sich vor allem mit urbanen Veränderungen auseinandersetzt.

Sie gehören seit Anfang zu den Enthusiasten und haben alle 'Abenteuer' des Straßenbahn-Baus mitverfolgt: die Entdeckung einer arabischen Mauer bei Grabearbeiten in der Calle San Fernando; die Veränderungen in der Streckenführung; die Demo der Kutschenführer gegen die Fußgängerzone. Denn aufgrund Letzterer ist der Kutschenhalteplatz auf der Plaza Virgen de los Reyes abgeschafft worden - und das sei der beste Halteplatz der Stadt gewesen "um Touristen abzupassen", gibt Miguel zu. Ein anderer Streitpunkt: die Straßenlampen aus dem 19. Jahrhundert ("fernandinas"), an der Haltestelle vor der Kathedrale - sie dürfen schließlich doch stehen bleiben.

Aber nicht nur die Straßenbahn erhitzt die Gemüter. "Die U-Bahn?", ruft Pilar aus, "bis dahin bin ich tot!" Trotz des Beginns der Bauarbeiten auf dem Puerta de Jerez und in San Bernando glaubt Pilar nicht mehr an eine Fertigstellung. Tatsächlich stammt das erste U-Bahn-Projekt Sevillas aus dem Jahr 1974 - es wurde nie umgesetzt. "Damals war der Protest noch stärker als heute", analysiert Daniel von Sevilla21.

Damals hat die Lokalzeitung sogar ein gefälschtes Foto gedruckt. Darauf war zu erkennen, dass sich durch das Graben eines Tunnels die Giralda, das emblematische Stadtmonument, zur Seite neigen würde. Tatsächlich wurde das Projekt jedoch auf Grund von Geldmangel abgebrochen.

Heute sieht die Sache allerdings anders aus. Das Konsortium, das den U-Bahn-Bau finanziert, bezieht von der Europäischen Investitionsbank (EIB) ein Darlehen über 260 Millionen Euro. Außerdem erhält es die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung bei Meinungsumfragen. Die Auto-Anhänger hoffen auf weniger Staus; die Anderen hoffen darauf, sich mit der U-Bahn zeitsparender fortbewegen zu können.

Warten in Dos Hermanas

Die Gemeinde Dos Hermanas ist eine der Haupt-"Schlafstädte" der Provinz. Dort liegt Los Quintos, wo die Bauarbeiten sich auf 200 Metern zwischen Wohnblocks und Cinéapolis hinziehen.

Hier, 10 Kilometer vom historischen Zentrum Sevillas entfernt, kann sich keiner vorstellen, dass die U-Bahn nicht gebaut wird. Vor allem nicht Alberto. Der Jugendliche verbringt täglich eine Stunde im Bus, und hat ausgerechnet, dass er dank der U-Bahn nur noch ein Drittel dieser Zeit brauchen würde.

Die Inbetriebnahme ist für Ende 2008 vorgesehen, war aber ursprünglich für Sommer 2006 geplant. Mehrfach musste das Datum geändert werden: auf Grund der Entdeckung arabischer Ruinen, der Verstärkung des Tunnels unter dem Guadalquivir, der Opposition der Anwohner in Dos Hermanas gegen eine U-Bahn-Führung über Tage. Der Protest war so stark, dass das Konsortium schließlich akzeptiert hat, die Linie unterirdisch zu legen - diese zusätzlichen Arbeiten haben sechs Monate gekostet.

Im Zentrum drängen sich die Radfahrer vor dem Fahrradladen "QueQue bici", der auch Reparaturen vornimmt. Seit 2006 können sie von neuen Radwegen profitieren, sowie von speziell reservierten Parkplätzen.

Alberto Fernandez hebt besonders hervor, dass "es vorher viel zu gefährlich war wegen der Autos. Aber seit den Veränderungen ist die Stadt ideal zum Radfahren: sie ist flach, und es regnet nur selten." Der einzige Störfaktor: die Fußgänger. Sie laufen auf den Radwegen und weigern sich manchmal sogar, die Radfahrer vorbeizulassen. Da brauchen Letztere Geduld - und eine Klingel.

Juan ist Busfahrer der neuen Linie 133 zwischen dem Zentrum und Dos Hermanas. Diese Linie wurde vor kurzem eingerichtet, bis zur Inbetriebnahme der U-Bahn. Juan ist beunruhigt: "Meine Buslinie ist fast ständig leer, obwohl die Bewohner verlangt hatten, dass sie eingerichtet wird. Und was, wenn die U-Bahn genauso leer bleibt nach ihrer Eröffnung?", fragt er sich. "Die Sevillanos", fügt er hinzu, "nehmen das Auto sogar auf einer Strecke von 200 Metern und kümmern sich nicht um die Umwelt." Das 'grüne' Argument alleine überzeuge also nicht. Zeit- und Geldersparnisse müssten sich ebenfalls bemerkbar machen.