Verjüngungskur in der Lokalpolitik - ein italienisches Phänomen?

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2010
In der kommunalen Politik zu agieren, sich für die eigene Stadt zu engagieren, um den Stillstand des gesamten Staates zu bekämpfen? In Italien, wo über 23.000 junge Menschen Posten in der lokalen Verwaltung bekleiden, scheint das möglich zu sein. Ein kleines Heer von unter 35-jährigen, oft von den Medien übersehen, versteht Politik als Dienst an die Heimat und nicht als Form des Broterwerbs.
Und wie sieht es im Rest Europas aus?

Die Zahlen des Cittalia Berichts des Verbands ANCI (Associazione Nazionale Comuni Italiani "Nationaler Verband italienischer Kommunen") über junge lokale Verwalter der ANCI sprechen für sich: Fast ein Fünftel - nämlich 18,8% - der über 123.000 lokalen Verwalter ist unter 35 Jahre alt. Ein erstaunlicher Anteil, wenn man die Präsenz junger Menschen im nationalen Parlament betrachtet - 3,5% - oder den Anteil junger gewählter Politiker in den Regionen - 2,3%.

Die meisten jungen Politiker unter 35 agieren eher in kleineren Kommunen. 70% von ihnen findet man in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern, woraus man schließen könnte, dass es vor allem die jungen Politiker sind, die gegen die Landflucht und den Zerfall kleiner Dörfer kämpfen. "Hier auf dem Land leben wir im Wohlstand und mit einer besseren Lebensqualität als in großen Städten", erklärt Simona Rossotti, die 29-jährige Bürgermeisterin von Perlo, einer Gemeinde mit gerade einmal 130 Einwohnern in der Region Piemont. "Immer mehr junge Menschen entscheiden sich hier zu bleiben, alte Häuser zu sanieren und hier ihre Kinder groß zu ziehen. Und zwar in einer familiären Gemeinschaft, mit der man sich identifizieren kann", stellt Rossotti weiter fest.

Trotz ihres jungen Alters ist sie in ihrer Kommune bereits zum zweiten Mal zur Bürgermeisterin gewählt worden. Mit der Politik hat sie mit 18 Jahren begonnen. "Als Kind habe ich erkannt, dass wir in unserem Dorf über nichts verfügten. Ich wollte etwas tun, damit mein Dorf lebenswerter wird. Und langsam gelingt uns das auch: Perlo war eine Gemeinde mit keinem lebenswerten Platz. Heute haben wir diesen. Auch die Beleuchtung auf den Straßen haben wir deutlich verbessert. Nun haben wir eine Glühbirne pro Kopf."

WLAN kann nur von jungen Politikern kommen

Hauptantriebsfeder für junge Menschen sich in der kommunalen Politik zu engagieren, sind laut des Berichts bei 77% der Enthusiasmus und der Wille etwas verändern zu wollen. Ganz gleich, ob im Gemeindeausschuss, als Stadtrat oder Bürgermeister. Ganz ähnlich sieht es auch bei dem 35-jährigen Bürgermeister von Florenz Matteo Renzi aus, der mit seiner Wahl 2009 die nationale Diskussion über den (möglichen) Beitrag junger Menschen in der Lokalpolitik wieder angefacht hat. «Wir, die jungen Politiker, haben eine ganz andere Wahrnehmung von der Realität und andere Einstellungen bezüglich bestimmter Themen", beteuert Giacomo D’Arrigo, Gemeinderat von Nizza di Sicilia (Gemeinde in der Provinz Messina im Südosten Siziliens) und Koordinator der Anci Giovane ("Junge Vereinigung der Italienischen Gemeinden"). Der Vorschlag gratis WLAN einzuführen, kommt eher von einem jungen Bürgermeister, als von jemanden, der gar nicht mit Computern umgehen kann."

