Vergesst die Akropolis: „Riot Tourism“ in Athen

Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2013
Artikel veröffentlicht am 2. Mai 2013
Griechenland spielt die Hauptrolle in einem tragik-komischen Theaterstück, das Europa seit bald 5 Jahren aufführt. Gefangen in dieser herabwürdigenden Rolle, die der Rest der Welt ihm aufgedrückt hat, greift das Land auf seinen letzten Rettungsanker zurück: Tourismus.
Eine Führung durch die griechische Hauptstadt, die alles auf „Riot Tourism“, besetzte Gebäude und Street Art setzt - fernab der Akropolis.

„Das ist gut, ich poste es gleich auf Facebook!“, ruft eine junge englische Studentin nach mehreren vergeblichen Versuchen, ein Foto von sich und ihrer Freundin mit der Akropolis im Hintergrund zu machen, erfreut. Jen und Alice machen Urlaub. Sie haben beschlossen, sich eine kleine Auszeit von ihrem Studienalltag zu gönnen und ein paar Tage in Griechenland zu verbringen. Es ist Anfang April. In den meisten Gegenden Europas ist es noch kalt – für die Engländerinnen lag das sonnige Athen als Reiseziel auf der Hand. „Unsere Eltern haben sich schon ein bisschen Sorgen gemacht, uns allein nach Athen fahren zu lassen. Aber wir haben ihnen versprochen, vorsichtig zu sein und nachts nicht wegzugehen. Sie haben uns sogar einen kleinen Extra-Zuschuss gegeben, damit wir uns ein gutes Hotel in einer sicheren Gegend leisten können.“, gibt Alice zu.

Von Stadtführern, Neonazis und Nordkorea

Austeritätspolitik, Protestbewegungen, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, Streiks, die den öffentlichen Nahverkehr vollkommen zum Erliegen bringen, Unsicherheit, illegale Immigranten, die durch die Straßen irren, verbarrikadierte oder leer stehende Geschäfte, Neonazis, die jeden zusammenschlagen, der nicht aussieht wie ein Grieche… in den Medien wird Athen als Stadt dargestellt, die der Krise zum Opfer gefallen ist. Dieses Bild schlägt die Touristen in die Flucht. Aber nicht alle.

An einem sonnigen Nachmittag erzählt mir Kostas Kallergis, Journalist in der Redaktion von The Crisis Republic, bei einem Café Frappé eine fast unglaubliche Geschichte. Von einem Tag auf den anderen, haben die Athener eine neue Art von Touristen kennen gelernt, die sich um einiges von den klassischen Touristen, die dem bunten Regenschirm eines Stadtführers nachlaufen, unterscheiden. Kostas vergleicht den neuen Griechenlandtourismus offen mit einer Art Safari. Von amerikanischen Anarchisten, die in der griechischen Protestbewegung nach Inspiration suchen, über Journalisten und europäische Studierende auf der Suche nach dramatischen Geschichten, bis hin zu denjenigen, die nichts Besseres zu tun hatten, als bei den Unruhen mitzumachen:

„Während der Auseinandersetzungen mit der Polizei habe ich ein Dutzend junger Leute gesehen, die aus verschiedenen europäischen Städten extra nach Athen gereist sind. Sie wollten lieber einen Stein auf griechische Polizisten werfen, statt eine Münze in den Trevibrunnen in Rom.“

Das ist kein Witz. Nach Nordkorea preisen einige Reisebüros ihren Kunden heutzutage Griechenland als Reiseziel an - mit Slogans, die ungefähr so klingen: „Besichtigen sie ein europäisches Krisenland, verwüstet von Elend, Arbeitslosigkeit und Armut! Zu ihrer Linken sehen Sie den Syntagmaplatz, wo zahlreichen Aufstände begonnen haben und zu ihrer Rechten die verbarrikadierte Ermoustraße!“ Und all diejenigen, die in ihren Ferien etwas aufregendes erleben möchten, finden im Internet unzählige Tipps zum Thema „Riot Tourism“.

Die Krise, so viel wert wie historische Ruinen?

