Verkehrschaos: Athen außer Atem

Artikel veröffentlicht am 23. August 2011
Artikel veröffentlicht am 23. August 2011
Mit dem Auto durch Athen ? Ein Kunststück. Und dumm gelaufen für die Umwelt! Die Straßen sind dicht und die U-Bahn hat gegen die Taxis, welche die Stadt beherrschen, kaum eine Chance. Fußgänger und Radfahrer machen das beste aus der Situation und hoffen, dass die Stadtverwaltung den Verkehr endlich in die Hand nimmt.
Ärzte und Umweltschützer schlagen derweil Alarm: Die Luft, die Athener atmen, hat mit Reinheit nichts mehr zu tun. Aber während sich die Menschen mit der Wirtschaftskrise plagen, haben Gesundheits- und Umweltfragen keine Priorität. Ein Stadtspaziergang ohne Klimaanlage.

Die griechische Hauptstadt ist alles andere als ein Paradies für Bobos: Die riesige Stadt besteht aus historischen Vierteln, einem Zentrum, in dem sich eine Boutique an die nächste reiht, und einem Horizont aus Beton. Alles in Athen hat unter massiver Stadtplanung gelitten – in erster Linie die Grünflächen. Davon gibt es 2,5 Quadratmeter pro Einwohner, während die Europäische Union 10 empfiehlt. Flüsse, etwa der Kifissos, sind zu Schutthalden verkommen. Athen ist verschmutzt, bedroht durch „nefos“ – jene große, giftige, gelb-braune Sommerwolke – und beherrscht von Autofahrern: Die griechische Metropole hat verkehrstechnisch wirklich einen schlechten Ruf.

Und wer nach Athen reist, um sich vom Gegenteil zu überzeugen, der hat schlechte Karten! Es gibt fast keine Fußgängerzone und Bürgersteige sind mit Schlaglöchern gepflastert. „Es lässt sich ganz leicht auf den Punkt bringen: Für eine junge Frau mit Kinderwagen stellt unsere Stadt eine sehr bedrohliche Umgebung dar!“, sagt Tasos Krommydas. Er ist Mitglied der Grünen Partei Griechenlands und berät den Athener Bürgermeister in Umweltfragen. Aber was einen am meisten verblüfft ist die Anzahl der Taxis in einer Stadt, die zwar längst nicht so groß aber genauso gelb daherkommt wie New York.

Ob junge Mädchen auf Shoppingtour, Siebzigjährige, denen die Hitze zu schaffen macht, oder gestresste Angestellte – für die Athener ist das Taxi ein alltägliches Fortbewegungsmittel - und zudem recht günstig. Bei unserem Treffen erzählt Tasos Krommydas, dass es im Innern der Stadt verboten ist, mit Dieselmotoren zu fahren – außer für Taxis und Firmenwagen. Diese ökologische Widersinnigkeit erklärt auch die Spottpreise für Taxifahren. Die Fahrten sind übrigens meist kurz. Zudem ist das Auto hier quasi eine Institution. Jede Athener Familie besitzt zwei oder drei davon. 

„Öffentliche Verkehrsmittel mögen die Griechen nicht“

So mancher Athener wird auch sagen, dass der Bus verrucht, überfüllt oder vollgestopft mit „Immigranten“ sei – also mit Taschendieben, denn diese beiden Wörter werden hier gewöhnlich synonym verwendet. Andere finden das U-Bahn-Netz nicht ausreichend. Und sie haben nicht Unrecht: Es gibt nur drei Linien in einer sehr ausgedehnten Metropole mit 4 Millionen Einwohnern! Ginge es nach den Grünen, wären die Olympischen Spiele 2004 ein Sprungbrett gewesen, um das öffentliche Verkehrsnetz auszubauen. Bei ihnen steht der Ausbau der U-Bahn noch immer auf dem Programm. Die Verkehrsteilnehmer dagegen sind skeptisch: „In Athen bewegt sich wenig, denn das politische System steht sich in Griechenland selbst im Weg.

Chefredakteur bei econoews.grIn Griechenland regiert die 'Bürokratie'“, erklärt uns Thanassis Skourlas, Chefredakteur von econews.gr. Die Stadtverwaltung kümmert sich um die Beleuchtung der Straßen, die Polizei und die Alkohollizenzen für die Bars… aber der Verkehr ist Sache der Region - und was die Zugverbindungen in die Vororte betrifft, so hat die Landespolitik das Sagen! Es ist als befreie sich die Stadt von den sensibelsten Fragen in Sachen städtische Umweltpolitik.

