Verdammte Fräuleins: Mrs, Miss oder Ms?

Artikel veröffentlicht am 8. März 2010
Artikel veröffentlicht am 8. März 2010
Im Vorfeld des Weltfrauentags am 8. März kam wieder einmal ein Thema hoch, über das in cafebabel-Kreisen schon des Öfteren eifrig diskutiert wurde: Wann um Himmels Willen benutzen Englisch-Sprecher eigentlich die Bezeichnung Ms, wenn sie eine Frau ansprechen?

Neulich fragte ich meine Sprachklasse in Paris, welche höflichen Anreden sie im Englischen kennen. „Can I help you, missus?“, schlägt ein Student vor. Nachdem ich betreffende Person höflich darauf hingewiesen habe, dass jemanden Mrs zu nennen, ohne jeglichen Nachnamen hinzuzufügen, ungefähr so klingt als würde ein Straßenhändler aus Dublin herumkrakelen, denke ich mir: Günstige Gelegenheit, um einmal wieder die alte Debatte auf den Tisch zu bringen!

Und fange an zu erklären: Miss ("Fräulein" im Deutschen) lautet die korrekte englische Anredeform für eine unverheiratete Frau. Mrs sagt dagegen, wer eine verheiratete Dame meint. Bis jetzt hatte ich noch nie eine Klasse, die erraten hat, was der schwer fassbare Begriff Ms (im Gegensatz zu Miss mit einem weichen s ausgesprochen) tatsächlich meint: Eine verkürzte Höflichkeitsform der Anrede Mistress. „Wir gebrauchen den Begriff immer dann, wenn wir einfach keine Ahnung haben, ob die Dame vor uns nun verheiratet ist oder nicht“, erkläre ich vereinfacht und denke, damit habe sich die Sache erledigt.

Aber nein! Florian, der Franzose, räuspert sich verärgert und prustet verächtlich drauflos. Sebastian, der Deutsche, lässt mich jede erdenkliche Möglichkeit durchdeklinieren, in der jemand als Ms bezeichnet werden könnte. Und Fatima, ein französisch-saudisches Mädchen, schüttelt ihr Haar stolz hin und her und scheint den anderen auf gebieterische Weise ihre volle Zustimmung bekunden zu wollen. Sieht so aus, als wäre sie von jetzt an eine Ms für ihre Englisch sprechenden Klassenkameraden. Eins ist klar: Für jeden im Raum ist die Ms-Frage ein völlig neues Konzept.

Ich als Ausländer in Frankreich fühle mich hingegen jedes Mal aufs Neue peinlich ertappt, wenn ich eine Fremde Madame oder Mademoiselle nenne - schließlich urteile ich schon über Alter und Lebensart, bevor ich auch nur ihren Namen kenne. Wie Geschiedene damit klarkommen, geht über meinen Verstand hinaus.

Und das, obwohl Ms selbst im Englischen ein verhältnismäßig neuer Begriff ist, wie ich meine Klasse weiter erkläre. Da ihr Familienstand berufstätigen Frauen in den 1960ern oft in die Quere kommen konnte, entschieden sich viele dafür, die aufdringlichen Label Mrs oder Miss gegen ein sachbezogenes Ms zu tauschen. Mittlerweile hat sich der Begriff zu einer Bastion der Political Correctness entwickelt, zur Fahne der Toleranz und Vorurteilsfreiheit. Im Spanischen und Polnischen sind vergleichbare Begriffe, señorita und panna, eher nebenbei ausgestorben.

Mittlerweile als hoffnungslos veraltet gebrandmarkt, werden die Bezeichnungen gemieden und durch doña/señora oder pana ersetzt. Im Deutschen, in dem die Anrede Fräulein bis in die 1970er Jahre als förmliche Anrede für unverheiratete Frauen gleich welchen Alters gebräuchlich war, existiert nur noch die Frau wirklich. Mit der feministischen Bewegung hatte es sich ausgefräuleint. Wenn überhaupt, dient Fräulein vielleicht noch als Kosebezeichnung für junge Mädchen - oder als Popkultur-Referenz im neuesten Tarantino. Sollten andere Sprachen nun diesem Trend folgen? Die Debatte ist eröffnet…

Illustration: ©Henning Studte