#Varoufake oder der Geniestreich des kleinen blassen Jungen 

Artikel veröffentlicht am 20. März 2015
Artikel veröffentlicht am 20. März 2015

Satiriker Jan Böhmermann hat die deutsche Medienlandschaft diese Woche mit einem Video, in dem er behauptet, er habe dem griechischen Finanzminister einen Stinkefinger angedoktort, komplett an der Nase herumgeführt. Wir können besser, als wichtige Debatten auf ein paar Gesten herunterzubrechen, sagt unser deutsch-griechischer Kommentator.

Der kleine blasse dünne Junge lächelt in die Kamera: “So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn uns jemand den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus. Da kennen wir keine sachliche Diskussion mehr”.

Der blasse Junge ist Jan Böhmermann und niemand geringeres als Deutschlands vielleicht europäischster Satiriker. Gerade hat der Moderator des Neo Magazin Royale zugegeben, dass er eine Aufnahme des griechischen Finanzministers aus dem Jahr 2013, in der dieser Deutschlannd den Mittelfinger entgegenstreckt, mutmaßlich gefälscht habe. Dass genau diese Aufnahme von Deutschlands führender Talkshow Günther Jauch aufgegriffen wurde und von Deutschlands meistgelesenem Printmedium, der Bild, genutzt wurde, um Giannis Varoufakis anzuprangern und seinen Rücktritt zu fordern, wirkt nun abstrus und unglaublich falsch.

Spulen wir nun die Zeit einen Tag vor: der Guardian hat darüber berichtet; Böhmermanns mutmaßliches 'Geständnis' wurde bereits mehr als 1 Millionen Mal angesehen; selbst der griechische Finanzminister hat ihm auf Twitter gratuliert und irgendwie weiß keiner mehr so recht, was jetzt wahr und was Lüge ist. Und eigentlich ist es fast schon egal.

#Varoufakefake

Der Geniestreich von Böhmermann ist, dass er es schafft, jeden Beteiligten der Debatte schlecht dastehen zu lassen. Bereits in seinem letzten, kongenialen Musikvideo ist jeder Zielscheibe. So auch in diesem Verwirrungspiel: Wir haben auf der einen Seite einen blitzgescheiten Finanzminister, der zu oft seine Spieltheorie mit der Realität verwechselt und auf einem Drahtseil zwischen erfrischender Wandelsymbolik und eitlem Pfau wandelt. Auf der anderen haben wir das Framing vieler deutscher Medien, die sich gar nicht erst die Mühe machen, auf die Argumente der neuen Regierung des anderen EU-Mitgliedstaates einzugehen.

Auch die bevormundenden deutschen Leitmedien kriegen ihr Fett weg. Denn die haben das Video zwar nicht gefälscht, jedoch O-Ton Böhmermann“(...) aus dem Zusammenhang gerissen und 'nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen, damit sich Mutti und Vati nach dem Tatort noch einmal richtig aufregen können.”

Medienschelte Royale

Am Ende stehen wir alle peinlich berührt da: Denn, für ein Land, das sich so mit seiner Sachlichkeit rühmt, wird hier ganz schön viel emotionalisiert. Genau wie Angela Merkels Politik nicht alternativlos ist, ist auch Deutschlands Umgang mit anderen Ländern nicht so sachlich, wie es sich das gerne wünschen würde. Hinzu kommt, deutsche Leitmedien gefallen sich mehr beim Füttern der Empörungsrepublik als beim Anstoß zu mehr selbstkritischem Denken.

Das ist schade: die Debatte, die in der Luft liegt und vor der wir uns verkriechen, ist es wert, geführt zu werden. Denn es geht um viele wichtige Fragen, die uns als Europäer gemeinsam betreffen: Hat Griechenland ein Recht auf Reparationszahlungen? Wie kann man der Wirtschaft eines Landes, das Hilfe braucht, unter die Arme greifen? Wie die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen? Wie viel gemeinsames Agieren brauchen und trauen wir uns unter der gemeinsamen Währung.

Diese Fragen sind zu wichtig, um sie in aufgeladener Atmosphäre wie ein nationales Nullsummenspiel zu führen. Böhmermanns Coup ist es, sowohl uns als auch Wutbürgern, Medien und Politikern den Spiegel vorzuhalten und bewusst zu machen, wie lächerlich wir uns in dieser Lage verhalten. Wir können besser als Schwarz-Weißmalerei und das Herunterbrechen komplexer Fragen auf ein paar Gesten. Böhmerman hat uns das vermittelt - schonungslos wie es nur Satire vermag. Chapeau.