Sotiris Papaspyropoulos ist Arzt und Leiter des griechischen Netzwerks Healthy cities: „Das Problem mit dem Umweltschutz in Griechenland ist, dass zwar viel darüber gesprochen, es aber bei sehr vorsichtigen Maßnahmen bleibt.“ Vor nur zwei Jahren noch gab es nur einen halben Umweltminister. Umweltfragen wurden vom Ministerium für 'Umwelt und Städtebau' bearbeitet. Und ganz offensichtlich stand der Umweltschutz dabei immer an zweiter Stelle: Um bei den Wahlen gut abzuschneiden, ist Bauen einfach wirkungsvoller.

„Das zweiköpfige Ministerium hat in Griechenland eine widerstandsfähige Tradition etabliert: Umweltschutz ist in erster Linie eine Angelegenheit der Kommunikation. Thanassis Skourlas findet noch klarere Worte: „Pasok [die aktuelle sozialdemokratische Regierungspartei von Andreas Papandreou; A.d.R.] hat vor zwei Jahren das erste Ministerium eingeführt, dass sich zu 100 Prozent mit dem Thema Umwelt auseinandersetzt. Aber Tina Birbili, die einzige Ministerin, die wirklich viel vor hatte, ist der Krise zum Opfer gefallen und wurde im Juni abgesetzt. Ihre Ideen waren zu fortschrittlich.“

Die Krise, ein Wort das man hier häufiger hört, verweist Umweltfragen erst recht auf die hinteren Ränge. „Die Menschen sind umweltbewusst, wenn ihr Portemonnaie nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Mit dem Anstieg der Benzinpreise sind sie nun gezwungen, ihr Auto hin und wieder stehen zu lassen“, so Thanassis. Der griechische Autobesitzer an sich ignoriert übrigens schon mal die Regeln bezüglich der Wartung seines Fahrzeuges. „Am schlimmsten sind die Taxis“, erklärt Dimitris Ibrahim von Greenpeace Griechenland: „Das sind oft sehr alte Fahrzeuge, die mit Dieselmotor laufen. Die Taxis und die alten Lieferwagen, die noch durch die Stadt fahren dürfen, sind eine einzige Katastrophe!“

Wie auch Doktor Papaspyropoulos ist Ibrahim sehr pessimistisch, was die Luftqualität in Athen angeht. „Schwierig, ihnen klare Zahlen zu liefern. Aber als 2009 rund 20.000 Hektar des Waldes, der die Stadt umgab, verbrannten, haben wir unsere natürliche Klimaanlage verloren.“ Die Stadtgeografie ist einzigartig: Die Berge, die Athen umschließen, beschützen die Stadt und kompensieren den Mangel an Grün. Im Juli hat das Gesundheitsministerium den Notzustand ausgerufen: Der klimatische Zustand habe sich dramatisch verschlechtert. „Und gerade jetzt prüft die Regierung die Möglichkeit, Dieselfahrzeuge in die Stadt zu lassen! Bei Greenpeace setzen wir uns dagegen ein, aber in Zeiten der Krise werden die Menschen ohne Zweifel dafür sein.“

Am Ende des Jahrhunderts wird das Thermometer 36 Mal pro Jahr auf die 40-Gradmarke schnellen, was in der Zeitpanne von 1996 bis 2000 nur ein einziges Mal passierte. Und diese Hitze nimmt einem in Athen zusätzlich den Atem. Kombiniert mit dem Feinstaub, den die Autos in die Luft blasen, ist die Hitze eine ernstzunehmende Bedrohung für die Gesundheit der Bewohner. Eine Gefahr, die Mediziner und Umweltschützer genau beobachten. Laut Greenpeace Griechenland hat die Regierung aber bislang noch keinen Bericht zu diesem Thema veröffentlicht.

Dieser Artikel ist Teil unseres Reportageprojekts Green Europe on the ground 2010/ 2011 .

Illustrationen: Homepage ©Bénédicte Salzes; Im Text: Taxis ©Mélodie Labro, Thanassis Skourlas ©Bénédicte Salzes, Tina Birbili (cc)wikimedia