Unterwegs zu Hause

Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Artikel veröffentlicht am 2. September 2008
Es gibt eine Zeit im Jahr, in der die Roma-Volksgruppen aus aller Welt eine Art eigene Nation, besser gesagt eine eigene Stadt haben. Und zwar um den 24. Mai in Saintes-Maries de la Mer, in der Camargue.

In diesen Ort zwischen Teichen mit seinen rund 2.500 Bewohnern (abgesehen von den Flamingos, Stieren und Pferden) kommen dann ganze Wohnmobil-Karawanen, eine weiße Herde auf Kurs in Richtung Rhone-Delta. Die Reisenden sind spanische und südfranzösische Zigeuner, französische Manouches, Sinti aus Italien und Roma aus ganz Europa. Vor Jahrtausenden kamen die “drei Marien“ Maria Magdalena, Maria Salome von Galiläa und Maria des Kleophas mit einem Boot hierher.

Der Mythos der Schwarzen Sarah

Einer Legende zufolge soll sich auf dem Boot, mit dem die drei Marien von Palästina nach Frankreich kamen, auch deren Dienerin Sarah befunden haben. Eine andere erzählt, dass Sarah eine Nomadin war, die diesen palästinensischen Flüchtlinge in ihrem Dorf aufnahm. Aufgrund ihrer dunklen Haut, die auf mysteriöse Ursprünge schließen lässt, wird sie “Sara-la-Kâli“, die Schwarze, genannt. Sie ist die Schutzpatronin der Romanì, auch wenn sie von der Kirche nicht offiziell anerkannt ist.

Daher wählten die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen diese Patronin, die so war wie sie selbst, mit dunkler Haut und ausgestoßen. Am Nachmittag des 24. Mai wird die Heilige Sarah bei einer Prozession durch die Straßen bis zum Strand getragen, an die Stelle, an der das Boot einst an Land gekommen sein soll. Mit viel Mühe kämpfen sich die Träger der Statue durch die überfüllten Gassen. Auch die Wächter der Camargue auf ihren typischen Schimmeln und die Arlesianerinnen mit ihren schweren Trachten können sich kaum bewegen, geben den Mut aber nicht auf. Am Strand strömt die Menschenmenge dann in Richtung Meer. Die Träger der Statuen, die “gens du voyage“ (die Reisenden, wie die Zigeuner in der Camargue genannt werden) und die Wächter zu Pferd gehen ins Wasser und stellen sich zum Strand gewandt in einer Reihe auf. Dies ist der feierlichste und mystischste Augenblick, der Höhepunkt der Pilgerreise, wenn sich die Einheimischen und die Pilgerer im Gebet vereinen. Nach Beendigung des Rituals wird die Heilige Sarah begleitet von Musik und Glockengeläut wieder in die Kirche zurückgetragen. Nun beginnt das Volksfest und die Musiker auf den Plätzen und den Terrassen der Cafés nehmen ihre Instrumente zur Hand. Am Beliebtesten ist der Flamenco, aber auch der Jazz der Manouches und die balkanischen Fanfaren fehlen nicht.

Invasion italienischer Touristen

Alle Hotels in Saintes-Maries de la Mer sind komplett ausgebucht. Auch alle Parkplätze, Campingplätze und Stellplätze für Wohnmobile sind voll. Zum Übernachten muss man 40 Kilometer weiter nach Arles fahren. Man spricht von etwa 40.000 Personen, während das Touristenbüro 25.000 Besucher und 7.500 Zigeuner registriert. In wenigen Tagen verzehnfacht sich die Bevölkerung des Ortes. Besonders überraschend dabei ist die Zahl der italienischen Touristen. Berichten der Lokalzeitung “La Provence“ zufolge sind die Italiener unter den ausländischen Besuchern die zahlreichsten. Und dies trotz des allgemeinen Misstrauens gegenüber den “Zigeunern“. “Wir haben schon vor zwei Monaten gebucht”, erzählt Maria aus Savona, die mit einer Gruppenreise hierher gekommen ist. Carla fügt hinzu: “Wir sind extra wegen der Veranstaltung hier”, und Silvana sagt: “Wir haben keine Angst, wir sind hier, weil wir neugierig sind und sehen und wissen wollen.“ Der Tourismusverband “Sguardi oltre il confine“ (“Blick über die Grenzen“, A.d.R.) aus Bergamo hat Saintes-Maries de la Mer schon seit sechs Jahren in seinem Angebot. “Das Ziel haben wir für diese ‘gesegnet-verfluchten‘ Zigeuner in unser Programm aufgenommen, weil wir sie und ihre Realität kennen lernen wollen“, kommentiert die Verantwortliche des Verbandes, Daniela Coria. “Wir wollen, dass die Leute das Anderssein verstehen und etwas dazulernen, wenn auch die Nachfrage bislang nie sehr groß war.“ “Das ist das siebte Mal! Jetzt ist Schluss!”, schreit ein Junge, der allein steht und von einer “Zigeunerin“ angesprochen wird. Zum x-ten Mal werden ihm Anstecknadeln der Heiligen Sarah zum Kauf angeboten, die “Glück, Gesundheit und Liebe“ spenden sollen.

Kaum Sinti in Saintes

An den Hafenmolen weht ein starker Mistral. Hier parken drei italienische Wohnmobile mit zwei Sinti-Familien aus der Lombardei. Die Männer stehen draußen, sie reden, rauchen und trinken Bier. Die Frauen laufen den Kindern hinterher und ein Mädchen, das als Flamenco-Tänzerin verkleidet ist, hüpft um die Wohnmobile herum. Daniele mit dem schmalen Schnauzer und einem Cowboy-Hut kommt aus Desenzano: “Wir sind keine Roma, sondern Sinti”, betont er. “Ich lebe in einer Wohnung und die auch“, dabei zeigt er auf seine Familienmitglieder. Trotzdem behalten sie ihr Wohnmobil, mit dem sie auf Pilgerfahrten gehen. “Wir sind gestern aus Lourdes gekommen“, erzählt er. “Unsere Enkel kennen aber schon einige Wörter nicht mehr”, sagt Nanni, der Vater von Daniele, zum Sprachgebrauch. Und Daniele fügt mit dem für Brescia typischen Akzent hinzu: “Ich weiß weniger als mein Vater und meine Tochter weiß weniger als ich“.

Und wie empfinden diese Personen, die schon seit Generationen Italiener sind, die aktuelle Situation? “Die Kriminalität stört uns genauso, was glaubt ihr!?”, empört sich Daniele. “Durch das Verschulden Weniger werden alle verurteilt. Und oft wird nicht die Wahrheit gesagt. Die Geschichte von der Zigeunerin, die in Neapel das Baby geraubt haben soll, ist eine Lüge.“ Die Männer trinken weiter Bier, unter den prüfenden Blicken der Frauen, die dazu ermahnen, es nicht zu übertreiben. Dann reden wir vom Fußball und vom italienischen Nationalspieler Andrea Pirlo: “Er kommt aus unserer Gegend, seine Eltern waren Karussellbetreiber, genau wie wir. Dann hat Andrea viel Geld verdient und seine Familie hat sich selbstständig gemacht“. Eins der Familienoberhäupter erinnert daran, dass sie sich nicht zu lange aufhalten können. Schon seit einigen Tagen stehen sie auf diesem nicht für Wohnmobile erlaubten Parkplatz und die Ordnungskräfte haben sie bereits ermahnt. Am Abend werden sie nicht mit den anderen Pilgern am Dorffest teilnehmen: “Wir sind zu einem privaten Fest eingeladen und morgen geht’s nach Hause“, nach Italien.