Uruguay oder Europa: Identitätsstiftende WM 2010?

Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 5. Juli 2010
28 Länder sind bereits nach Hause gefahren, nur vier bleiben übrig. Neben Uruguay sehen die WM-Halbfinals nun definitiv sehr europäisch aus. Schlägt die Niederlande die Südamerikaner, wird entweder Deutschland oder Spanien gegen die Oranjes in einem europäischen WM-Finale um den Titel kämpfen, der bis zum Sonntag noch Italien gehört.
Es geht dabei aber nicht mehr nur um Fußball, sondern auch um de Frage der europäischen Identität: Unterstützen die Europäer auch ein europäisches Land, das nicht ihr „eigenes“ ist?

Ooh, aah, Amerika. Und Australien? Wortwörtlich down (under)… Für einen kurzen Moment ermöglicht es die WM auch dem Normalo, für eine Woche im Fußballfieber Südamerikaner oder für 90 Minuten Afrikaner zu sein. Wann sonst hat jemand von uns schon einmal kollektiv elf Ghanesen unterstützt, die hinter einem Ball her rennen, um den afrikanischen Traum eines WM-Titels wahr zu machen?

Die Westafrikaner waren die einzigen des Gastkontinents, die es bis ins Achtelfinale schafften und die Allgemeinheit stand hinter der letzten afrikanischen Mannschaft im Achtelfinale (vor allem hier in Paris). In England hatte der Guardian angedeutet, dass die Europäer wahrscheinlich nie ein und dieselbe europäische Mannschaft unterstützen würden, so wie zwei Billionen afrikanische Fans auf dem ganzen Kontinent es im Spiel Ghana gegen Uruguay getan haben. Ein Unterschied könnte darin bestehen, dass immer noch drei europäische Mannschaften im Spiel sind, die es zu unterstützen gilt (zwei aus dem Norden - Holland und Deutschland - und eine aus dem Süden - genau genommen der Europameister 2008 Spanien).

“Europäische Weltmeisterschaft”

Werden die Fans der klassischen europäischen Mannschaften wie Italien, Frankreich und England, die in hohem Bogen aus dem Turnier flogen oder die Fans der ausgeschiedenen Slowaken, Slowenen und Dänen nun die „großen Drei“ im Halbfinale und im Finale zwischen dem 6. und dem 11. Juli unterstützen? Wieso nicht? Vor nur einer Woche, als die großen Favoriten Brasilien und Argentinien noch mit dabei waren, war in den Medien noch die Rede von einer „Südamerika-Meisterschaft“.

Die französische Tageszeitung Le Monde führte die Manie auf einen ausgeprägten Patriotismus der Südamerikaner zurück und befründete die Leidenschaft zugleich mit der Tatsache, dass viele der südamerikanischen Spieler weit weg von zu Hause spielen - sprich in Europa. Unterdessen bejubeln die französischen Medien das Comeback des „Alten Europa“, während die Süddeutsche Zeitung von einem „'Empire' Europa“ spricht. 

James Whyte, ein englischer Fußballexperte unter den Babelianern, stellt die Identitätskrise in einen allgemeinen historischen Kontext. „Kurz und bündig: Die Europäer hassen einander, wenn es um Fußball geht, was auf die Kriege und die Konflikte, die sie untereinander ausgetragen haben, zurück zu führen ist. Fußball gibt das allgemeine Recht zur Prahlerei. Afrikanische Nationen hingegen hatten keine kontinentübergreifenden Kriege. Seit ihre Konflikte zivil sind und innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen bleiben, gibt es keine Feindschaft gegenüber den Nachbarn mehr. Sie halten zusammen, nicht wie die Europäer. Die Südamerikaner sind ein Mix aus beiden Idealen. Nimm Argentinien und Uruguay, die Freunde sind, während Argentinien und Brasilien sich als große Rivalen sehen.“

Ein wenig Europa-Feeling existiert dennoch; ein Trend, der die europäischen Auswanderer heimsucht, die grundsätzlich für das Land sind, das sie bereits besucht oder sogar bewohnt haben. Es ist normal für Expats mehrere Mannschaften gleichzeitig zu unterstützen. So zum Beispiel die Bosnier, Türken und Polen, die nun wahrscheinlich den dreifachen WM-Titelträger und gegenwärtiger Top-Scorer der WM, Deutschland, unterstützen - aufgrund der multi-ethnischen Zusammensetzung der Nationalelf.

Bei einer cafebabel.com-Umfrage gaben die meisten an, Uruguay unterstützen zu wollen. Dieses Identifikationsschema ist ein bisschen zu offensichtlich - der „Under Dog“, hier Uruguay als der Nichteuropäer, findet immer Befürworter. Wie auch immer, eine italienische Webseite weist darauf hin, dass von den bisherigen 18 Weltmeisterschaften neun von Europa und neun von Südamerika gewonnen wurden - das heißt, dass theoretisch kein wirklicher „Under Dog“ existiert. Eine eindeutige Identifikation findet jedoch weder mit Südamerika noch mit Europa statt - auch wenn Letzteres versucht einen Platz in der Welt einzunehmen, vereint oder nicht.

Foto: ©austinhk/Austin H. Kapfumvuti