„Die Krise ist kein Theaterstück. Stadtrundgänge zum Thema Krise verschlimmern das schlechte Image von Griechenland nur noch.“

Dimitra Papadopoulou ist Stadtführerin aus Leidenschaft. Sie hat einen Doktortitel der Universität Paris XII in Kommunikation und lädt mich zu einer Führung der Akropolis ein, die eine Handvoll Touristen aus aller Herren Länder mitmachen. Auf die neue Art von Krisen-Touristen sollte man Dimitra lieber nicht ansprechen. „Klar hat Griechenland Probleme, man kann die Augen nicht vor der Realität verschließen. Aber die Krise ist kein Theaterstück. Geführte Stadtrundgänge zum Thema Krise werden das schlechte Image von Griechenland nur verschlimmern.“, erregt sie sich. Ein Teufelskreis: ein schlechtes Image bedeutet weniger Touristen. Und je weniger Touristen kommen, desto weniger Arbeit gibt es.

Aggelos Koropoulis, 32 Jahre alt, ist Teil einer Bewegung, die sich Omikron Projekt nennt und deren Mitglieder sich als ganz normale junge Leute beschreiben. Eins haben sie aber gemeinsam: Von den unrichtigen oder überzogenen Darstellungen ihres Landes haben sie die Nase voll. In einer angesagten Bar erklärt er: „Wir können vielleicht nicht viel für die Wirtschaft oder gegen die Arbeitslosigkeit ausrichten, aber wir können nicht einfach tatenlos zusehen. Unser Land leidet schon genug unter dem Spardiktat! Die Darstellung in den Medien macht alles nur noch schlimmer - und schadet vor allem dem Tourismus.“ Aus diesem Grund befinden sich die Aktivisten des Omikron-Projekts auf einem wahren Kreuzzug gegen Stereotype und Vorurteile. Gut, es ist ein ruhiger Kreuzzug. Im Moment geben sie sich damit zufrieden, die Nutzer sozialer Netzwerke zur Mäßigung aufzurufen, Poster zu drucken und Cartoons zu zeichnen, in denen die Hauptperson Alex die lange Liste an Vorurteilen verkörpert, die der Rest der Welt über die Griechen hat.

Tourismus… und Anarchismus

Eine Gruppe junger Griechen, alle Universitätsabschlüsse in Architektur oder Design in der Tasche - aber keinen Arbeitsvertrag – haben das Potential eines „anderen Tourismus“ gewittert. Inspiriert von bereits bestehenden alternativen Stadtführungen (vor allem in Berlin), haben sie das Label „Alternative Tour of Athens“ ins Leben gerufen. „Athen ist eine Art Transitzone geworden: Die Touristen besichtigen nur die Akropolis und fahren dann weiter auf die Inseln. Wir wollten etwas anderes anbieten und das versteckte Gesicht unserer Hauptstadt zeigen. Und dabei eine Geschäftsidee verwirklichen, die Arbeitsplätze schafft.“, erzählt Maria Peteinaki. Die Mittdreißigerin ist heute meine Stadtführerin. Sie hat ihr eigenes Architekturbüro, aber in letzter Zeit bekommt sie keine Aufträge mehr.

Heute steht ein Spaziergang durch das anarchistische Viertel Exarchia auf dem Programm, in das sich angeblich selbst die Polizei nicht leichtfertig hinein wagt. Hier stößt man auf ein buntes Durcheinander aus bemerkenswerter Architektur, Street Art und geschichtsträchtiger Orte sozialer Bewegungen. Auch Besuche von selbstverwalteten Parks und besetzten Gebäuden, in denen Migranten Zuflucht gefunden haben, sind möglich. Heute ist Exarchia ein sehr friedlicher Teil der Stadt, auch wenn hier und da Brandspuren auf den Häusern zu finden und manche Fassaden mit Graffitis bedeckt sind. Auf einer Mauer erinnert eine Gedenktafel an den Tod eines 15-Jährigen, der im Dezember 2008 in einer Auseinandersetzung mit der Polizei erschossen wurde, was die Aufstände im ganzen Land eskalieren ließ. „Diese Graffitis spiegeln eine gewisse Unsicherheit wider.“, stelle ich fest. Doch das war wohl eine etwas vorschnelle Schlussfolgerung meinerseits: „Das sind keine Graffitis“, erwidert Maria. „Das ist Kunst.“

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe ‘EUtopia on the Ground’, die uns jeden Monat in einer anderen Stadt von einem „besseren Europa“ träumen lassen wird. Dieses Projekt von cafebabel.com wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, von der Hippocrène-Stiftung und von der Charles Léopold Mayer-Stiftung finanziell unterstützt.

Fotos: ©Sladjana Perkovici für “EUtopia on the ground”/Athen, April 2013; Videos: (cc)creteregion/YouTube