Innovation, die Beziehung zu Europa oder die Modernisierung der Territorien sind ständige Themen der jungen Lokalpolitiker, die es, trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit der Struktur von "Beschlüssen und Prozeduren", schaffen konnten, konkrete Ergebnisse zu erzielen. Sie haben einen klareren und rationaleren Blick auf die Politik, als man zunächst annehmen würde. "Wenn Du jung bist", unterstreicht D‘Arrigo, "hast Du Erwartungen an die Politik, die sich für die gesamte Gemeinde als positiv erweisen. Du bist angetrieben von Wandel und Innovation. Davon profitieren auch Parteien und Institutionen."

Der junge Stadtrat von Neuilly-sur-Seine, Pariser Vorort, in dem Sarkozy früher Bürgermeister warDie nationale Politik hat jedoch große Mühen dieses Phänomen zu erkennen, das in Italien wesentlich stärker ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern. In Großbritannien oder Frankreich ist das Durchschnittsalter der gewählten Volksvertreter deutlich höher. In Großbritannien oder Frankreich beispielsweise. "In Frankreich gibt es noch sehr wenige junge gewählte Politiker", stellt der Präsident der französischen Vereinigung Jeunes Elus ("Junge Gewählte") Pierre Adrien Babeau fest. "Wenn man das Durchschnittsalter der Abgeordneten betrachtet, erkennt man sehr schnell, dass die jungen Volksvertreter eher unterrepräsentiert sind. Die Politik wird von vielen Politikern als Beruf angesehen. Die Parteien werden von den Älteren blockiert, und die Städte, Departements und Regionen gleichen wiederum Grafschaften", so der 27 Jahre alte Stadtrat von Neuilly-sur-Seine,

Im Europäischen Parlament sieht es auch nicht besser aus. Hier sind nur 8% jünger als 35. Und auch im Rest Europas könnte das Engagement der Jungen in der Lokalpolitik größer sein. Vor allem in Politikbereichen wie 'Arbeit', 'Familie', oder 'Studium' ist die Repräsentanz und die Meinung der unter 35-Jährigen gefragt. "Die jungen Menschen engagieren sich vor allem aus Überzeugung in der Lokalpolitik", unterstreicht Babeau. "Um Politik zu machen muss man frei sein, und um frei zu sein, darf man nicht von der Politik abhängen. Politisches Engagement darf nicht Beruf und Karriere sein. Die Angst vor einem Mandatsverlust schränkt die politische Handlungsmöglichkeit ein", so Babeau weiter.

Pate oder nicht Pate?

In Italien gelingt es nur selten, die Medien und die Öffentlichkeit von der Bedeutung und dem Wert des politischen Engagements junger Lokalpolitiker zu überzeugen. Anci Giovane hat in Taormina (Stadt Nahe Messina im Südosten Siziliens) die Diskussion und Frage aufgeworfen, welche Voraussetzungen erforderlich seien, um heue in Italien Politik erfolgreich zu machen. Die Antwort ist überraschend. Für 45,5% der Befragten ist es eine Notwendigkeit, einen politischen „Paten“ zu haben. Dieser wird für die Laufbahn als Lokalpolitiker als weitaus bedeutender eingeschätzt als die Qualifikationen oder die Persönlichkeit.

Riccardo Rivani, der 26-jährige Finanzrat von Minerbio (in der Provinz Bologna) ist da anderer Meinung: " Ein politischer Mentor ist hilfreich, aber nicht Voraussetzung für eine erfolgreiche Lokalpolitik. Es kommt dagegen häufig vor, dass es kompetente, junge Politiker schwer haben, weil ihnen ihre Mentoren Steine in den Weg legen. Auch in meiner Gemeinde war es gar nicht so einfach den Widerstand und den Skeptizismus der Alteingesessenen zu überwinden. Trotzdem haben wir es geschafft, einen Bürgermeister und zwei Stadträte zu wählen, die unter 35 Jahre alt sind."